Essens Polizeipräsident über Clans aus Syrien „Die Bekämpfung der Clankriminalität ist wie ein Marathonlauf“

Interview | Essen · Essens Polizeipräsident rechnet mit weiteren Auseinandersetzungen zwischen syrischen und libanesischen Großfamilien wie im Juni. Welche Rolle die Zuwanderung für Clans spielt und welche weitere Gruppierung noch auf dem polizeilichen Radar erschienen ist.

Castrop-Rauxel​: Großeinsatz bei Massenschlägerei - Verletzte
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Großeinsatz bei Massenschlägerei in Castrop-Rauxel

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Foto: dpa/Marc Gruber

Erst seit Anfang des Jahres ist Andreas Stüve Polizeipräsident von Essen, einer der größten und wichtigsten Polizeibehörden des Landes. Ein zentraler Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist der Kampf gegen kriminelle Clans, von denen es in keiner NRW-Stadt mehr gibt als in Essen. Erst im Juni hatte es dort eine öffentliche Massenschlägerei im Milieu gegeben, die bundesweit Entsetzen hervorrief.

Andreas Stüve

Andreas Stüve

Foto: Polizei Essen

Warum ist Essen eigentlich die Clan-Hochburg in NRW?

Stüve Das liegt daran, dass in Essen viele Menschen mit Bezügen zur Clankriminalität leben. Das ist historisch gewachsen. Bundesweit gesehen haben noch Bremen und Berlin ähnliche Probleme. Es ist aber nicht so, dass sich die Clankriminalität im gesamten Essener Stadtgebiet abspielt. Vielmehr tragen sich die meisten Clan-Delikte in einem Radius von fünf Kilometern zu deren Wohnort zu.

Welche Fortschritte hat es im Kampf gegen die Clans schon gegeben?

Stüve Noch vor einigen Jahren hatten Ordnungskräfte Schwierigkeiten, ihre berechtigten Maßnahmen bei Clanmitgliedern umzusetzen. Das ist jetzt nicht mehr so. Das aggressive Verhalten der Clans gegenüber Funktionsträgern öffentlicher Behörden wie von Polizei und Ordnungsamt hat sich deutlich gelegt. Zurückzuführen ist diese positive Entwicklung auf den massiven Kontrolldruck.

Aber damit ist der Kampf gegen Clans nicht gewonnen …

Stüve Natürlich nicht. Die Bekämpfung der Clankriminalität muss man sich wie einen Marathonlauf vorstellen; Durchhaltevermögen ist nötig. Schließlich hatten die Clans jahrzehntelang Zeit, sich hier einzurichten und ihre kriminellen Aktivitäten aufzunehmen. Die Sicherheitsbehörden hingegen gehen erst seit einigen Jahren gegen diese Gruppierungen vor. Daher benötigt es Zeit, diese Strukturen zu beseitigen.

Welche Rolle spielt die Zuwanderung für Clans?

Stüve Die klassischen arabischen Clans leben hier schon in zweiter und dritter Generation. Sie kamen Ende der 1970er Jahre und Anfang der 1980er Jahre nach Deutschland. Viele der heutigen Clanmitglieder sind daher schon hier geboren und aufgewachsen. Deswegen spielt bei denen der aktuelle Zuzug von Flüchtlingen eine untergeordnete Rolle, weil sich deren Strukturen schon verfestigt haben.

Gilt das auch für Zuwanderer aus Syrien?

Stüve Bei den Menschen, die aus Syrien zu uns gekommen sind und kommen, verhält es sich anders. Sie leben in der Regel erst in der ersten Generation hier, weil sie vor allem um das Jahr 2015 nach Deutschland eingewandert sind. Rund 17.000 Syrer leben allein in Essen; es ist eine Community, die aber von Jahr zu Jahr größer wird.

Und gefährlicher, wie man bei den Massenschlägereien im Juni gesehen hat …

Stüve Ja! Das Phänomen der gewalttätigen syrischen Clans ist neu. Die Auseinandersetzungen im Juni hatten sich auch nicht abgezeichnet, sonst hätten wir sie verhindert. Aber seitdem reagieren wir auf diese syrischen Gruppierungen, indem wir sie nun stärker in den polizeilichen Fokus nehmen. Betont werden muss in diesem Zusammenhang aber auch, dass es nur ein sehr kleiner Teil der syrischen Community ist, der Straftaten begeht. Die meisten Syrer halten sich an die Gesetze und leiden unter ihren kriminellen Landsleuten. Unsere Aufgabe als Polizei besteht deshalb auch darin, genau herauszufinden, wer von denen kriminell ist und wer nicht.

Was heißt das konkret?

Stüve Wir müssen herausfinden, in welchen Stadtteilen die Syrer-Clans genau leben. Wir müssen wissen, wie sie gesteuert werden – und von wem. Zudem wissen wir auch noch zu wenig über deren Geschäftsfelder, und ob die bisherigen Konflikte mit den etablierten Clans daher rühren. Bislang liegen die Ursachen der Auseinandersetzungen unseren Erkenntnissen nach nämlich vor allem in den sogenannten Ehrverletzungen. In der Community reicht leider häufig schon ein kleiner Streit unter Kindern aus, um einen großen Streit unter Erwachsenen mit Waffengewalt auszulösen.

Was muss getan werden, damit syrische Clans hier nicht fest Fuß fassen?

Stüve Wir dürfen jetzt nicht die gleichen Fehler machen wie in den 80er Jahren mit den Libanesen, die zu uns gekommen sind und die man mehr oder weniger sich selbst überlassen hat. Andernfalls bilden und verfestigen sich auch die Syrer-Clans ähnlich und schotten sich von der Gesellschaft ab. Wichtigste Aufgabe ist es daher, die erste Generation der hier lebenden Syrer gut zu integrieren. Das heißt, dass wir ihnen qualifizierte Berufs- und Bildungsangebote machen müssen. Die Syrer der ersten Generation sind dafür noch offen.

Erst vor einer Woche wäre es bei Ihnen in der Stadt beinahe wieder zu einer ähnlichen Lage gekommen wie im Juni.

Stüve Wir hatten Hinweise aus sozialen Medien und der entsprechenden Community erhalten, dass in der Stadt wieder größere Personengruppen aufeinandertreffen könnten. Es meldeten sich viele Zuwanderer telefonisch bei uns, die uns vor einer öffentlichen Auseinandersetzung warnten. Daraufhin haben wir als Polizei deutlich Präsenz gezeigt in der Stadt, und an den entsprechenden Stellen im Milieu haben wir Gefährderansprachen durchgeführt. Das zeigte Wirkung, die Krawalle blieben aus.

In dem Fall sind erstmals auch Clans aus dem Irak auf dem polizeilichen Radar erschienen. Wie gefährlich sind die Iraker?

Stüve In dem Fall kam der Aufruf zur Gewalt tatsächlich von Irakern. Wäre der Aufruf umgesetzt worden, hätte das eine ganz neue Art der gewalttätigen Auseinandersetzung bedeutet. Deren Plan sah nämlich vor, dass sich die beiden Gruppierungen an einem neutralen Ort treffen sollten, um dort aufeinander loszugehen. Das hat es bisher nicht gegeben.

Rechnen Sie mit weiteren öffentlich ausgetragenen Konflikten zwischen Libanesen, Syrern und Irakern, bei denen größere Gruppen aufeinandertreffen werden?

Stüve Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Wir müssen leider davon ausgehen, dass sich das wiederholen wird.