1. NRW

Serie - Geschichte im Rheinland (8): Napoleon am Rhein

Serie - Geschichte im Rheinland (8) : Napoleon am Rhein

Der Kaiser der Franzosen beherrschte zu Beginn des 19. Jahrhunderts halb Europa. Am Rhein, insbesondere links des Stroms, brachte die 20-jährige Franzosenzeit rechtspolitische und ökonomische Vorteile.

Die Französische Revolution von 1789 beeinflusste als epochales Ereignis den Gang der Geschichte und das Schicksal der Menschen weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. Durch die Kriege der revolutionären Bewegung mit ihrer prägenden Feldherrn-Gestalt Napoleon Bonaparte machten sich die Franzosen zeitweise halb Europa untertan. Napoleon dominierte militärisch und politisch, besonders auch im Rheinischen. Die Auswirkungen der großen Revolution haben das Rheinland früher und nachhaltiger geprägt als andere Regionen Deutschlands.

Den Bürgern dort war die 20 Jahre lang währende Franzosenzeit am Ende gar nicht unlieb. Trotz des Zorns über Steuer- und Truppenaushebungs-Druck lässt sich sagen: Je länger, desto mehr empfanden die Menschen die Fremdherrschaft zwar als despotisch, aber als effektiv, wohl organisiert und vergleichsweise modern. Es heißt auch, dass sich die anpassungsfähigen Rheinländer fix mit den neuen Machtverhältnissen arrangiert hätten. Und als es mit Napoleon 1813/1814 zu Ende ging, sollen die Rheinländer mit banger, keineswegs mit freudiger Erwartung auf das geblickt haben, was ihm folgen sollte, nämlich die Preußen-Herrschaft ab 1815.

Die französischen Revolutionstruppen eroberten 1794 nacheinander Trier, Köln, Bonn, Koblenz. 1792 hatten sie, zunächst vorübergehend, Aachen und Mainz in ihre Hand gebracht. 1793 konnten die alten Feudalmächte sie noch einmal aus beiden Städten zurückdrängen. Danach jedoch schlug die Republik zurück. Ihre Truppen drangen endgültig bis an den Rhein vor. Ende Oktober 1794 war das gesamte linke Rheinufer französisch besetzt. Es folgten drei Jahre Besatzungsregime mit wirtschaftlicher Ausbeutung zum Nutzen der französischen Revolutions-Republik. Dadurch verflog zunächst die vor allem in kleinen rheinischen Intellektuellen-Zirkeln ausgeprägte, große Sympathie mit den revolutionären Zielen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit rasch.

Die Wende zum Besseren kam 1797 mit dem französischen Militärbefehlshaber am Rhein, General Hoche. Es entstand die Idee, das Besatzungsregime zu beenden und die eroberten rheinischen Gebiete dem französischen Staat einzuverleiben. Im Frieden von Campo-Formio im Oktober 1797 stimmte Österreich zu, so dass das linke Rheinufer abgetreten wurde. Preußen hatte bereits zwei Jahre zuvor ja gesagt. Im November 1797 schickte Paris den Elsässer Franz Josef Rudler als Generalkommissar an den Rhein, um dort Schritt für Schritt die französische Verwaltungs- und Rechtsordnung einzuführen. Der Vereinigungsprozess dauerte bis 1801. Mit dem Frieden von Lunéville gehörte das linke deutsche Rheinufer völkerrechtlich zu Napoleons Staat und nicht länger zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dessen Tage ohnehin gezählt waren.

Das neue Stück Frankreich am Rhein wurde in vier Départements gegliedert. Die leitenden Beamten auf der Ebene der Départements — Präfekten — waren in der Regel Franzosen, auf den nachgeordneten Ebenen hatten auch Deutsche eine Chance zur politischen Mitgestaltung. In erster Linie galt das für die so genannten Notablen, die Höchstbesteuerten. Die letzten Entscheidungen fielen jedoch in Paris, wo seit 1799 Napoleon als Erster Konsul, ab 1804 als Kaiser die Macht innehatte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde als neues Bürgerliches Recht der Code Civil oder auch: Code Napoleon im Linksrheinischen eingeführt. Es folgten französisches Zivilprozess-, Handels-, Strafrecht. Das bedeutete einen Riesenschritt in die Moderne, weil Errungenschaften der großen Revolution ins Recht gesetzt wurden. Zum ersten Mal in seiner Geschichte gab es im Rheinland eine Einheit der Rechtsordnung. Zudem wurden bürgerliche Freiheits- und Eigentumsrechte gestärkt, das Ständeunwesen beseitigt. Auch freie Verteidigung und Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens gehörten dazu. Bis heute hat sich aus der Franzosenzeit im Linksrheinischen beispielsweise das spezielle Rheinische Notariatswesen gehalten. Die Rheinländer verteidigten ihr "Rheinisches Recht" später beherzt gegen Korrekturwünsche der preußischen Machtzentrale in Berlin. Der Code Napoleon blieb links des Rheins bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) im Jahre 1900 gültig.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts gab es die obligatorische Zivilehe. Anfangs wurde sie von den kirchentreuen Rheinländern skeptisch beurteilt. Zumal 1802 Stifte, Klöster und Orden am Rhein aufgelöst und deren Besitz säkularisiert und zu Nationaleigentum erklärt worden waren.

