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Aachen: Sexueller Missbrauch in Kirche - Bischöfe sollen Täter geschützt haben

Sexueller Missbrauch in der Kirche : Bischöfe sollen Täter geschützt haben

Gutachter haben Missbrauchsfälle im Bistum Aachen untersucht. Ihre Ergebnisse erschüttern. Den Verantwortlichen ging es lange vor allem darum, ihr Ansehen zu wahren. Opfer spielten kaum eine Rolle.

468 Seiten, die es in sich haben, mit Aussagen, die bei aller juristisch angebrachten Zurückhaltung deutlich genug sind. Schwarz auf weiß dokumentiert und bewertet die Münchener Kanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl den Umgang des Bistums Aachen mit Fällen sexuellen Missbrauchs in den Jahren 1965 bis 2019. Bischof Helmut Dieser und sein Generalvikar Andreas Frick, die das Gutachten in Auftrag gegeben haben, nehmen das voluminöse Werk am Donnerstag im Aachener Eurogress entgegen. Sie sagen nichts dazu, stehen nicht für Fragen zur Verfügung. Beide kennen da nach eigener Aussage den Inhalt nicht. Ulrich Wastl und Martin Pusch von der Münchener Kanzlei bestätigen das. Beider Büro hat ein entsprechendes Gutachten auch für das Erzbistum Köln erstellt, das dort nicht veröffentlicht wird, weil namhafte Strafrechtler starke Vorbehalte gegenüber dieser Studie geübt haben (wir berichteten). Dazu wollen Wastl und Pusch in Aachen aber nichts sagen.

Was in dem Gutachten für Aachen zu lesen ist, was die beiden Juristen dort dazu sagen, wird im Bistum noch für viel Kopfzerbrechen und Diskussion sorgen. Und man wird daraus Konsequenzen ziehen müssen – nicht nur hier, sondern in der gesamten katholischen Kirche Deutschlands. Deren Bischöfe, zahlreiche Kleriker und viele Mitglieder ihrer Kirche diskutieren seit Jahren und derzeit intensiv auf dem Synodalen Weg über Ursachen des Missbrauchs und notwendige Reformen. Dafür ist das Münchener Gutachten ein wichtiger Beitrag. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller, der seine Kirche seit langem scharf kritisiert und einschneidende Reformen fordert, hat der Münchener Studie für Aachen gestern sogar „Goldstandard“ bescheinigt.

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Wie dem auch sei, der Inhalt ist brisant: Priester, die des sexuellen Missbrauchs überführt waren, konnten jahrzehntelang im Bistum Aachen in der Regel „mit der Milde der kirchlichen Hierarchie rechnen“, sagt Pusch, einer der Münchener Gutachter. Kritisiert wird vor allem der Umgang mit den Opfern. Sie seien vor 2003 kaum wahrgenommen worden. Wenn dies aber doch der Fall gewesen sei, dann in der Regel nicht wegen des ihnen zugefügten Leids, „sondern weil man sie als Bedrohung für das Bistum und die Institution Kirche ansah“.

Es gehe seiner Kanzlei nicht darum, „irgendjemanden an den Pranger zu stellen oder zu stigmatisieren“, sagt Wastl. Das Ziel des Gutachtens sei es vielmehr, für die Zukunft eine unabhängige und offene Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs – unter Beteiligung der Opfer – zu erreichen. Die Münchener Juristen haben mit Verantwortlichen und zahlreichen Zeitzeugen gesprochen. Wastl hebt hervor, „mit welcher Offenheit und Bereitschaft zur Selbstkritik“ die Befragten in den meisten Fällen Fragen beantwortet hätten. Fehlende Sachkompetenz sei, so Pusch, offen eingeräumt worden.Die fünf Hauptverantwortungsträger im Bistum Aachen während der Jahre 1965 bis 2015 werden in dem Gutachten deutlich kritisiert. So wirft es Bischof Johannes Pohlschneider (1954-74) Verantwortungslosigkeit, Vertuschung und unangemessene Versetzungsfälle vor. „Das gebotene seelsorgerische Zugehen des Bischofs auf Opfer, selbst schwersten sexuellen Missbrauchs,“ sei nicht erkennbar.

Bischof Klaus Hemmerle (1975-1994) genieße im Bistum Aachen nach wie vor den Ruf eines charismatischen Seelsorgers und Theologen, sagt Wastl. Er sei aber von allen befragten Zeitzeugen als entscheidungsschwach gerade in Verwaltungsangelegenheiten charakterisiert worden. Ihm habe mit Karlheinz Collas ein „durchsetzungs- und entscheidungsstarker Generalvikar“ gegenübergestanden, der sich weitgehend um Missbrauchsfälle gekümmert habe. Hemmerles Entscheidungen zumindest in zwei Fällen nennt das Gutachten „inadäquat und nicht mehr vertretbar“.

