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Abi-Streiche in NRW laufen aus dem Ruder

Mottowochen der NRW-Gymnasien : Abitur-Scherze laufen aus dem Ruder

In Köln sind angehende Abiturienten in Schulen eingestiegen und haben dort Wände mit beleidigenden Parolen beschmiert. In Aachen wollten Jugendliche einen Amoklauf simulieren. In Bochum stiegen Schüler in fremde Autos ein.

Die Laternen sind gerade erst angegangen, als am Sachsenring in Köln vorgestern Abend plötzlich massenhaft Wasserbomben durch die Luft fliegen. Mehr als 200 angehende Abiturienten liefern sich mitten auf der Straße eine wilde Schlacht mit wassergefüllten Luftballons. Einige suchen Deckung hinter geparkten Autos, um nicht getroffen zu werden. Anwohner fühlen sich belästigt, alarmieren die Polizei, die gleich mehrfach ausrücken muss, um das wilde Treiben in der Öffentlichkeit zu unterbinden. Niemand der Jugendlichen habe sich strafbar gemacht, so ein Polizeisprecher. Auch verletzt wurde niemand.

 Mit diesen täuschend echt aussehenden Waffen sind Aachener Abiturienten in Tarnkleidung an ihrer Schule erschienen. Gegen die Jugendlichen wurden Strafverfahren eingeleitet.
Mit diesen täuschend echt aussehenden Waffen sind Aachener Abiturienten in Tarnkleidung an ihrer Schule erschienen. Gegen die Jugendlichen wurden Strafverfahren eingeleitet. Foto: Polizei Aachen

An vielen Schulen in NRW haben die sogenannten Abistreiche und Mottowochen der Abiturienten begonnen. Viele Schulen blicken schon mit Sorge auf die kommenden Wochen - aus gutem Grund. Denn die Polizei meldet immer wieder schwere Auseinandersetzungen, Sachbeschädigungen wie etwa eingeschlagene Fensterscheiben und Farbschmierereien. Auch zu Brandanschlägen kam es schon. In Bochum sorgte gestern ein überzogener Abischerz für Verkehrschaos in der Innenstadt. Etwa 60 als Filmstars verkleidete Schüler hielten Autos an, besetzten diese und ließen sich durch die Stadt fahren. Die Polizei rückte mit mehreren Streifenwagen aus. Davor hatte bereits am Freitag in Aachen ein Abistreich einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Neun Abiturienten waren in Tarnkleidung und mit täuschend echt aussehenden Spielzeugwaffen in der Schule erschienen. Die Waffen hätten für Angst und Schrecken gesorgt, teilte die Polizei mit. Passanten wählten den Notruf. Gegen die Jugendlichen wurde ein Strafverfahren eingeleitet.

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Der Vorsitzende des Philologenverbandes NRW, Peter Silbernagel, hat für solches Verhalten überhaupt kein Verständnis. "Ich habe nichts dagegen, wenn die Schüler friedlich und ausgelassen feiern, aber wenn es Verletzte gibt und Sachen mutwillig beschädigt werden, geht das eindeutig zu weit", betont Silbernagel. Auch er hat - wie viele seiner Kollegen - in den vergangenen Jahren eine zunehmende Gewaltbereitschaft bei den Heranwachsenden ausgemacht. Während es früher im schlimmsten Fall bei Beleidigungen gegen Lehrer in den Abizeitungen geblieben sei, wetteiferten die Jugendlichen heutzutage regelrecht um den übelsten und hinterhältigsten Scherz. Silbernagel appelliert deshalb an die Vernunft der Schüler. "Von jemandem, der vor seiner Reifeprüfung steht, sollte man doch ein Mindestmaß an Verantwortung erwarten können."

Die Bezirksregierung Düsseldorf hat in diesem Jahr weder eine Rundverfügung noch offizielle Hinweise herausgegeben. "Es erfolgt in der Regel eine Einzelfallberatung für die betroffenen Schulen", so eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde. Vor zwei Jahren hatte es im Vorfeld der Mottowochen noch ein Schreiben an alle Schulen im Regierungsbezirk Düsseldorf gegeben, in dem den Schulleitern empfohlen wurde, den Umgang mit Abischerzen in den Schulkonferenzen zu thematisieren und die Abiturjahrgänge zur Einhaltung der Regeln zu verpflichten. Den Schulen wurde zudem eine Abstimmung untereinander und mit der Polizei empfohlen, damit es nicht wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Abiturienten unterschiedlicher Gymnasien kommt wie etwa in Köln, wo es 2013 einen regelrechten "Schulkrieg" mit Strafanzeigen und 40 000 Euro Sachschaden gab.

Christine Leithäuser leitet das Görres-Gymnasium in Düsseldorf. Sie befolgt die Vorschläge zum Umgang mit Abigags, die in dem letztjährigen Schreiben an die Schulen stehen. "Wir sprechen uns im Vorfeld mit Schülervertretern über die Mottowochen ab", sagt sie. Damit habe sie gute Erfahrungen gemacht. "Bei uns veranstalten die Abiturienten an den Mottotagen zum Beispiel gemeinsame Fahrradtouren." Mit Rektoren anderer Gymnasien habe sie zudem vereinbart, dass man sich gegenseitig warne, sollten Schüler der einen Schule vorhaben, die andere zu stürmen.

Genau das ist gestern in Köln passiert. Dort sind Abiturienten in fremde Schulen eingestiegen und haben Wände mit Plakaten beklebt und mit beleidigenden Parolen beschmiert. Zum Teil müssen die Wände neu gestrichen werden. Die Polizei fährt deshalb verstärkt Streife an den betroffenen Gebäuden.

Dominik Schülling ist Vertrauenslehrer an einem Düsseldorfer Gymnasium. Er meint, dass man solche Krawalle trotz aller Appelle nie ganz verhindern könnte. "In fast jeder Stufe gibt es Chaoten, die Mist bauen", sagt er.

Hier geht es zur Infostrecke: Chronik: Bei diesen Abi-Streichen kam die Polizei

(RP)