Bottrop: Anwalt unterstellt Apotheker Mordversuch aus Habgier

Prozess um gepanschte Krebsmedikamente: Opfer-Anwalt unterstellt Apotheker Mordversuch aus Habgier

Unter großem Medienandrang hat vor dem Essener Landgericht der Prozess um angeblich gestreckte Krebsmedikamente begonnen. Angeklagt ist ein Apotheker aus Bottrop. Ein Opfer-Anwalt unterstellt ihm eine Tötungsabsicht.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47-Jährigen vor, von 2012 bis 2016 Krebsmedikamente zu gering dosiert, bei den Krankenkassen aber voll abgerechnet zu haben. B etroffen sind mutmaßlich mehr als 1000 Patienten aus sechs Bundesländern. Den gesetzlichen Krankenkassen soll ein Schaden von rund 56 Millionen Euro entstanden sein.

Noch vor Verlesung der Anklage wird der Prozess unterbrochen, weil ein Opfer-Anwalt dem angeklagten Apotheker Peter S. eine Tötungsabsicht unterstellt - bislang wirft ihm die Staatsanwaltschaft neben Arzneimittelpanscherei in rund 60.000 Fällen und Kassenbetrug lediglich versuchte Körperverletzung vor. Dass der Apotheker Medikamente gepanscht habe, sei ein Mordversuch aus Habgier, argumentierte Anwalt Siegmund Benecken, der eine der betroffenen Frauen vertritt. Das Verfahren gehöre deshalb vor das Schwurgericht, das über entsprechend schwerwiegende Anschuldigungen verhandelt.

Das Gericht entscheidet nach einer Beratung, dass der Antrag erst später zugelassen wird. Dann folgt eine bizarre, nicht enden wollende Verlesung von Zahlenketten. Mehr als 800 Seiten lang ist die Liste mit Vorwürfen gegen Peter S. Der Einfachheit halber werden die Tabellen, die die Seiten 9 bis 783 füllen, in geraffter Form vorgetragen. So referiert der Staatsanwalt vor allem über Dreierlei:

Erstens, in welchem Maße Peter S. welche Medikamente unterdosiert haben soll - es sind bis zu 80 Prozent bei rund 35 meist hochpreisigen Wirkstoffen.

Zweitens, wie viele Chemotherapien er in den fünf Jahren bis zu seiner Verhaftung Ende November 2016 entsprechend gepanscht haben soll: mehr als 60.000 sind es, der Gesamtschaden für die Krankenkassen beträgt rund 56 Millionen Euro.

Drittens eine beispielhafte Auswahl von rund 60 Fällen: Wirkstoff, verschriebene Dosis, tatsächlich enthaltene Dosis, Name des Patienten. Rund eine Dreiviertelstunde dauert allein dieses Stakkato der grundlegendsten Fakten. Die meisten Nebenkläger starren ins Leere, die Betroffenen-Sprecherin Christine Piontek vergräbt irgendwann ihr Gesicht in den Händen.

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Peter S. sitzt da, zwischen seinen vier Verteidigern, und guckt so ausdruckslos, als habe er mit alledem nichts zu tun.

Schöffe war selbst Apotheker in Bottrop

Um 11.30 Uhr wird die Verhandlung erneut unterbrochen. Die Nebenkläger halten einen der Schöffen für ungeeignet, weil dieser selbst jahrelang eine Apotheke in Bottrop betrieben haben soll und den Angeklagten daher zu gut kenne.

Zum Prozessauftakt kamen auch zahlreiche Betroffene. Sie erwarten vor allem Antworten auf das Warum. Eine 56-jährige Frau aus Bottrop, die an Krebs erkrankt ist und vom angeklagten Apotheker Medikamente bezogen hat, sagte vor Prozessbeginn: "Ich möchte leben und kämpfe dafür, dass es ein gerechtes Urteil geben wird."

(mit Agenturmaterial)

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