Mord in Flingern: Verdächtiger gefasst

Mord in Flingern: Verdächtiger gefasst

Drei Wochen nach dem Mord an Architekt Thorsten H. im Flur eines Mehrfamilienhauses an der Platanenstraße ist die Polizei sicher, den Täter gefasst zu haben. Spezialkräfte verhafteten den Ex-Mann von H.s Lebensgefährtin am Dienstag in seiner Luxemburger Wohnung. Er streitet die Tat ab.

Um 6.30 Uhr klickten am Dienstagmorgen die Handschellen in Luxemburg. Stanislav G., 35 Jahre alt, gebürtiger Russe mit deutschem Pass, Gelegenheits-Barmann mit abgeschlossenem Politikstudium gab sich erstaunt. Er will Thorsten H., mit dem seine geschiedene Frau zusammen lebte, nicht gekannt haben, nie an der Platanenstraße gewesen sein. Doch das sehen die Fahnder anders, und auch der Richter, der den europäischen Haftbefehl ausgestellt hat. In den nächsten Tagen soll G. nach Düsseldorf gebracht werden. Dann will Rainer Zöllner ihn mit den Beweisen konfrontieren, die die Mordkommission gesammelt hat.

Das Bild, das Zöllner gestern von dem Verdächtigen zeichnete, ist das eines von Kontrolle und Macht besessenen Mannes, der es trotz überdurchschnittlicher Bildung selbst zu wenig gebracht hatte. 1996 hatte er in seiner russischen Heimat geheiratet, war mit seiner Frau nach Deutschland gegangen und hatte sich einbürgern lassen. Zwei Jahre später ließ er sich in Russland scheiden, setzte seine Frau massiv unter Druck: Sollte sie sich nicht an seine Lebensregeln halten, würde er die Scheidung publik machen. Dann hätte der Russin die Ausweisung gedroht. Sie ließ sich darauf ein, studierte Architektur und verdiente den Familienunterhalt. Stanislav hatte nach einer kaufmännischen Ausbildung ein Politik-Studium abgeschlossen, aber keinen Job.

2005 kam die Tochter des Paares zur Welt, mit der die Frau schließlich Anfang 2011 vor Schlägen und Tyrannei ihres Mannes in ein Frauenhaus flüchtete. Ein paar Monate später verliebte sich Thorsten H. in die Russin, die er als Kollegin kennengelernt hatte. Im Oktober zog sie zu ihm, hatte kurz zuvor das alleinige Sorgerecht für die Tochter erhalten. Durch die Scheidung, mit der Stansilav G. die Kontrolle über seine Frau behalten wollte, galt das Kind juristisch als nicht ehelich. Er hatte keine Ansprüche.

Trotzdem rief er oft bei der Tochter an, drangsalierte seine Ex-Frau mit Mails. Es gab Strafanzeigen, Termine beim Familiengericht. Möglicherweise hat G. dabei die Adresse an der Platanenstraße erfahren, die er regelrecht observiert haben soll. Aus der Altbauwohnung wollte das Paar deshalb weg, hatte bereits eine neue Wohnung gemietet. Doch bei der Renovierung hatte es Probleme gegeben, der Umzug wurde verschoben. Deshalb kam Thorsten H. am 1. März wieder nach Hause an die Platanenstraße, wo der Mörder auf ihn wartete.

Der Architekt, der nach dem Studium in Wiesbaden im renommierten Architekturbüro Ingenhoven arbeitete, hatte laut Zöllner ein "leichtes Drogenproblem". Mit viel Sport – er lief Marathon – habe er sich aber aus der Kokainfalle befreit. Bis die Bedrohungen durch Stanislav G. begannen. Da griff der gestresste Mann, den sein Umfeld als liebenswerten, eher konfliktscheuen Menschen schätzte, erneut zum Kokain. "Er war gewiss kein Krimineller, er stand unter großem Druck", sagte Zöllner.

Weil Thorsten H. kurz vor seinem Tod noch einen Dealer traf, war auch der kurzzeitig ins Visier der Polizei geraten. Doch die Beschreibung eines Mannes, den Nachbarn vor dem Haus auf und ab gehen sahen, passten nicht auf ihn – wohl aber auf Stanislav G. Der ist, wie die Polizei herausfand, am 1. März mit dem Zug nach Düsseldorf gekommen, hatte drei Nächte in der Jugendherberge gebucht, wo er durch seine besonders charmante Art auffiel. Umso mehr bemerkte man, wie er Stunden später grußlos sein Gepäck holte, die gebuchten Übernachtungen stornierte. Als er fragte "Kann man feststellen, dass ich hier war?", bekam es die Mitarbeiterin sogar mit der Angst. Die Polizei vermutet: G. war gerade vom Tatort zurückgekommen und nervös wegen Blutflecken auf seiner Kleidung.

Die Fahnder wissen, dass G. am selben Abend überraschend bei Verwandten in Aachen auftauchte, wo er duschte und seine Kleidung wusch – und den Verwandten einschärfte, nie darüber zu reden. Eine fleckige Jacke hatte er unter falschem Namen in eine Reinigung in Trier gebracht. Sie war durchnässt, wie nach einem vergeblichen Waschversuch. Jetzt wird sie im Labor auf Blutspuren untersucht.

In Luxemburg hatte G. wohl Zukunftspläne für sich und seine ExFrau gemacht, hatte sogar einen Kindergartenplatz für die Tochter. In diesen realitätsfernen Plänen sieht Staatsanwältin Britta Zur das Motiv für den Mord.

(RP)
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