Musik, die in den Himmel will

Musik, die in den Himmel will

Die argentinische Cellistin Sol Gabetta und die Amsterdam Sinfonietta traten beim Heinersdorff-Konzert in der Tonhalle auf. Es gab sogar eine Uraufführung: das neue Cellokonzert des Letten Peteris Vasks.

Peteris Vasks' neues, zweites Cellokonzert "Klatbutne" ("Präsenz"), mit dem Star-Cellistin Sol Gabetta und die Amsterdam Sinfonietta auf Uraufführungsreise sind, singt sehnsüchtig nach einer besseren Welt – das ist ein Markenzeichen des Letten.

Beim Heinersdorff-Konzert in der Tonhalle saugt sich die grazile, blonde Cellistin im figurbetonenden grünen Kleid förmlich in ihr Guadagnini-Cello, dessen sensationell ausgewogener, samtener Klang einem Wunder gleichkommt. Immerzu hinauf, in den Himmel, will die Musik. Und bei allem Unwohlsein wegen der abgewetzten kompositorischen Mittel – einer Harmonik, die im weiten Land des Kitsch nicht auffällt – wandern die Sinne der Zuhörer im Verlauf des gut halbstündigen Werks unwillkürlich zum Zenit der Sternenkuppel, unter der sie entsteht. Viele sind ergriffen, mitgerissen von der Intensität des solistischen Ausdrucks, andere gähnen dezent. Alle haben großangelegte Monologe in Kadenzform vernommen, eine leitet das dreiteilige Werk fast fünfminütig ein. Viel Schwermut, viel Schwelgen, im Mittelteil scheint eine Eisenbahn durchs Geschehen zu brettern.

Die Solistin auf ihrem Podest inmitten der großteils stehenden Streicherschar arbeitet ein Notenblatt nach dem anderen ab. Nachher ist der Boden übersät mit Papier. Und dann, als diese Rhapsodie über ein verlorenes Paradies sich schon dem offenen Ende zuneigt, blickt die junge Cellistin der Konzertmeisterin verständig in die Augen – und beginnt in der Zugabe zu singen: eine traurige, vielleicht baltische Melodie, zu der sich die Doppelgriffe in Mittellage ganz apart ausmachen. Jubel, auch für Vasks, der leibhaftig auf die Bühne tritt.

Nach der Pause färben jüdisch-orientalische Klänge von Ernest Bloch den Saal, Arrangements aus "Baal Shalem" und "From Jewish Life", die sich im Gestus vom vorher Gehörten nicht wesentlich unterscheiden. Prokofjews "Visions fugitives" allerdings, die das Konzert eröffneten, offenbaren die ganz außergewöhnliche Form des Musizierens, die die Amsterdam Sinfonietta entwickelt hat. Wenige Jahre nach Weberns "Bagatellen" entstanden, entfachen sie auf kleinstem Raum eine Vielfalt an Stimmungen, die in der Streichorchester-Bearbeitung noch expressiver, schillernder, farbiger werden.

Die Holländer musizieren unglaublich lebendig, kommunikativ an allen Pulten. Und im finalen 2. Streichquintett von Brahms, das die Holländer eigenhändig für sich einrichteten, wogen die musikalischen Wellen in den Reihen der Geigerinnen hin und her zu den Kollegen an Bratschen und Cello. So vitale, glühende, spröde, intensive, leiseste Musik hat man lange nicht gehört.

Als Zugabe ein Kabinettstückchen aus der artistischen Wunderkammer: ein ungarischer Tanz mit so viel agogischen Mätzchen, dass man den Mund aufsperrt vor solch lebendiger orchestraler Harmonie.

(RP)
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