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Abibälle: 39.000 Euro für eine Abi-Feier

Luxus-Abiball für 39.000 Euro : „Am Ende geht es darum, wer cooler ist“

Cola und Nudelsalat in der Turnhalle waren einmal – der Abiball von heute findet in teuren Sälen statt, mit Feuerwerk und allem Schnick-Schnack. Die Landesschülervertretung kritisiert die immer teurer werdenden Feten.

Kunstvolle Stuckornamente an der Decke, Rundbogenfenster und Parkettboden. Acht bis zehn Mal im Jahr wird der „Große Saal“ in der Historischen Stadthalle Wuppertal für Abibälle gebucht. Der Abschlussjahrgang des Carl-Duisberg-Gymnasiums in Wuppertal hat sich bewusst für die eindrucksvolle Location entschieden. Trotz der hohen Kosten fiel die Abstimmung der Schüler eindeutig aus. 32.000 Euro bezahlt der Jahrgang für seine Abschlussfeier. „Das ist viel Geld“ sagt Stufensprecher Florian Huppertz. „Aber für so ein tolles Ambiente geben wir das gerne aus.“

Immer größer, aufwendiger und luxuriöser werden die Feiern. „Abibälle werden wie Hochzeiten geplant“, weiß Florian Kusche, Geschäftsführer der Event­agentur „Abidreams“. Seit sechs Jahren hat sich sein Unternehmen ausschließlich auf die Planung von Abschlussbällen spezialisiert – mit wachsendem Erfolg. In diesem Jahr ist die Münchener Agentur nach NRW expandiert; über 20 Abibälle organisiert „Abidreams“ 2019 und 2020 an Rhein und Ruhr. „Mittlerweile wird der Ball nicht mehr mit Cola und Kartoffelsalat in der Turnhalle gefeiert, sondern mehr wie eine Oscar-Verleihung“, resümiert Kusche die Entwicklung der vergangenen Jahre. „Die Kosten für Abiball-Tickets liegen zwischen 35 und 80 Euro, klettern bei Privatschulen aber auch mal auf über 100 Euro.“

In Wermelskirchen hat der Abitur-Jahrgang von Anna Boldt (vorne) für insgesamt 39.000 Euro die Alte Schlossfabrik in Solingen gemietet. Foto: Meuter, Peter (pm)

In Wermelskirchen hat der Jahrgang von Anna Boldt für 39.000 Euro die Alte Schlossfabrik in Solingen gemietet. Im Party-Paket inbegriffen sind Location, Catering, Deko, Fotograf und eine Getränkeflatrate für Sekt, Bier und Softdrinks. Pro Person werden 40 Euro für den Abend fällig. „Es war am Ende sogar weniger, als wir geplant hatten.“ Die Einnahmen durch Partys, Verkäufe und Sponsoren waren zwar harte Arbeit, drückten am Ende aber den Eintrittspreis. „Ein bisschen misst man sich schon mit den Jahrgängen vorher“, sagt Anna Boldt. „Aber am Ende ist es auch schön, ein schickes Kleid anzuziehen und einen tollen Abend zu verbringen.“ Dass alle es sich leisten können, mitzufeiern, habe man bei der Planung bedacht. „Wir sind eine soziale Stufe“, sagt die 17-Jährige, „wenn jemand sagte, dass es finanziell eng wird, dann konnten wir einspringen.“

Der steigende Luxus der Abibälle stößt aber nicht überall auf Zustimmung. Eine finanzielle Belastung für die Eltern der Abiturienten, kritisierte jüngst die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) riet zur Bodenhaftung: „Ein Abiball ist kein Opernball“. Auch Philipp Schultes aus der Landesschülervertretung kritisiert die teuren Feiern. Gruppenzwang spiele dabei eine große Rolle, so Schultes. „Niemand möchte die Person sein, die etwas dagegen sagt oder sich für eine günstigere Alternative einsetzt.“ Zusätzlich habe sich der Abiball zum Wettstreit zwischen den Gymnasien entwickelt. „Es geht am Ende darum, wer cooler ist“, sagt Schultes.

Sind luxuriöse Abiturbälle ein Trend, der von Amerika nach Deutschland übergeschwappt ist? In den USA ist es schon lange Brauch, die „Prom-Night“ möglichst aufwendig zu zelebrieren. „Das ist mehr als reiner Nachahmungstrieb“, sagt Jugendforscher Heiner Barz von der Heinrich-Heine-Universität. „Der Abiball spiegelt das Bedürfnis der Menschen wider, Rituale zu schaffen.“ Der Ball markiere den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter und erfülle eine wichtige Funktion: „Die jungen Erwachsenen haben die Möglichkeit, sich zu präsentieren, auch vor ihren Verwandten, das kräftigt die Familienstruktur. Der Sinn ist eine Markierung im Lebenslauf, die Struktur bringt.“

Denn was nach dem Schulabschluss kommt, ist nicht klar gegliedert wie eine pompöse Ballnacht. Neben der ausgelassenen Feier als Kompensation zur disziplinierten Schulzeit ist der Ball ein Gegenpol zur Unsicherheit, die nach dem Abschluss folgt. Die klare Struktur der Veranstaltung gibt Sicherheit. „Das ist der Abend, von dem viele während ihrer Schulzeit träumen, deswegen sollte er nahezu perfekt werden“, sagt die ehemalige Abiturientin Hannah-June Oxenfort, die das Gymnasium Gerresheim in Düsseldorf besucht hat. Rund 27.000 Euro hat ihr Jahrgang im letzten Jahr für den Abschlussball ausgegeben – Feuerwerk inklusive. Die Kosten für eine Karte lagen bei 40 Euro. „Gutes Mittelfeld“, sagt Hannah-June Oxenfort zum Eintrittpreis.

Für Jugendforscher Barz repräsentieren pompöse Bälle einen generellen gesellschaftlichen Trend, genau wie der Hype um aufwendige Hochzeitsfeiern. „Die galten früher auch als spießig“, erinnert sich Barz, Jahrgang 1957. „Vielleicht kann man es als eine Art Gegenbewegung zur Vielfalt der Möglichkeiten sehen, als ein Bedürfnis nach Eingliederung.“

Die Firma Fun Concept aus Burscheid organisiert in NRW jährlich 40 bis 50 Abibälle. Dass der finanzielle Aufwand gestiegen sei, kann Geschäftsführer Michael Harenberg, Geschäftsführer, allerdings nicht bestätigen. „Beim Doppeljahrgang 2013 ging es um richtig viel Geld, danach wurde es wieder preissensibler“, erklärt er.

„Die Eltern sorgen häufig dafür, dass die Kosten nicht explodieren“, führt der Geschäftsführer als Grund an. Denn schließlich seien es die Erziehungsberechtigten, die für die minderjährigen Schüler der G8-Jahrgänge die Verträge unterschreiben. „Pasta-Buffet und Eintrittskarten für 15 Euro, so etwas hatten wir auch schon.“