Älteste Tankstelle Deutschlands in Essen schließt für immer

Die wohl älteste Tankstelle Deutschlands : „Manni“ macht die Tanke dicht - für immer

Laut Betreiber steht in Essen die älteste Tankstelle Deutschlands. Doch Manfred Milz geht nun in Rente. Weil es keinen Nachfolger gibt, schließt die Tankstelle am 31. Mai für immer.

Das Telefon von Manfred Milz klingelt an diesen Tagen beinahe ununterbrochen. Die Nachricht hat sich unter seinen Kunden schnell verbreitet: Der 69 Jahre alte Tankwart hört auf. Dann schließt die Tankstelle, an der seit 1924 Sprit gezapft wird, für immer. „Die Kunden sind traurig, wollen sich verabschieden oder fragen, ob ich ihr Auto nochmal waschen kann“, sagt Milz. Er zeigt auf eine Blumenvase. „Die hat eine Kundin mir zum Abschied vorbeigebracht.“

Manfred Milz (70) ist Tankwart der ältesten Tankstelle Deutschlands. Foto: Antje Seemann

Manfred Milz steht seit mehr als 50 Jahren auf dem Hinterhof im Essener Stadtteil Holsterhausen seinen Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Die meisten kommen seit Jahrzehnten, sagt er. „Viele Kunden sind heute alt, der Kundenstamm schrumpft. Aber viele sind mir treu geblieben – und es kommen auch neue.“ Älteste Tankstelle Deutschlands – das weckt Neugier. „Die wollen dann wissen, wie das hier aussieht.“

Älteste Tankstelle in Deutschland schließt - so war es bei Tankwart Manni

Tatsächlich scheint die Zeit hier stehengeblieben zu sein. Auf der Straße weist ein Schild zu der „ältesten Tankstelle Deutschlands“ auf dem Hinterhof. Die Preistafel ist nicht digital, sondern muss per Hand angepasst werden. Wenn auch nicht oft, sagt Milz. „Unsere Preise sind manchmal über Monate stabil.“ Der Sprit kostet meist ein paar Cent mehr als bei den großen Konkurrenten. Dafür hat der Tankwart hat jede Menge Geschichten auf Lager. Bei vielen muss er selber lachen. „Wir haben Öffnungszeiten wie früher. Samstags schließen wir zum Beispiel schon nachmittags. Das gibt es ja heute bei Tankstellen eigentlich nicht mehr. Ich schließe dann das Tor ab und denke: Mann, ist das altmodisch hier bei mir.“

Auch der Service ist ganz nach alter Schule: Tanken, Scheiben säubern, Luft und Öl prüfen. Kleine Reparaturen erledigen er und seine Mitarbeiter umgehend. Und Milz hat immer einen Rat parat – fürs Auto und fürs Leben. Das hinterlässt Eindruck. „Es gibt Leute, die waren einmal im Leben da und die schreiben mir aus München zu Weihnachten eine Karte.“

Seine Kunden finden es schade, dass ihr „Manni“ jetzt aufhört. Günter Dikopf ist 80, er kommt seit 25 Jahren aus dem Stadtteil Margarethenhöhe zum Tanken. Er schätzt die Freundlichkeit und dass man hier keinen Zeitdruck hat. „Manni hat immer Zeit für ein Schwätzchen. Der Service ist sehr gut, man hat hier immer einen Ansprechpartner“, sagt er. Eine ältere Frau ist an diesem Morgen ebenfalls an die Tankstelle gekommen, obwohl sie nicht mehr Auto fährt und strenggenommen keine Kundin mehr ist. „Schade. Hier bin ich früher auch immer tanken gewesen.“ Die meisten haben allerdings Verständnis, dass Milz in Rente geht.

Einen Nachfolger zu finden war schwierig. Mit einer Tankstelle wird man nicht reich. Vor ein paar Jahren hat Milz deshalb einen kleinen Getränkemarkt auf dem Hinterhof eingerichtet. Aber auch das ist hartes Brot. „Der Sprit ist teuer und bietet wenig Reserven, um Geld zu verdienen. Und bei den Getränken ist das so ähnlich. Die großen Läden machen billige Preise – das können wir nicht.“ Dafür kann der Tankwart Service. „Ich erkenne meine Kunden und kümmere mich um sie.“

Jetzt freut sich Milz aber auch auf sein Leben nach dem Job und hat schon Pläne gemacht. Der 70-Jährige ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkelkinder. Er erzählt, wie seine Enkel früher dachten, der Opa Manni wohne hier in der Tankstelle. Jetzt will er Zeit haben für Reisen mit dem Wohnmobil, Fahrrad fahren, Gitarre spielen. Sich mehr um seine Band kümmern. Bisher gehört seine Zeit vor allem den Kunden – und das mit ganzem Herzen. „Wehmut ist dabei, weil ich viele Menschen, die hier tanken kommen, vermissen werde. Das eine Auge lacht, wenn ich abends das Tor abschließe. Irgendwann muss man den Schritt gehen und etwas anderes machen im Leben.“

Am 31. Mai, seinem letzten Tag, will er gut gelaunt kommen und alles geben, bis die Tore geschlossen werden. „Und notfalls bin ich auch noch zu erreichen.“ Am ersten Wochenende nach der Schließung will er noch an der Tankstelle sein. Aber die Tore sind zu und Milz macht klar Schiff. „Ich habe noch so viel aufzuräumen. Denn wenn ich mich entscheiden muss, ob ich die Zeit in die Menschen investiere, oder ins Aufräumen, nehme ich die Menschen.“

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