Bonn: Siegauen-Vergewaltiger ist voll schuldfähig

Gutacherin über Siegauen-Vergewaltiger : „Die Tat war hochgradig gesteuert“

Im Revisionsprozess um die Vergewaltigung einer Studentin in der Bonner Siegaue hat die psychiatrische Sachverständige Nahlah Saimeh ihr Gutachten vorgestellt. Demnach ist der Angeklagte Eric X. voll schuldfähig.

An Händen und Füßen gefesselt wird Eric X. von zwei Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Der 32-Jährige geht gebückt und langsam, sein rechter Arm ist verbunden – seine Verletzungen sind Folge eines Feuers, das er in seiner Zelle in der JVA Köln gelegt hatte. Fast 30 Prozent seiner Haut waren verbrannt, Ärzte versetzten ihn ins künstliche Koma. X. ist nun in der psychiatrischen Abteilung des Gefängniskrankenhauses Fröndenberg untergebracht. Der Vorsitzende Richter gestattet dem Angeklagten, sitzenzubleiben, als die Kammer den Saal betritt.

Es ist der wichtigste Tag im Revisionsverfahren um die Vergewaltigung einer Studentin in der Bonner Siegaue: Nahlah Saimeh, Sachverständige für forensische Psychiatrie, stellt am Dienstag im Bonner Landgericht ihr Gutachten über den Angeklagten Eric X. vor. Es geht um die Frage seiner Schuldfähigkeit – der Bundesgerichtshof (BGH) hatte das erste Urteil aus Bonn teilweise aufgehoben, weil die Richter Zweifel an der Schuldfähigkeit des Angeklagten hatten. Im ersten Verfahren war ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert worden - als vermindert schuldfähig wurde er nicht eingestuft. Er war im Oktober wegen schwerer Vergewaltigung und schwerer räuberischer Erpressung zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. X. bestreitet die Tat bis heute.

Die Psychiaterin Saimeh, die zuletzt im Höxter-Prozess in Paderborn das angeklagte Ehepaar begutachtet hatte, hat mehrere Stunden mit dem Angeklagten in seinem hoch gesicherten Haftraum in Fröndenberg gesprochen - getrennt durch eine Plexiglasscheibe. X. gilt als unberechenbar, im ersten Prozess beleidigte und verhöhnte er das Opfer, in der Haft randalierte er immer wieder. Als er seine Zelle im Frühjahr in Brand steckte, war zunächst nicht klar, ob er sich umbringen wollte. Der Gutachterin sagte X. aber, er habe das Feuer aus Frust gelegt, weil er den Vorsitzenden Richter habe sprechen wollen. „Er hat dann Papiere angezündet und war selbst überrascht, wie schnell das Feuer außer Kontrolle geraten ist“, sagt Saimeh.

Er hat seinen Schwager erschlagen

Sie beschreibt den Angeklagten als jemanden, dem „niemandem am Herzen liegt“, ein Einzelgänger, wenig empathisch, impulsiv, seine Persönlichkeit sei „deutlich narzisstisch akzentuiert“. Aufgewachsen mit neun Halbschwestern sei X. in seiner Heimat Ghana vom Vater wie ein Prinz behandelt worden. Die Familie gehörte zu einer „bevorzugten sozialen Schicht“, besaß eine Kakaoplantage. Wie schon im ersten Prozess bekannt geworden war, hat X. in Ghana im Streit seinen Schwager erschlagen, war deshalb aus seinem Heimatland geflüchtet. Die Sachverständige sieht im Gegensatz zum ersten Gutachten aber weder eine Persönlichkeitsstörung noch eine seelische Abartigkeit beim Angeklagten, auch wenn er einige psychopathische Persönlichkeitsanteile habe. Es sei deshalb verfehlt, ihn als vermindert schuldfähig einzustufen, sagt Saimeh.

„Die Tat war hochgradig gesteuert“, sagt sie. Eric X. hatte eine 23-Jährige und deren Freund in der Nacht auf den 2. April 2017 beim Zelten in der Bonner Siegaue überfallen. Er schnitt das Zelt des Paares mit einer 80 Zentimeter langen Astsäge auf und sagte: „Come out bitch. I wanna fuck you“, nachdem er Geld verlangt und eine Musikbox an sich genommen hatte, die das Paar ihm angeboten hatte, in der Hoffnung, dann in Ruhe gelassen zu werden. Dafür, dass X. während der Vergewaltigung zu jeder Zeit wusste, was er tat, also steuerungsfähig war, spricht nach Überzeugung der Gutachterin auch folgende Szene: Als er vor dem Zelt hörte, dass der Freund des Opfers telefonierte – er alarmierte damals die Polizei – wollte er sich von der Studentin abwenden und ins Zelt gehen, sie beschwichtigte ihn aber, damit ihr Freund Hilfe holen konnte. Die Tat habe ein ganz banales Motiv gehabt: „Er wollte Geschlechtsverkehr haben. Einen tieferen Sinn gibt es nicht“, sagt Saimeh. Er habe schlicht die sich ihm bietende Gelegenheit genutzt.

Am 5. Oktober wird die Kammer ihr Urteil verkünden.

(hsr)