Die Militärverwaltung verfügte, dass zahlreiche Kirchen und Klöster zeitweise als Unterkünfte für Soldaten, sogar als Unterstände für Pferde zu dienen hatten. Zwischen 1803 und 1813 wurde der säkularisierte Kirchenbesitz verkauft, meist an Angehörige des gehobenen Bürgertums. Insgesamt wechselten am linken Rheinufer zwischen 1803 und 1813 knapp 17 000 säkularisierte Besitztümer ihren Eigentümer. Die Rheinländer hatten wenig Skrupel, konfiszierten Kirchenbesitz zu erwerben.

Napoleon suchte Aussöhnung mit der Kirche

Obwohl es unter Napoleon kein Zurück zur alten kirchlichen Ordnung, kein Retour zum überkommenen Kirchenfürstentum gab, suchte der Kaiser der Franzosen auch als Herrscher im Rheinland die Aussöhnung mit der Kirche. Kirche und Religion, denen die Revolutionäre anfangs feindlich gegenüber getreten waren, wurden von Napoleon respektiert, allerdings der Staatsaufsicht unterstellt. Napoleons Aussöhnungs-Bemühungen ließen die Vorbehalte der Rheinländer gegen den strikten Kirchen-Kurs der neuen Herren schwinden.

Die Integration der linksrheinischen Gebiete in den französischen Staat ging schnell voran. Das lag an mehr Rechtssicherheit, den neuartigen Handels- und Gewerbefreiheiten und den damit verbundenen Exportchancen. Auch die französische Sprache wurden zunehmend chic, das 'Parlieren' kam immer mehr in Mode. Im Wirtschaftsbürgertum waren französische Wörter Ausdruck von Bildung und verfeinerter Lebensart. "Vettern" und "Basen" wurden zu "Cousin" beziehungsweise "Cousine" französisiert. Auch die neuen deutschen Begriffe Großvater, Großmutter, Großeltern leiteten sich von grand-père, grand-mère und grands-parents ab.

Erheblich belastend waren für die Rheinländer die militärischen Tribute. Militärpflicht galt für Männer zwischen 18 und 40 Jahren. Wohlhabende konnten sich mit Geld beziehungsweise Stellung eines Ersatzmannes freikaufen. Napoleons Kriege zwischen 1801 und 1813 kosteten unzählige Rheinländer unter seinen Soldaten das Leben.

Die rechtsrheinischen Gebiete gehörten nie zum Staat Frankreich. Sie bewahrten sich als Napoleons Satelliten eine gewisse Eigenständigkeit. Das rechte Rheinufer blieb formal bis 1806 unter der Herrschaft der alten Ordnung. 1805 hatte Bayern das Herzogtum Berg mit Düsseldorf als Hauptstadt im Tausch gegen Ansbach an Napoleon abgetreten. Ein Jahr später schuf Napoleon aus dem Herzogtum Berg und Teilen des ehemaligen preußischen Herzogtums Kleve das neue Großherzogtum Berg. 1808 wurde dort die Leibeigenschaft abgeschafft, 1810 trat auch hier der Code Napoleon in Kraft.

Anders als die rechtsrheinischen Gebiete profitierte das linke Rheinufer wirtschaftlich enorm von seiner Zugehörigkeit zu Frankreich und dem damit verbundenen großen Wirtschaftsraum. Die linksrheinischen Gebiete genossen die Vorteile von Gewerbefreiheit und Napoleons Schutzzollpolitik. Die Abschnürung vom französischen Markt wirkte sich für die rechtsrheinische Industrie etwa im Bergischen extrem nachteilig aus, so dass Remscheider Fabrikanten in der Vereinigung mit Frankreich den einzigen Ausweg aus der Benachteiligung sahen.

Textilindustrie boomte

Vor allem die Textilindustrie im Raum Mönchengladbach, Rheydt, Viersen, Neuss, Bonn boomte hingegen; sie wurde zur Leitindustrie. Bergische Textilfabrikanten verlegten Teile ihrer Produktion auf das linke Rheinufer. Dadurch, dass Napoleon im Krieg gegen England eine Kontinentalsperre verhängte, keine Ausfuhr nach Übersee, keine Einfuhr aus Übersee zuließ, fiel die britische Konkurrenz aus. Fehlende Kolonialwaren wurden durch heimischen, rheinischen Anbau, etwa von Zuckerrüben, ersetzt. Zwischen 1800 und 1810 verzwanzigfachte sich links des Stroms die Baumwollproduktion. Eine Stadt wie Köln blühte während der Franzosenzeit zur Handels- und Gewerbe-Metropole auf.

Ende 1813 näherte sich Napoleons Herrschaft am Rhein ihrem Ende. Teile der preußischen Armee überquerten den Rhein bei Kaub und rückten Richtung Westen vor. Nachdem Napoleon im November 1813 ein Friedensangebot seiner vereinigten Gegner Preußen, Russland, Österreich abgelehnt hatte und den Krieg fortsetzte, beschlossen die Verbündeten nun auch die Befreiung des linken Rheinufers von der Franzosen-Herrschaft.

Preußen hätte auf seinen späteren Neuerwerb gerne verzichtet, wenn es statt dessen Sachsen bekommen hätte. Man ahnte früh im fernen Berlin, dass das ab 1815 zwischen Preußen und den vereinnahmten Rheinländern keine Herzenssache werden würde.

(RP)