Bonn: 20-Jähriger ist nach Angriff auf Professor wieder frei

Nach antisemitischer Tat in Bonn: 20-Jähriger ist nach Angriff auf Professor wieder frei

Ein israelischer Professor ist beim Spaziergang in Bonn von einem Passanten angegriffen worden. Die hinzu gerufenen Polizisten verwechselten Opfer und Angreifer und schlugen irrtümlicherweise den Professor zu Boden. Inzwischen ist der Angreifer wieder auf freiem Fuß.

Erneut ist es in Deutschland zu einem antisemitischen Übergriff gekommen - gefolgt von einer Verwechslung der Polizei. In Bonn wurde ein israelischer Hochschulprofessor aus den USA von einem jungen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln attackiert. Der 20-Jährige wurde nach der Tat in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, ist inzwischen aber wieder frei. Die behandelnden Ärzte hätten nichts finden können, was einen weiteren Klinikaufenthalt gerechtfertigt hätte, heißt es. Die Vorwürfe gegen den Mann mit festem Wohnsitz seien aber auch nicht so schwerwiegend, dass er in Untersuchungshaft genommen werden könne. Gegen den Mann wird wegen Körperverletzung und Volksverhetzung ermittelt.

Er soll dem Gastprofessor aus den USA mehrfach die Kippa vom Kopf geschlagen und ihn beleidigt haben. Über die Entlassung aus der Klinik hatte der Bonner "General-Anzeiger" berichtet. Nach der Tat war der jüdische Philosophie-Experte auch noch von der deutschen Polizei verletzt worden - weil diese ihn für den Täter hielt. Kommentar der Bonner Polizeipräsidentin: "Ein schreckliches und bedauerliches Missverständnis"!

Nach Darstellung der Polizei verlief der Angriff wie folgt: Der Wissenschaftler von der Universität der Stadt Baltimore an der US-Ostküste, angereist zu einem Gastvortrag, ist am Mittwochmittag mit einer Bekannten im Hofgarten mitten in Bonn unterwegs. Er trägt eine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Plötzlich spricht ihn ein junger Mann an, beleidigt ihn auf Englisch wie auf Deutsch, ruft unter anderem "Kein Jude in Deutschland!". Mehrfach schlägt er ihm die Kippa vom Kopf, schubst ihn und schlägt ihm gegen die Schulter. Der Angegriffene setzt sich zur Wehr, seine Begleiterin alarmiert die Polizei.

Als die Sirene des Streifenwagens ertönt, rennt der junge Mann weg, der Professor verfolgt ihn. In diesem Moment treffen die Polizisten ein - und halten den 50 Jahre alten Israeli für den Angreifer, zumal er, so die Schilderung der Beamten, auf den Zuruf "Stehen bleiben" nicht reagiert. Daraufhin überwältigen ihn die Polizisten, bringen ihn zu Boden und fixieren ihn. Da er sich dagegen wehrt - so erneut die Schilderung der Polizei - schlagen sie ihm auch ins Gesicht. Nach Angaben eines Polizeisprechers trägt er blaue Flecken davon: "Er ist auf jeden Fall verletzt, da können wir nichts rechtfertigen."

„Verhängnisvollen Missverständnis“

Seine Begleiterin kann das Missverständnis aufklären. Erst jetzt erfolgt die Festnahme des mutmaßlichen Angreifers. Der 20 Jahre alte Deutsche ist der Polizei bereits durch Gewaltkriminalität und Drogendelikte bekannt. Nach Untersuchungen wird er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Soweit die Darstellung der Bonner Polizei.

  • Angriff auf israelischen Wissenschaftler in Bonn : Polizeipräsidium Köln untersucht Verhalten der Beamten

Das Verhalten der Polizisten wird nun vom Polizeipräsidium Köln untersucht. Die Bonner Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa traf den Professor - Experte für den Philosophen Spinoza und den deutschen Idealismus - am Donnerstagmorgen kurz vor seinem Abflug. NRW-Innenminister Herbert Reul entschuldigte sich am Telefon bei ihm.Es sei offenbar zu einem "verhängnisvollen Missverständnis" der Polizei gekommen, sagte der CDU-Politiker der "WAZ". Die antisemitische Straftat selbst sei "abscheulich".

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zeigt sich „zutiefst empört“ über den Vorfall. „Ich erwarte, dass gegen den mutmaßlichen palästinensischen Täter nun rasch ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird“, sagte Klein unserer Redaktion. „Wir müssen zeigen, dass jede Form von Antisemitismus in Deutschland sofort sanktioniert wird.“ Dass die Tat offenbar von einem Menschen ausgegangen sei, der schon lange in Deutschland lebe, erfülle ihn mit besonderer Sorge, sagte Klein. „Wir dürfen bei unseren Anstrengungen in der Integrationsarbeit nicht nachlassen. Ich begrüße es, dass sich die Polizei für die Verwechslung von Opfer und Täter entschuldigt hat.“

Die antisemitischen Vorfälle der vergangenen Wochen in Deutschland verstören. Schüler aus muslimischen Familien beschimpfen ein jüngeres Mädchen wegen ihres jüdischen Glaubens, ein 19-jähriger Palästinenser aus Syrien, der 2015 nach Deutschland kam, schlägt mit einem Gürtel auf einen jungen Israeli ein, der die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, die Kippa, trägt. Kanzlerin Angela Merkel verurteilte diese antisemitischen Auswüchse.

Mehr antisemitische Straftaten in NRW

Die Zahl der antisemitischen Straftaten in Nordrhein-Westfalen ist laut Verfassungsschutzbericht gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Behörden eine Zunahme um neun Prozent auf 324 Straftaten. 91 Prozent dieser Taten werden Rechtsradikalen zugeordnet. Der Löwenanteil von 200 Straftaten entfällt auf Volksverhetzung. Die antisemitischen Gewalttaten verdreifachten sich sogar - allerdings auf niedrigem Niveau von zwei auf sechs Taten.

(siev/dpa)
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