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100 Tage Flut: Das Dorf der Helfer in Grafschaft an der Ahr

100 Tage Flut : Das Camp der Hoffnung

In Grafschaft haben Helfer ein provisorisches Dorf errichtet, von wo aus die Hilfseinsätze im Ahrtal koordiniert werden. Es gibt einen Baumarkt, einen Schmied und eine Einkleidungsstelle. Die Zahl der Helfer geht indes zurück.

Rainer Krütt dürfte im „Dorf der Helfer“ in Grafschaft mittlerweile jeder kennen, und Krütt kennt auch so ziemlich jeden hier. Der Elektrotechniker aus Erkrath arbeitet dort freiwillig im „BaumAHRkt“; er repariert, überholt und säubert die Werkzeuge und Maschinen, die die anderen Helfer in den zerstörten Häusern im Ahrtal benötigen und nach getaner Arbeit wieder zu ihm zurückbringen. „Das Leben hier im Camp ist super. Wir Helfer sind wie eine große Familie“, sagt er. „Man kann sich mit jedem offen und ehrlich unterhalten; keiner ist böse, wenn man mal einen flapsigen Spruch macht.“

Zehntausende Helfer aus Deutschland und der ganzen Welt sind seit Juli ins Ahrtal gekommen – etwa aus Mexiko, Ghana und Skandinavien. Und sie haben bis heute viel zu tun: Denn bei der Flutkatastrophe waren am 14. und 15. Juli in dem touristisch geprägten Ahrtal 133 Menschen getötet, Hunderte Anwohner verletzt und Tausende Häuser beschädigt oder zerstört worden. In Rheinland-Pfalz sind rund 65.000 Bürger betroffen, darunter mehr als 40.000 im Ahrtal.

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Organisiert wird die Hilfe in den Flutgebieten an der Ahr vom „Helfer Shuttle“, einer ehrenamtlichen Initiative, die sich unmittelbar nach der Katastrophe gebildet hat und vor allem über die sozialen Netzwerke Kräfte rekrutiert. Im rheinland-pfälzischen Grafschaft haben die Hilfskräfte ein kleines Dorf aus dem Boden gestampft. Von dort aus werden die Hilfsarbeiten gesteuert. Neben dem Baumarkt und Geräteverleih gibt es eine Wäscherei, ein großes Aufenthalts-Zelt, eine Essensausgabe, einen Verleih für Arbeitskleidung, einen Schmied und ein Erste-Hilfe-Zelt mit einem Arzt. Im Zentrum des Dorfes stehen vier große Stelen, auf denen alle unterschreiben können, die helfen.

Wer neu ins provisorische Dorf kommt, das an der Autobahn 61 liegt, muss sich bei der Disposition melden. Dort erhält man alle wichtigen Informationen, etwa dass „Scouts“ neue Helfer einweisen und zur Arbeit einteilen. Die „Scouts“ bringen die Hilfskräfte morgens dann auch in Kleinbussen in die Katastrophengebiete entlang der Ahr – etwa nach Altenburg, Mayschoß, Dernau, Sinzig, Rech und Schuld. Abends werden sie wieder abgeholt; die Nacht verbringen die meisten in Zelten oder kleinen Pensionen in der Region.

Marc Ulrich, Initiator des „Helfer Shuttles“, hat einmal ausgerechnet, dass seine Fahrzeuge im Krisengebiet schon eine Strecke zurückgelegt haben, die bis zum Mond reichen würde – rund 350.000 Kilometer.

Seit Herbstbeginn lässt die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung allerdings nach. Es kommen deutlich weniger Menschen, um in den Flutgebieten anzupacken, hat man in Grafschaft festgestellt. „Dabei wird weiterhin jede Hand dringend benötigt. Und längst nicht nur Spezialisten und ausgebildete Handwerker“, sagt Krütt. Mittlerweile wird es nur an den Wochenenden noch richtig voll; dann kommen zwischen 2000 und 3000 Menschen; werktags sind es im Durchschnitt zwischen 300 und 500. Den Rückgang an Hilfskräften spüren auch Rene Leukat und René Voss, die in Mayschoß ein Hotel entkernen. „Dabei kann jeder hier etwas machen. Es gibt soviel zu tun. Ausreden zählen für mich nicht. Ich bin sogar mit dem Fahrrad aus Köln hierhin gekommen“, sagt Voss.

Die meisten Helfer kommen regelmäßig, bleiben ein paar Tage und fahren dann wieder nach Hause. Rainer Krütt, der im Ruhestand ist, ist bereits zum vierten Mal im Ahrtal für eine ganze Woche. Bis zu 13 Stunden kann sein Arbeitstag im Camp gehen. Morgens ist der Andrang in seinem „BaumAHRkt“ am größten; dann kommen ab 8 Uhr die Helfer und holen die Materialien ab, die sie in den Flutgebieten benötigen – Schaufeln, Eimer, Stemmhammer. Am späten Nachmittag werden die Sachen zurückgebracht; einen Ausleihschein mit Namen und Adresse muss niemand ausfüllen. „Unsere Hilfe basiert auf Vertrauen – und das funktioniert auch sehr gut. 98 Prozent der Gegenstände kommen zurück“, sagt Krütt.

Die Helfer werden auch in den Weinbergen eingesetzt. 65 der 68 Weinbaubetriebe in dem als Rotweinparadies bekannten Flusstal sind vom Hochwasser betroffen. Ihr Gesamtschaden wird auf 160 Millionen Euro geschätzt. Wie die rheinland-pfälzische Weinbauministerin Daniela Schmitt (FDP) kürzlich mitgeteilt hat, sind rund 32 der 560 Hektar Rebflächen im Ahrtal völlig und teils metertief weggespült worden. Weitere 15 Hektar seien vom Hochwasser so überspült worden, dass dort dieses Jahr keine Trauben mehr gelesen werden könnten.

Yvonne und Gisela aus Paderborn verleihen im Dorf die Arbeitskleidung. „Wer zu uns kommt, muss sagen, wo er eingesetzt wird – in den Weinbergen, beim Stemmen oder beim Müllaufsammeln“, sagt Gisela. „Dementsprechend werden sie dann von uns ausgestattet“, erklärt sie. Wer etwa zum Stemmen muss, bekommt Maske, Gehörschutz und Schutzbrille. Die beiden Frauen haben Ausrüstung und Kleidung nach Größen sortiert. Auch bei ihnen herrscht morgens viel Betrieb. „Man kann sich ja vorstellen, was hier in etwa los ist, wenn am Wochenende 2000 Leute eingekleidet werden müssen“, sagt Gisela. „Da weiß man hinterher, was man getan hat.“

Mittags ist im Dorf etwas Zeit zum Durchschnaufen. „Das ist hier die ruhigste Zeit des Tages“, sagt Krütt. Dann sitzt er meistens mit anderen Helfern an einem Tisch, trinkt Kaffee und spricht ab, was am Tag noch zu tun ist. Gesprochen wird auch über Diebstähle. „Da müssen wir aufpassen. Drei von uns schlafen deswegen auch nachts hier bei den Werkzeugen“, sagt Krütt. „Auch das gehört dazu. Man sieht, es wird nie langweilig. Und es gibt hier zu jeder Tag- und Nachtzeit etwas zu tun.“