Region: Bergschäden bis Düsseldorf

Region: Bergschäden bis Düsseldorf

Die gesamte Region rund um den Tagebau Garzweiler muss in Zukunft mit Bergschäden rechnen. Laut Geologischem Dienst reicht die Risikozone bis Viersen, laut Gutachtern sind sogar Außenbezirke Düsseldorfs betroffen. Anwohner müssen mit Rissen im Mauerwerk und feuchten Kellern rechnen.

Joachim Müller arbeitet acht Stunden am Tag, er hat vier Kinder, jede Menge um die Ohren und abends "keinen Nerv mehr", sich mit Gutachtern und Anwälten "rumzuschlagen". Das Badezimmerfenster klemmt, die Kacheln über der Wanne sind gesprungen, die Treppe ist verzogen. "Wahrscheinlich sind das Bergschäden", sagt er. "Aber es ist schwierig, das zu beweisen." Müller wohnt in Hochneukirch. Von seinem Wohnzimmerfenster aus kann er das Abbaugebiet des Tagebaus Garzweiler sehen. Doch laut Lokalpolitikern existieren in Hochneukirch keine Bergschäden.

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in dem Ort Bergschäden gibt", sagt dagegen Peter Immekus. Der Sachverständige kämpft seit Jahren für Bergbaugeschädigte, die bei RWE Power eine Schadensregulierung durchsetzen wollen. Laut seiner Einschätzung ist die Zahl der Bergschäden durch Garzweiler weit höher als bisher bekannt. "Die Risikozone wird sich bald bis in die Außenbezirke Düsseldorfs ausdehnen", sagt Immekus. In diesem Gebiet könnten durch den Braunkohle-Tagebau verursachte Schäden an Häusern auftreten. "Aber die Betroffenen melden die Schäden nicht", sagt er. "Weil sie nicht wissen, dass das Einflussgebiet schon bis zu ihnen reicht."

Da RWE Power weiter baggert, wird diese Risikozone stetig größer: Im Norden liegen laut Geologischem Dienst NRW bereits Viersen und Dülken in dem Gebiet, im Westen reicht es bis an die niederländische Grenze, im Osten bereits bis Neuss. In diesem Bereich nimmt der Tagebau Einfluss auf den Grundwasserspiegel. Um die Braunkohle abzubaggern, muss RWE die Abbaustelle trockenlegen. Wo das Grundwasser entzogen wird, sackt der Boden ab — und das kann Schäden an den Häusern verursachen: Risse in den Wänden und Decken, verzogene Treppen, klemmende Türen. Schäden, wie bei Joachim Müller aus Hochneukirch.

"Gefährdet sind vor allem Häuser an Hängen, nahe Bächen oder auf Erdschollenrändern, die in einem Abstand von grob geschätzt zehn Kilometern den Boden durchziehen", sagt Josef Klostermann, Direktor des Geologischen Dienstes NRW. "Auf einem solchen Grundstück sollte man besser kein Haus bauen." Jeder, der in der Risikozone bauen wolle, sollte vorab ein Bodengutachten erstellen lassen. "Eventuell müssen beim Bau gewisse Vorkehrungen getroffen werden, beispielsweise das richtige Fundament gelegt werden", sagt Klostermann. "Nur so lassen sich spätere Schäden vermeiden."

Doch die wahren Probleme erwarten die Geologen erst, wenn RWE in einigen Jahrzehnten aufhört zu baggern. Dann steigt der Grundwasserspiegel wieder — und der Boden hebt sich. "Wer jetzt das falsche Fundament legt, dem droht später ein nasser Keller", sagt Klostermann. "Das weiß nur leider niemand."

Für Gutachter Immekus ist diese Informationslücke "ein Unding": "Da werden Menschen wissentlich in den Ruin getrieben", sagt er. "Die Gemeinden weisen neue Baugebiete aus, ohne über das Schadensrisiko aufzuklären." Die Bauherren könnten nicht wissen, dass sie in der Risikozone gegen spätere Schäden beim Bau Vorsorge treffen müssen. "Und was mit der Region passiert, wenn RWE Power sich zurückzieht, weiß keiner", sagt Immekus. "Wenn RWE die Pumpen einfach abstellt, saufen einige Neubau-Siedlungen regelrecht ab."

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Die Wahrscheinlichkeit von Schäden durch Garzweiler sei gering, sagt RWE-Power-Sprecher Manfred Lang."aber sollte es sich tatsächlich um einen von uns verursachten Bergschaden handeln, regulieren wir ihn sofort."

Gutachter Peter Immekus sieht das anders. "Die Betroffenen müssen beweisen, dass es sich um einen vom Braunkohletagebau verursachten Schaden handelt", sagt er. "Doch die Messdaten hat RWE Power." Die Bürger müssten demnach einen unabhängigen Gutachter und eventuell Prozesskosten vorstrecken — bei ungewissem Ergebnis. "Vielen ist das zu riskant."

Auch Joachim Müller war dies zu heikel. Er hatte zwar vor zwei Jahren mit einigen Anwohnern aus Hochneukirch eine Initiative gegründet, um von RWE Power eine Schadensregulierung zu erwirken. Doch nachdem Peter Immekus der Gruppe die Risiken dargelegt hatte, löste sich die Initiative auf.

Diese Verteilung der Beweislast bei Bergschäden beschäftigt auch die Politik: Im Landtag gibt es einen Unterausschuss, der sich mit den Bergschäden befasst. "Wir versuchen, einen Waffengleichstand zwischen Bürgern und Unternehmen zu erreichen", erklärt Vorsitzender Josef Hovenjürgen (CDU). "Deshalb soll es jetzt eine Schiedsstelle geben." Diese soll zwischen Konzern und Bürger vermitteln.

In Hochneukirch fühlen sich die Anwohner von den verantwortlichen Politikern im Stich gelassen. "Keiner setzt sich für uns ein", sagt Müller. Für Immekus ist das nicht überraschend: "Es ist ein immenser Standortnachteil, wenn eine Gemeinde als Bergschadensgebiet gilt", sagt er. "Das verschreckt Investoren." Diese Zurückhaltung würde sich allerdings rächen. "Das dicke Ende kommt, und die Schadensfälle werden zunehmen", sagt Immekus. "Doch dann wird es für viele Hausbesitzer zu spät sein."

(RP)
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