Hemmerle habe aber Mitte der 90er Jahre engen Kontakt zu Opfern aufgenommen, ihnen Hilfe angeboten. Er sei deshalb „bistumsintern kritisiert“ worden, was aus Gutachtersicht zeigt, „dass zu diesem Zeitpunkt noch eine starke bzw. offenkundig dominante Strömung in der Bistumsverwaltung existierte, die das Leid der Opfer nicht zur Kenntnis nahm“. Hemmerle habe einen eindrucksvollen Briefwechsel mit Betroffenen geführt. Wastl: „So etwas haben wir ansonsten nicht gelesen.“ Hemmerle habe damals gesagt: „Auf die Kirche kommt Schlimmstes zu. Wir müssen handeln.“

Generalvikar Collas (1978-1997) wird vorgeworfen, er habe durch unangemessene Versetzungen wiederholt „das Risiko weiterer Opfer in Kauf genommen“. Ihm sei es „in allererster Linie“ darum gegangen, „die Institution, aber auch die Täter zu schützen“.

Bischof Heinrich Mussinghoff (1995-2015) wird in dem Gutachten vorgeworfen, dass er „primär, wenn nicht sogar nahezu ausnahmslos, sein Verhalten im Zusammenhang mit Fällen sexuellen Missbrauchs am Täterschutz ausgerichtet hat. Die gebotene Fürsorge oder auch nur die Beachtung der Opfer unterblieb demgegenüber oder wurde sogar von vornherein ausgeblendet.“ Mussinghoff habe „als ausgewiesener Kirchenrechtler und früherer Offizial die kirchenrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit der Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs sehr stark an sich gezogen“.Auch Manfred von Holtum (1997-2015) wird in dem Gutachten vorgeworfen, „einseitig am Täterschutz“ orientiert gewesen zu sein und die Opferfürsorge weitestgehend ausgeblendet zu haben. Allerdings habe er „aus heutiger Sicht“ selbst festgestellt, dass die Opferfürsorge mangelhaft gewesen sei. Er habe in keiner Weise versucht, „seine eigene Verantwortung in Abrede zu stellen“. „Herr von Holtum war derjenige, der eingeräumt hat, dass bis 2010 niemand auf die Opfer zugegangen ist“, sagt Wastl bei der Präsentation der Studie. Den Weg in die „systemische Verantwortungslosigkeit“ sei der frühere Generalvikar nicht gegangen.

Wastl und das Gutachten beschreiben die Zusammenarbeit mit Mussinghoff und von Holtum als schwierig. Er habe versucht, beiden „eine Brücke zu bauen“ und weitere Gespräche angeboten, sagt Wastl. Dazu sei es nicht mehr gekommen. „Ich hoffe auf kritische Selbstreflexion der beiden“, sagt der Münchener Anwalt.Die Untätigkeit kirchlicher Verantwortungsträger im Bistum Aachen lässt sich nach Einschätzung von Pusch mit Unwissen nicht entschuldigen. Er sieht den Grund dafür vielmehr in einem starken Zusammenhalt innerhalb der Priesterschaft. Das katholische Verständnis von der besonderen Rolle des Priesters, vom Weihepriestertum und die Vorstellung eines „durch die Weihe verwandelten Wesens“ führe zu einem elitären Selbstverständnis und zu Wagenburgmentalität. Verbunden mit „pessimistischer Sicht auf Sexualität“ ergebe sich eine „paranoide Angst der Kirche vor einem Skandal“.

Welche Konsequenzen sie nach ihrem Befund empfehlen, erläutern die Gutachter nicht minder deutlich: Die katholische Kirche müsse ihren „verfehlten Schutzmechanismus“ ändern und sich konsequent den Opfern zuwenden. Unmittelbarer Kontakt mit Geschädigten sei für „alle(!) kirchlichen Verantwortungsträger, die mit Fällen sexuellen Missbrauchs und deren Aufarbeitung befasst sind“, vordringlich und unverzichtbar. Das kirchliche Sexualstrafrecht und Strafverfahrensrecht müssten reformiert werden.

In der Priesterausbildung müsse stärker auf die psychischen Voraussetzungen der Kandidaten geachtet werden, sagt Pusch. Die katholische Kirche müsse dringend ihr „negatives Bild von Sexualität“ aufgeben und Sexualität „als Grundbedingung menschlicher Existenz“ anerkennen. Besonders betonen die beiden Gutachter sowohl am Anfang als auch am Ende ihrer Präsentation in Aachen, dass Frauen in Leitungsämtern der katholischen Kirche unbedingt „gegen männerbündlerische Systeme“ eine größere Rolle spielen müssen. „Ein Kulturwandel ist nötig“, sagt Pusch.