Ärger über Sozialamt: Dürenerin gibt Bundesverdienstkreuz zurück

Ärger über Sozialamt: Dürenerin gibt Bundesverdienstkreuz zurück

Erst vor vier Monaten verlieh der Dürener Landrat Gisela Maubach das Bundesverdienstkreuz für ihr soziales Engagement. Jetzt hat sie es zurückgegeben. Was ist passiert?

Gisela Maubach war kürzlich auf einer Hochzeit in Amsterdam. Und Mo Farah, Olympiasieger im Langstreckenlauf, war auch da. Den Somalier wollte Maubach unbedingt treffen, weil sie selbst gerne läuft. Doch wenn andere einfach ein Zugticket buchen, bei der Arbeit freinehmen und losfahren, muss Maubach sich solche Freiheiten mühsam organisieren. Sie braucht eine Vollzeitpflege für ihren 29-jährigen schwerstbehinderten Sohn Steffen.

Steffen kam zu früh auf die Welt. "Schon im Inkubator konnten die Ärzte sehen, dass Steffen Epilepsie hat", erzählt Maubach. Hinzu kommen durch die Frühgeburt viele körperliche und geistige Einschränkungen. "Steffen ist heute geistig auf dem Entwicklungsstand eines einjährigen Kindes", sagt Maubach. Er braucht Hilfe beim Essen, beim Waschen und man kann ihn nicht alleine lassen. Und das hat Maubach auch nicht getan, seit Steffen auf der Welt ist. Seit 15 Jahren arbeitet sie außerdem für einen Aachener Verein. Sie berät andere Eltern mit schwerstbehinderten Kindern juristisch und begleitet sie.

Für dieses Engagement und für ihre Lebensleistung als alleinerziehende Mutter eines behinderten Kindes hat Maubach, die in zwei Monaten 60 Jahre alt wird, im September das Bundesverdienstkreuz bekommen. Der Dürener Landrat hat ihr den Orden an die Brust geheftet. Initiiert hatte das ganze ihre Tochter. Sie ist Steffens ältere Schwester.

Doch Maubach will das Bundesverdienstkreuz nicht mehr: Sie ist enttäuscht, weil diesselbe Behörde kürzlich einen ihrer Anträge auf eine Pflege-Assistenz nicht vollständig bewilligt hat. Der WDR hatte als erstes darüber berichtet.

Maubach hat Arthrose in den Fingern und auch Rückenprobleme. "Ich brauche Hilfe", sagt sie. Deswegen hatte sie Geld für eine Pflegekraft beantragt, die ihr 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche helfen kann. Bewilligt bekam sie, täglich fünf Stunden und einen niedrigeren Stundenlohn. Der Mutter sei eine Eigenleistung zumutbar, weil sie sich für ein Zusammenleben mit ihrem Sohn entschieden habe, hieß es im Schreiben des Kreises. Außerdem findet das Kreissozialamt, dass Steffen täglich acht Stunden in eine Werkstatt gehen könne.

Doch das hat Maubach längst versucht. Mehrere Jahre war Steffen in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, zuletzt in einer Gruppe für Erwachsene mit erhöhtem Ruhebedarf. Doch das sei, sagt die Mutter, genau verkehrt gewesen. Steffen sei hyperaktiv und brauche Bewegung, er habe stattdessen tagsüber in der Einrichtung geschlafen. Das habe nachts zu mehr epileptischen Anfällen geführt. Trotz starker Medikamente krampft Steffen auch heute noch jede zweite Nacht. Seine Mutter kann daher keine Nacht durchschlafen. Ihre beiden Schlafräume sind nur durch einen Vorhang getrennt, damit sie nachts hören kann, wenn Steffen einen Anfall hat. Dann muss sie aufpassen, dass er sich nicht wehtut.

Das Bundespräsidialamt sprach zweimal mit Maubach

Das Verdienstkreuz bekam sie zu einem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal Widerspruch gegen den Bescheid eingereicht hatte. Zwei Monate später kam ein neuer Bescheid, mehr Geld gab es aber nicht. Daraufhin schrieb Maubach an den Landrat, der sie bei der Verleihung mit netten Worten bedacht hatte. Und sie schrieb ans Bundespräsidialamt.

Der Landrat antwortete knapp, er werde seine Behörde anweisen, den Fall nochmal zu prüfen. Das Bundespräsidialamt sprach zweimal mit Maubach und schrieb sogar an die Kreisbehörde. Genutzt hat das nichts: Maubach entschied sich im Dezember schließlich für eine Klage. Und mit der Klage für die Rückgabe des Verdienstkreuzes. "Mir kam das scheinheilig vor, dass ich nach den warmen Worten des Landrats diesen Bescheid erhalte", sagt sie. "Mir tut es leid für meine Tochter, aber die hat mir gesagt, dass sie es völlig richtig findet, wenn ich das Kreuz zurückgebe."

Maubach macht sich momentan große Sorgen, was mit Steffen passiert, wenn sie ihn nicht mehr so pflegen kann. Deswegen hat sie sich auch für die Klage entschieden — und ist zuversichtlich, dass sie damit durchkommt.

In einem Heim will Maubach ihren Sohn nicht unterbringen. "Das würde er wahrscheinlich nicht überleben. Steffen braucht dreimal am Tag seine Medikamente", sagt seine Mutter. "Die nimmt er nur von Vertrauenspersonen in einem strengen ritualisierten Ablauf." Maubach zerkleinert die Tabletten dazu in einem Mörser, vermischt sie mit Multivitaminsaft und füllt sie in eine Babyflasche. Anschließend muss sie ihn damit füttern, während er auf dem Sofa liegt. Wie es bei Kleinkindern der Fall ist.

Der Kreis Düren bedauert auf Anfrage unserer Redaktion, dass Maubach das Verdienstkreuz zurückgeben will, und dass sie diesen Schritt mit der "aus ihrer Sicht nicht hinreichenden Unterstützung ihres Sohnes durch die Kreisverwaltung begründet". Der Kreis habe sich intensiv mit ihrem Anliegen befasst, ihr ein Vergleichsangebot gemacht, was Maubach abgelehnt habe. Im Hinblick auf das laufende Gerichtsverfahren könne man sich nicht weiter dazu äußern.

Das Bundesverdienstkreuz hat Maubach mittlerweile wieder in die Schachtel gepackt und im Landratsamt abgegeben.

(heif)
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