1. NRW
  2. Panorama

Bahnstrecke Aachen-Köln: Deutsche Bahn fordert Anlieger auf, ihre Bäume zu fällen

An der Bahnstrecke Köln-Aachen : Deutsche Bahn fordert 50 Anlieger auf, ihre Bäume zu fällen

Rund 50 Briefe hat die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben an Privatleute in Aachen verschickt, deren Grundstücke an der Bahnlinie Köln-Aachen liegen. Darin fordern sie das Fällen von „Gefahrenbäumen“ an der Strecke.

Benno Faymonville war ziemlich überrascht, als er Ende Oktober diesen Brief las, der ihm per Einschreiben auf den Tisch geflattert war. Denn dass in dem Garten hinter seinem Haus an der Maria-Theresia-Allee in Aachen „Gefahrenbäume“ wachsen, war ihm bis dahin unbekannt. Doch dies teilte ihm nun die Deutsche Bahn mit, genauer: die DB Fahrwegdienste GmbH in Köln. Bei der regelmäßigen Inspektion der Bahnstrecke von Köln nach Aachen habe man festgestellt, dass sich auf seinem Grundstück betriebsgefährdende Bäume befänden, hieß es in dem Brief.

Sie stünden „in unmittelbarer Nähe“ zur Bahnstrecke und stellten eine „Gefahr für die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs“ dar. Im Falle eines „Umsturzes oder Ausbruchs“ könnten sie „erhebliche Unfallgefahr verursachen“. Als Eigentümer sei er aufgrund der Verkehrssicherungspflicht gehalten, dafür Sorge zu tragen, dass von seinem Grundstück keine Gefahren ausgingen.

Welche Bäume die Bahn meint, stand nicht in dem Schreiben. Auch nicht, warum diese urplötzlich zu „Gefahrenbäumen“ mutiert sein könnten. Stattdessen wurden Faymonville zwei Ultimaten gestellt. Bis zum 7. November bat man ihn um „Rückmeldung zu Ihrer weiteren Vorgehensweise“. Und außerdem wurde recht forsch gefordert, „die angezeigten Bäume bis zum 31.12.2018 zu entfernen“.

Schutzwürdiges Grün oder „Gefahrenbäume“? Die Deutsche bahn hat Anwohner an der Strecke Köln-Aachen aufgefordert, die Bäume zu fällen. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Faymonville hat sich daraufhin erst einmal den seinem Haus zugewandten Hang der Bahnböschung angesehen, der zu seinem Grundstück gehört. Er vermutet, dass die Bahn die zwei Eichen meint, die dort stehen. Bloß wachsen diese dort schon etwas länger. Faymonville schätzt das Alter der rund 25 Meter hohen Bäume, die unter die Baumschutzsatzung fallen dürften, auf 80 bis 90 Jahre. Nie zuvor habe die Bahn diese Bäume bemängelt, sagt er. Sind die beiden Eichen just im vergangenen Jahr – nach eigenem Bekunden inspiziert die Bahn jährlich die Gewächse an den Bahnstrecken – die entscheidenden Zentimeter gewachsen, um zu „Gefahrenbäumen“ zu werden? Oder hat man die Maßstäbe verschärft?

Für Letzteres könnte sprechen, dass die Deutsche Bahn just in diesem Jahr einen 125 Millionen Euro schweren „Aktionsplan Vegetation“ aufgelegt hat, der vorsieht, dass entlang der Bahnstrecken mehr Vegetation als bislang verschwinden soll. Der – durchaus verständliche – Grund: Man will verhindern, dass noch einmal wie zu Anfang dieses Jahres nach schweren Stürmen der Fernverkehr tagelang lahm liegt. Deshalb sieht der Aktionsplan unter anderem intensivere Inspektionen und eine Durchforstung über die bisher gültige Sechs-Meter-Zone neben den Gleisen vor. Sind also deshalb Faymonvilles Eichen plötzlich in den Fokus der Bahninspekteure geraten?

„Nein, hier geht es nicht um den Aktionsplan, sondern um die klassische Verkehrssicherungspflicht“, sagt dazu ein Bahnsprecher. Auf einen umfangreichen Fragenkatalog unserer Zeitung reagiert er mit einer schriftlichen Erklärung – die allerdings einige Fragen unbeantwortet lässt. Untersucht werde im Stadtgebiet aktuell ein 6,8 Kilometer langer Streckenabschnitt, rund 50 Anlieger seien angeschrieben worden, teilt er mit. Unbeantwortet lässt er die Frage, wie viele Bäume die Bahn dort fällen lassen möchte. Das könne man nicht genau sagen, die Zahl könne sich ja noch ändern, heißt es zunächst. Und auf erneute Nachfrage: „Die Zahl kommunizieren wir nicht im Detail.“

Dazu gibt es noch ein paar Widersprüche. An der Maria-Theresia-Allee „sind aktuell keine Maßnahmen erforderlich“, schreibt der Bahnsprecher – obwohl Anwohner von nächtlichen Sägegeräuschen an der Bahnlinie berichten. Mit der Aussage seien die privaten Grundstücke gemeint gewesen, korrigiert sich der Sprecher später – obwohl an ebenjene Privatleute ultimative Aufforderungen zum Fällen ergangen sind. Oder waren diese doch nicht so gemeint? Bei „50-60 Ortsterminen mit Anliegern“ habe man „großes Verständnis erfahren“, schreibt der Sprecher. Und schiebt plötzlich den „Hinweis“ nach, dass „wohl in den seltensten Fällen ein Fällen der Bäume erforderlich sein wird“, sondern ein Rückschnitt reiche. Doch warum fordert man dann erst einmal forsch das Fällen?

Benno Faymonville, der noch keinen Ortstermin mit der Bahn hatte, ist jedenfalls gespannt, wie die Sache weitergeht. Er hat der Bahn fristgerecht mitgeteilt, dass er nicht daran denke, seine beiden Eichen, die „kerzengerade und kerngesund“ seien, einfach so zu fällen. Gehört hat er seitdem von der Deutschen Bahn nichts mehr.

Dieser Artikel ist zuerst bei der Aachener Zeitung erschienen.