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Reichste Gemeinde in NRW: Bad Driburgs rätselhafter Reichtum

Reichste Gemeinde in NRW : Bad Driburgs rätselhafter Reichtum

Der kleine Ort führt neuerdings die Liste der reichsten Gemeinden in NRW an - mit Abstand. Erklären kann das niemand so recht.

"Alles wird schön!" Mit diesem nur vordergründig simplen, weil umfassenden Versprechen wirbt die Stadt Bad Driburg um ihre Bürger. Jedes Mitglied der 18 000-Seelen-Gemeinde ist eine Investition in die Zukunft. Vor allem, seit es die Stadt quasi aus dem Nichts an die Spitze der wohlhabendsten Orte in NRW katapultiert hat, gemessen am durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen. Sagt das statistische Landesamt.

Genau 108.529 Euro verdiente demnach ein Bad Driburger im Jahr 2010, mehr als doppelt so viel wie ein Meerbuscher, der bisher souverän die Liste der Topverdiener anführte, und dreimal so viel wie bei der letzten Erhebung im Jahr 2007. Ein Reichtum, der Rätsel aufgibt.

Lösen lässt sich dieses Rätsel selbst bei einem Besuch nicht. Zumindest nicht sofort. Die Menschen in Bad Driburg sind entweder grundehrlich oder eine verschworene Gemeinschaft. "An mir kann es nicht liegen", lautet die prompte Standardantwort auf die Frage, wem die Stadt ihren ungewöhnlichen Reichtum zu verdanken hat - gerne verbunden mit einem entwaffnenden Lächeln. Soll heißen: Sie haben sich wohl verirrt, guter Mann. Oder: Da hat sich jemand vertan. Keineswegs, ein Landesamt verrechnet sich nicht. Bleibt nur, Indizien zu sammeln.

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Bad Driburg schmiegt sich in die waldbestandenen Hügel des Teutoburger Waldes, aber wer ein pittoreskes, charmantes Altstädtchen erwartet, liegt falsch. Die Fußgängerzone heißt Lange Straße und präsentiert sich genauso pragmatisch, es dominiert sparsam aufgehübschte Zweckarchitektur der 60er und 70er. Viel Patina, kein Prunk, weder Glanz noch Gloria. Bad Driburg gibt sich im Zentrum bodenständig und bescheiden, bestenfalls. Immerhin wird das Pflaster der Flaniermeile erneuert, um das eingangs erwähnte Versprechen einzulösen. Die Parkplätze sind umsonst, ein gutes Zeichen. Es gibt einen Golfclub, das Luxushotel Gräflicher Park, ausgesucht schön in einer privaten Grünanlage gelegen, die Gräflichen Kliniken, dazu Glashersteller wie die Firma Glaskoch, die ihre berühmte Marke Leonardo weltweit vertreibt. Luxus und Bad Driburg scheinen sich nicht a priori auszuschließen.

Eine Boutiquen-Besitzerin an der Langen Straße wiegelt ab. Früher sei hier deutlich mehr los gewesen, die Umsätze schwächelten. Hohes Einkommen? Lächerlich sei das, unglaublich, absurd, sie wisse auch, was der Bekanntenkreis verdiene. "Früher war hier in der City viel los. Geblieben aber ist nur ein kläglicher Rest", sagt sie. Tatsächlich stehen einige Ladenlokale leer. In den Gassen parallel zur Einkaufsstraße herrscht gar Tristesse. Die "Tanzdeele" hat montags und dienstags Ruhetag, eine Spielhalle heißt "Drei Groschen Spiel", ein Geschäft "Mäc Geiz". Haben sich die Bad Driburger reich geknausert? Eine Kneipe nennt sich "Zum Posträuber". Oder existiert hier eine über Jahre gepflegte Tradition der Wegelagerei?

Besuch im Bad Driburger Golfclub. Teure Limousinen sucht man hier vergebens. Das Grün ist gepflegt, das Clubhaus stilvoll. "Wir müssen sehen, dass wir unsere rund 600 Mitglieder umsorgen", sagt der Vizepräsident des Clubs, Karl Krämer. Die Konkurrenz schläft nicht, im Umkreis von 50 Kilometern finden sich 19 Clubs. Aber obwohl sich der Bad Driburger Club komplett aus eigener Kraft finanziert, kann sich auch Krämer den plötzlichen Vermögenszuwachs der Ortsansässigen nicht erklären. "Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus, um mir das auszumalen", sagt der Golfer.

Bleibt als letzte Adresse noch ein Besuch bei denjenigen, die wissen müssten, wie es um die Finanzkraft der Bad Driburger steht - der städtischen Wirtschaftsförderung. Hin und her gerechnet habe er die Zahlen, sagt Amtsleiter Heinz-Jörg Wiegand. Bei 8601 Steuerpflichtigen, die 108.529 Euro verdienen, ergebe sich eine Summe von 933.457.000 beziehungsweise knapp einer Milliarde Euro. Gehe man davon aus, dass der Sprung nur durch eine Person erreicht wurde, müsste derjenige im Jahr 2010 ein Einkommen in Höhe von 647.945.600 versteuert haben. Wiegand hat einfach für die 8600 Steuerpflichtigen jeweils 33.199 Euro, das durchschnittliche Jahreseinkommen in NRW im Jahr 2010, angesetzt. Das Ergebnis - 285.511.400 Euro - hat er von den 933.457.000 Euro abgezogen. Bleiben 647.945.600 Euro. Diesen Betrag müsse eine einzelne Person im Jahr 2010 mehr verdient haben, um den Schnitt der Bad Driburger zu heben. Heinz-Jörg Wiegand: "Wahrscheinlich hat der- oder diejenige Unternehmensanteile verkauft. Da kommt so eine Summe ja schnell mal zusammen."

Sicher sei das nicht, aber sehr wahrscheinlich. Sicher sei nur, dass die Kommune kaum vom Geldsegen profitiere. "Wir müssen so sparsam wirtschaften wie andere auch", sagt Wiegand. Als hätten die Bad Driburger es nicht ohnehin geahnt. Falls der rätselhafte Spuk bei der nächsten Erhebung wieder vorbei ist, wofür laut Wiegands Theorie einiges spricht, bleibt den Bad Driburgern zumindest eine Gewissheit: Alles wird schön.

(RP)