Kaarst: Auto waschen für den Lehrer

Kaarst: Auto waschen für den Lehrer

Die Schüler der Sebastianus-Schule für Geistigbehinderte in Holzbüttgen müssen im Rahmen eines Berufsförderungskonzepts die Wagen der Lehrer waschen. Das dazugehörige Fach heißt "Hausmeister-Service".

Wenn Niklas mittwochs zur Schule geht, dann muss der 17-Jährige damit rechnen, nach der Frühstückspause die Autos seiner Lehrer zu waschen.

Diese Maßnahme ist an der Sebastianus-Schule für Geistigbehinderte nämlich Teil eines Konzepts zur Berufsförderung der Schüler. So steht es zumindest in der offiziellen Stellungnahme des Schulamtes im Rhein-Kreis Neuss, der Träger der Schule ist.

Doch ganz offensichtlich soll dieses Konzept erst nachträglich zu einer von langer Hand geplanten Schülerfirma verklärt werden – so der Vorwurf von Renate Linnartz, die im Stundenplan ihres Sohnes Niklas nur den Eintrag "Hausmeister-Service" gefunden hatte: "Wir wussten von nichts, sind von der Schulleitung nie über diese Tätigkeiten informiert worden."

Niklas erzählte vor rund acht Wochen eher beiläufig von seiner ungewöhnlichen Beschäftigung – "ich schätze, dass viele Eltern gar nicht wissen, was da an der Schule passiert", so Renate Linnartz. Denn die geistigbehinderten Schüler sind längst nicht immer in der Lage, ihre Erfahrungen zu kommunizieren.

"Manche Eindrücke kommen mit Verspätung", glaubt Linnartz. Offenbar begann das Projekt schon im Sommer 2009 – die Schüler reinigen in "Zweier-Teams" die Lehrer-Autos. Schulleiterin Anette Stauche war am Donnerstag nicht zu einer persönlichen Stellungnahme gegenüber der NGZ bereit.

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Sie verwies an das zuständige Schulamt und damit an Schulrätin Ulrike Hund. Die bestätigt den Vorfall, sieht aber keinen Grund zur Aufregung: "Schließlich werden diese Arbeitsleistungen auch entlohnt. Der jeweils vereinbarte Betrag wird der Klassenkasse gutgeschrieben – davon werden besondere Aktionen wie Ausflüge oder Theaterbesuche finanziert."

Wie viel den Lehrern die Autowäsche wert ist, gibt aber auch das Schulamt nicht an. "Wo bleibt denn bitte die Transparenz. Keiner kann doch kontrollieren, ob ein Lehrer tatsächlich Geld in die Klassenkassen einwirft", kritisiert Renate Linnartz. Zudem seien die jüngsten Ausflüge – etwa ins Phantasialand – alle von den Eltern bezahlt worden.

"Es kann doch nicht sein, dass unsere Kinder sogar die Autos der Lehrer-Ehefrauen waschen müssen", kritisiert Linnartz. Die Schulaufsicht ist mittlerweile eingeschaltet, die Schule musste sich zu den Vorgängen äußern.

Kein Grund allerdings, vom Konzept abzurücken, das nun nach den Osterferien der Schulpflegschaft vorgestellt werden soll. Niklas bekam am Donnerstag einen Brief von Schulleiterin Anette Stauche in die Hand gedrückt. Die erste Stellungnahme seit acht Wochen: "Es bleibt bei den bisherigen Regelungen."

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(RPO)
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