Bonn: Totmann-Schaltung-Anordnung nach Straßenbahn-Geisterfahrt

Fahrer war bewusstlos geworden : Straßenbahn-Irrfahrt durch Bonn hat landesweite Änderung zur Folge

Minutenlang und kilometerweit war eine Straßenbahn nachts in Bonn außer Kontrolle, weil der Fahrer bewusstlos war. Die 20 Insassen hatten sehr viel Glück. Damit sich so etwas nicht wiederholt, sollen nun alle 1700 Straßenbahnen in NRW umgerüstet werden.

Nach der kilometerlangen Fahrt einer außer Kontrolle geratenen Straßenbahn in Bonn sollen alle rund 1700 Straßenbahnen in Nordrhein-Westfalen umgerüstet werden. Das hat die Bezirksregierung Düsseldorf als Konsequenz aus dem Vorfall angeordnet. Die sogenannte Totmann-Schaltung müsse künftig vom Fahrer regelmäßig alle 15 Sekunden betätigt werden. Bisher musste sie permanent betätigt werden. Weil der bewusstlose Fahrer in Bonn sie trotz Ohnmacht gedrückt hielt, war die Bahn mit Tempo 80 unkontrolliert 6,5 Kilometer weit die Nacht gerast. Erlaubt sind auf der Strecke 70 Stundenkilometer.

Dabei seien 13 Bahnübergänge überfahren worden, fünf davon waren nicht vollständig gesichert, berichtete die technische Aufsichtsbehörde am Dienstag nach der Untersuchung des „bisher bundesweit einmaligen Vorfalls“. Zwar hätten die Ampeln auf der Strecke für den Straßenverkehr bereits Rot gezeigt, aber die Schranken seien noch nicht alle geschlossen gewesen.

Fahrgäste hatten die Tür zur Fahrerkabine aufgebrochen und die Bahn nach fünfeinhalb Minuten zum Stehen bringen können. Auch das mehrfache Ziehen der Notbremse war zuvor wirkungslos geblieben. Insgesamt waren rund 20 Fahrgäste in der Bahn. Sie kamen mit dem Schrecken davon.

„Definitiv hätte es schlimmer kommen können. Die Fahrgäste haben hellwach und vollkommen richtig reagiert. Es ist sehr glimpflich abgelaufen“, sagte Regierungspräsidentin Birgitta Radermacher. Das Szenario erinnere sehr an einen Horrorfilm. Technisch hätten die Systeme aber einwandfrei funktioniert. Es habe kein Defekt vorgelegen, auch organisatorisch seien keine Fehler entdeckt worden.

Die Notbremse sei bewusst überbrückt gewesen, damit die Bahn nicht beispielsweise in einem brennenden Tunnel voller Rauch zum Stehen kommt, wenn sie von einem Fahrgast gezogen wird. Das Ziehen der Notbremse habe beim Fahrer wie geplant ein Warnsignal ausgelöst, das er hätte bestätigen müssen.

Künftig muss die Totmann-Schaltung alle 15 Sekunden ein Lebenssignal des Fahrers erhalten. Andernfalls wird eine Zwangsbremsung eingeleitet. Die Nahverkehrsunternehmen bekommen für die Umrüstung zwei Jahre Übergangsfrist. Die durch die Maßnahme entstehenden Kosten konnte die Behörde nicht beziffern.

Modernere Züge könnten wahrscheinlich umprogrammiert werden, berichteten die Experten der Behörde. Bei älteren Bahnen könne es sein, dass ein neuer Stromkreis eingebaut werden müsse. Die Bahn der Linie 66 hatte in Bonn acht Haltestellen ungebremst durchfahren, bevor sie gestoppt werden konnte. Fahrgäste mussten dafür erst das Sicherheitsglas des Fensters zur Fahrerkabine eintreten.

„Es war eine Stimmung, wie man sie aus einem Katastrophenfilm kennt. Plötzlich brach Panik aus“, hatte ein Fahrgast berichtet. Die Straßenbahn der Linie 66 war vor einem Monat, am 22. Dezember 2019 zwischen 00.36 und 00.42 Uhr außer Kontrolle gewesen.

Der Fahrer, der in seiner Kabine bewusstlos zusammengesunken war, wurde in ein Krankenhaus gebracht, das er bald darauf wieder verlassen konnte. Die Bahn war sichergestellt und untersucht worden. Auch der Fahrtenschreiber wurde ausgewertet.

(mba/dpa)