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Ahrtal: Nach Flutkatastrophe - Fluthelfer kritisiert Behördenirrsinn

Frustrierte Fluthelfer im Ahrtal : „Ich wäre gerne länger geblieben“

Zwei Wochen hat Thomas Lange mit seinem Radlader im von der Flut betroffenen Dernau geholfen. Danach ist er wieder abgefahren – desillusioniert von unnötiger Bürokratie und mangelhafter Organisation. Wie er fühlen sich vielen Fluthelfer im Ahrtal im Stich gelassen.

Kinderlachen gibt es hier nicht mehr. Stattdessen dröhnen Bagger, Lastwagen, sogar Panzer. Die Nacht auf den 15. Juli hat in Dernau an der Ahr alles verändert. Auf der provisorisch angelegten Mülldeponie versucht Thomas Lange mit seinem Radlader so etwas wie Ordnung zu schaffen. Eigentlich Betreiber eines Steinbruch- und Sägebetriebs in Sprockhövel, ist er seit 15 Tagen im Ahrtal.

„Ich habe keine Beziehung in die Region. Ich wollte einfach nur helfen“, sagt Lange. Er lud Bagger und Radlader auf LKWs und machte sich spontan auf den Weg. Der Satz, mit dem er empfangen wurde, ging gleich ins Herz: „Danke, dass Ihr hier seid, ohne Euch würden wir untergehen.“ Lange blieb. 15 Tage lang zog er bis zur Unkenntlichkeit deformierte Autos aus dem Schlamm, räumte Schutt von den Straßen, wühlte sich durch Unterführungen, vor denen sich meterhoch Baumstämme, Möbel, sogar Überseecontainer verkeilt hatten. Eine Straße gab es nicht mehr.

Ein mulmiges Gefühl begleitete Thomas Lange von der ersten Stunde an. „Man weiß nie, was sich in den Schutthaufen befindet, wenn man mit der Baggerschaufel hineingreift“, so der Wuppertaler. Es gab Warnungen, unter den Trümmern könnten Tote begraben sein. Spürhunde hatten angeschlagen. Unterstützung gab es nicht. Wie so viele Helfer funktionierte Lange. Er packte an und blendete aus, was ihn erwarten könnte. Er hörte die Geschichten von Rettungen in letzter Minute, von dramatischen Szenen, spricht täglich mit Menschen, die alles verloren haben, erfährt von Bewohnern, die es nicht geschafft haben. „Die Eindrücke der ersten Woche waren kaum zu verkraften“, sagt er.

 An einigen Stellen liegt der Schutt noch immer meterhoch.
An einigen Stellen liegt der Schutt noch immer meterhoch. Foto: Alex Bindmann
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Nach 15 Tagen ist Lange erschöpft und wütend. „Wir haben hier einen Katastrophenfall. Wir haben Katastrophenpläne. Das alles hat völlig versagt.“ Anwohner berichteten, dass es vor der Flut keine Warnung gab. „In Schuld stand das Wasser am Nachmittag schon meterhoch. Es wären noch rund vier Stunden Zeit gewesen, um die Menschen zu informieren. Tote wären vermeidbar gewesen“, sagt Lange.

Dass die Staatsanwaltschaft gegen den Landrat des Landkreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler, wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen ermittelt – nur recht und billig, haben die Menschen Lange erzählt. „Sie wollen, dass der Landrat zu seinen Fehlern steht und die Verantwortung übernimmt.“ Viele Anwohner und Helfer sind inzwischen desillusioniert. „Was hier fehlt, ist eine vernünftige Organisation“, ärgert sich Lange. Eine Koordination gibt es nicht. Jeder packt irgendwo an, macht das, was er kann. „Mit der geballten Arbeitskraft und den Maschinen, darunter viele Spezialfahrzeuge, hätten wir viel mehr erreichen können. Die Hierarchiekette ist einfach zu lang.“ Offizielle Anweisungen – Fehlanzeige. Vertreter der Verwaltung sind vor Ort nicht anzutreffen. Informationen bekommen die Helfer nur durch Hörensagen.

 Der Betreiber eines Steinbruchs zog mit seinem Bagger bis zur Unkenntlichkeit deformierte Fahrzeuge aus dem Matsch. 
Der Betreiber eines Steinbruchs zog mit seinem Bagger bis zur Unkenntlichkeit deformierte Fahrzeuge aus dem Matsch.  Foto: Alex Bindmann

Beispiele: Auf der Deponie in Dernau fehlen LKW, die den Müll abtransportieren. Bagger und Radlader stehen unnötig lange untätig auf dem Platz und warten. An anderen Orten warten die Lastwagen,  weil es zu wenig Bagger gibt. Gut funktionierende, private Verpflegungsstationen, die fast rund um die Uhr arbeiteten, mussten Anfang der Woche das Feld räumen. Das DRK übernimmt. Essensausgabe ist von 12 bis 14.30 Uhr. Dann bleibt die Küche kalt. Helfer und Anwohner haben ihren Treffpunkt verloren. Ab Samstag soll das THW die Bundeswehr mit der Dieselversorgung ablösen. Das THW verfügt aber nicht über große Tanklastwagen. „Auch sie wollen helfen, sind aber an ihre Befehlskette gebunden“, so der Helfer schulterzuckend.

Vor einer Woche seien noch weit mehr Menschen im Ahrtal gewesen, die Motivation bricht ein. Die ersten Helfer hätten frustriert zusammengepackt und seien abgereist. „Noch immer gibt es kein Signal, dass wir wenigstens die Betriebskosten erstattet bekommen“, so Lange. „Ich würde gerne länger vor Ort bleiben. Die Menschen sind so dankbar für jede Hilfe. Aber ich kann es mir einfach nicht leisten, wenn ich auf den Kosten sitzenbleibe.“ Zusätzlich müssten sich die Freiwilligen mit unnötiger Bürokratie herumärgern. „Entsteht ein Schaden am Fahrzeug, müssen wir nachweisen, dass es vor Ort passiert ist. Wer kann das schon?“

Auch Thomas Lange beendet nach 15 Tagen seinen Einsatz. Der Bagger ist bereits verladen. Vor der Abfahrt kontrolliert er das Gespann.  Irgendjemand hat an dem Laster ein Danke-Schild befestigt. Lange ringt um Fassung. Es fällt ihm schwer, den Schlüssel aus dem Radlader abzuziehen. „Hier ist noch so viel zu tun. Über Monate, wenn nicht Jahre.“ Lange tritt den Heimweg an, mit einem Kloß im Hals. Die Bilder und Geschichten werden ihn begleiten. Es wird wieder ein bisschen stiller im Ahrtal.