Opferversorgung für Rudi

Opferversorgung für Rudi

Auch der Dioxin-Skandal und unsere Sorge um gesunde Lebensmittel haben das Buch so aktuell werden lassen: "Anständig Essen", für das die Autorin Karen Duve (49), die einst gerne zur "Grillhähnchenpfanne" im Kühlregal griff, zehn Monate lang im Selbstversuch moralische Ernährungsweisen erprobte: vom Vegetarier bis zum Frutarier. Am Donnerstag liest sie aus ihrem schon 60 000 mal verkauften Buch im Heine Haus.

Wie geht es Ihrem Schützling Rudi, dem Huhn, das Sie aus mit einem gebrochenen Bein aus einer Massentierhaltung befreit haben?

Duve Rudi ist mehr oder weniger genesen, bis auf eine Funktionsstörung der Kralle, die auch nicht mehr weggehen wird. Der könnte raus, wenn es wärmer wäre. Er bleibt nur deshalb im Wohnzimmer, weil es für Hühner immer heikel ist, aus der Wärme in die Kälte zu kommen.

Er soll aber später einmal raus?

Duve Unbedingt, wir warten beide darauf. Es ist das Beste für Sie.

Für Sie?

Duve Ja, es ist ein Huhn.

Und warum heißt es dann ein Rudi?

Duve Keine Ahnung, der Name war sofort da. Als wir mit ihm loszogen, hieß er plötzlich bei allen nur noch Rudi. Und dabei ist es dann geblieben.

Wie groß ist die Gefahr, dass mit Ihrem Rudi im Wohnzimmer Ihr ernstes Anliegen niedlich werden könnte?

Duve Daran habe ich kurz gedacht. Ich glaube aber, dass es ganz gut ist, ihn so zu zeigen. Damit man einfach sieht, es ist ein Individuum, eine Persönlichkeit, ein Tier, das vertrauensvoll mit Menschen umgeht und sehr sympathisch ist. Das ist ein Charakter und keine Fleischeinheit, die man nach Kilogramm pro Quadratmeter berechnen kann.

Ist Ihr Umgang mit Rudi das, was sie im Buch "Opferversorgung statt Haustierhaltung" bezeichnen?

Duve Ja klar. Wenn man so will, ist Rudi ein Opfer. In der Massentierhaltung lässt man verletzte Hühner einfach sterben. Deswegen haben wir ihn mitgenommen und versorgt.

Wann droht ein Anliegen wie Fleischverzicht ideologisch zu werden – oder muss es irgendwann ideologisch werden, um Wirkung entfalten zu können?

Duve Ich versuche, es nicht ideologisch zu machen, weil es für mich keine Frage von Alles oder Nichts ist. Also: Wir müssen nicht alle Vegetarier werden. Dass ich ein Gefühl von Scham empfunden habe, als mir klar wurde, wie lange ich diese Art der Agrarindustrie unterstützt habe, heißt nicht, dass ich das auch von anderen Menschen erwarte. Niemand ist perfekt. Ich selber werde gleich mit meinem Auto nach Berlin reinfahren und nicht mit der S-Bahn, obwohl ich damit meine CO2-Bilanz belaste. Aber die nächsten Male werde ich wieder die S-Bahn nehmen. Es geht darum, den Schaden zu minimieren. Die großen Mengen Fleisch, die wir momentan verzehren, sind nicht mehr legitim, weil wir damit unsere eigene Lebensgrundlage zerstören und Tiere in einem so großem Ausmaß leiden lassen. So geht es nicht mehr weiter; und wie das Fleisch hergestellt wird, ist kriminell.

Wie reagieren die Menschen darauf?

Duve Na ja, es gibt Menschen, denen es viel schwerer als mir fällt, auf Fleisch zu verzichten. Da kann man Kompromisse finden: Wer auf seinen Sonntagsbraten nicht verzichten kann, muss ja nicht auch jeden Wochentag Sonntagsbraten essen.

Geht es im Grunde allein darum, dass man einfach anfangen muss?

Duve Die Botschaft, ihr müsst alle Vegetarier werden, versetzt viele in Angst und Schrecken. Darum geht es nicht. Wer sich darauf einlässt, erkennt, dass manches viel einfacher ist als erwartet. Es gibt etwa wahnsinnig viele Gemüsesorten, die es zu entdecken gilt.

Welche Erfahrungen haben Sie auf den Lesungen gemacht?

Duve Die, die da kommen – das ist natürlich schon eine Art Vorauswahl von Interessenten. Viele von denen, vielleicht 80 Prozent, haben sich schon Gedanken gemacht und sind offen für das Thema. Und es gibt einen kleinen Teil von Leuten, die ganz vehement widersprechen und große Angst haben, sich auf irgendeine Weise einschränken zu müssen. Die kommen dann reflexhaft mit dem Vorwurf, dass man verbiestert sei und verbohrt.

Können Sie nach einer solchen Streitschrift mit dem nächsten Buch zur Tagesordnung übergehen und einen Krimi schreiben? Und dann schreien alle auf: Aha, sie war also doch nur der Tourist, der für drei Stunden sein Kreuzfahrtschiff verlassen hat.

Duve Im Moment wünschte ich fast, ich könnte wieder zurück auf mein Kreuzfahrtschiff. Weil ich völlig absorbiert bin von diesem Thema und ich ahne, dass es noch eine Zeit so bleiben wird. Aber so lange es noch offene Ohren dafür gibt, muss ich natürlich die Gunst der Stunde nutzen. Dies ist das erste Buch, das auch mein Leben beeinflusst hat; bei mir ist es oft so, dass das alte Buch in das nächste hineinreicht und es Schnittmengen gibt.

Ist auch ein Rudi-Roman denkbar?

Duve Hundertprozentig: nein – so sympathisch mir Rudi auch ist.

(RP)