Düsseldorf: Nachhilfe auf den letzten Drücker

Düsseldorf : Nachhilfe auf den letzten Drücker

Vor den Zeugniskonferenzen wollen viele Schüler ihre Noten verbessern, indem sie noch kurzfristig Nachhilfeunterricht nehmen. Doch nicht immer sei das sinnvoll, meinen Experten. Viele Eltern übten zu großen Druck auf ihre Kinder aus.

Tim hat Schwierigkeiten in Mathematik und Deutsch. In beiden Fächern steht der Neuntklässler Fünf. Seine Versetzung ist gefährdet. Deshalb nimmt er seit kurzem Nachhilfe, zweimal die Woche. "Ich habe keine Lust, sitzenzubleiben, darum muss ich in den letzten Klassenarbeiten reinhauen", sagt er.

Besonders jetzt kurz vor Ende des Schuljahres nehmen viele Schüler kurzfristig Nachhilfe, in der Hoffnung, dass sich ihre Noten dadurch noch verbessern. Dominique Clemens unterrichtet Deutsch und Sport am Düsseldorfer Marie-Curie-Gymnasium. Er sagt, dass spontane Nachhilfestunden jedoch nicht bei allen Schülern Sinn machen würden. "Wenn jemand etwa in Deutsch grobe Defizite hat, bringt eine kurzfristige Nachhilfe nichts mehr", erklärt er und ergänzt: "Nachhilfe sollte immer begleitend zum Schulunterricht stattfinden und auf langfristigen Erfolg abzielen."

Das bestätigt Sabine Angelkorte vom Nachhilfeinstitut "Schülerhilfe". Kurzfristige Nachhilfe sei nur dann empfehlenswert, wenn etwa eine Nachprüfung anstünde. "Mit einer Intensivförderung arbeiten wir darauf hin, in kurzer Zeit Wissenslücken zu schließen und Prüfungsinhalte gezielt zu trainieren", erklärt Angelkorte. Dazu gehörten viel Lernmotivation und Zeit, die die Schüler investieren müssen. Doch Letzteres sei oftmals ein Problem. "Schließlich haben viele Schüler neben Schule und Hausaufgaben noch genügend außerschulische Verpflichtungen", sagt die Expertin. Eine Überforderung der Kinder sei kontraproduktiv und führe dazu, dass in keinem Bereich gute Leistungen erbracht würden. "Das führt zwangsläufig zur Frustration bei Kindern und Eltern und ist in jedem Fall zu vermeiden", so Angelkorte.

Claudia Bredelin hat ihren Sohn Cedrik bei einem Nachhilfeinstitut in Düsseldorf angemeldet, weil er in Mathe schlecht stand. Seitdem haben sich seine Noten deutlich verbessert. "Mein Nachhilfelehrer vermittelt den Stoff viel lebendiger als mein Lehrer in der Schule", sagt Cedrik. "Bei ihm macht mir Mathe Spaß." Claudia Bredelin zahlt monatlich 138 Euro für acht Stunden. Nicht zu viel, wie sie meint. Die Kosten für Nachhilfestunden variieren stark. Während Lehrer und Studenten bis zu 50 Euro pro Stunde nehmen, verlangen Schüler wie etwa die Düsseldorferin Frederike Hofman (17) deutlich weniger. Die Gymnasiastin gibt viermal die Woche Nachhilfe, einem Mädchen und einem Jungen. "Bei beiden haben sich die Noten deutlich verbessert", sagt sie. Für ihre Hilfe nimmt sie nur zehn Euro die Stunde. "Das Geld ist mir nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass ich meinen Schülern helfen kann, bessere Noten zu schreiben."

Günstiger als bei der 17-Jährigen sind nur noch die Nachhilfeangebote im Internet. Dort erklären meist Studenten kostenfrei anhand ziemlich einfacher Sätze und Beispiele komplizierte Sachverhalte. Einige von ihnen sind sogar so erfolgreich, dass sie durch Werbeeinnahmen mehrere Tausend Euro monatlich verdienen. Ihre Videos werden tausendfach angeklickt. Doch Experten warnen vor der Nachhilfe im Netz. Dort sei zwar viel Spannendes unterwegs, das auch für Erwachsene lehrreich sei, sagt Stefan Drewes, Leiter des Zentrums für Schulpsychologie der Stadt Düsseldorf. Doch seien die meisten Videos nicht in einen Lehrplan eingebettet. "Bei der Vielzahl des Angebots besteht die Gefahr, dass die Kinder sich verzetteln und nicht konsequent das lernen, was sie sollen", sagt Drewes.

Die Vorsitzende des Verbandes Lehrer NRW, Brigitte Balbach, rät Eltern, die besorgt sind, dass ihre Kinder nicht versetzt werden könnten, Ruhe zu bewahren. "Schnellschüsse können teuer sein und im Frust enden", sagt sie. Jede Nachhilfe-Entscheidung sei eine Einzelfall-Entscheidung. Balbach empfiehlt, in jedem Fall, die Fachlehrer einzubinden. Die Lehrkräfte vor Ort hätten den besten Überblick über die Defizite eines Schülers. "Wenn die Anforderungen in einer Schule allerdings dauerhaft zu hoch sind, kann auch ein Schulwechsel sinnvoll sein. Unser Schulsystem hält auch dann alle Bildungswege offen", erklärt die Verbandschefin.

Auch im Institut von Stefan Drewes häufen sich vor Schuljahresende die Anfragen besorgter Eltern. Ein Grund dafür sei, sagt der Psychologe, dass sich viele von ihnen nicht vor ihrer Verwandtschaft blamieren und eingestehen wollten, dass ihr Kind möglicherweise sitzenbleiben muss. Einige Eltern würden häufig erst auf die schulischen Leistungen ihrer Kinder reagieren, wenn die Zeugnisse anstünden. "Der Druck der Eltern auf ihre Kinder hat in den vergangenen Jahren schon zugenommen", sagt er. Nachhilfe würde aber nichts bringen, wenn Kinder sie ablehnen würden. "Dann sollte man das lassen", sagt Drewes. Daher sei es wichtig, dass die Eltern ihre Kinder nicht vor vollendete Tatsachen stellen und ihnen einfach einen Nachhilfelehrer vorsetzen. Kinder müssten vielmehr in die Entscheidung miteinbezogen werden.

Das haben Tims Eltern nicht gemacht. "Ich kam irgendwann aus der Schule nach Hause, da saß meine Mutter mit einem Mädchen am Tisch und sagte mir, dass es mir ab sofort Nachhilfe gibt", sagt Tim. "Aber ich hatte nichts dagegen, weil ich mich ja verbessern will. "

(RP)
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