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Mogutschi probt Kafka

Mogutschi probt Kafka

Der russische Regisseur Andrej Mogutschi eröffnet am 15. September die neue Spielzeit im Schauspielhaus. Er zeigt eine Bearbeitung des Romanfragments "Der Prozess" von Franz Kafka, ein Stück über das Ende einer gesellschaftlichen Epoche. Ein Besuch in einer Probe.

Zögerlich tritt Josef K. von hinten an das alte Ledersofa, auf dem Fräulein Bürstner sittsam sitzt. Der Mann mit dem weißen Anzug, schwarzen Hut, schmalen Gesicht ist gekommen, sich zu entschuldigen. Bei der letzten Begegnung hat er das Fräulein arg bedrängt. Leise spricht Carl Alm seinen Text aus Franz Kafkas Fragment "Der Prozess", Patrizia Wapinska schaut ihn leicht herausfordernd an, wenn sie antwortet. Im Hintergrund setzt Klaviermusik ein, wird lauter, bis Andrej Mogutschi den Arm hebt, in der Luft hält, plötzlich sinken lässt. Schnitt.

Der Regisseur eilt von seinem Regietisch nach vorne. Mit Schwung lässt er sich in einen der Zuschauersitze fallen. Mit kräftiger Bassstimme beginnt er, die Rollen zu analysieren. Er spricht russisch, ein Assistent übersetzt. Dann bittet er Patrizia Wapinska, sich anders hinzusetzen. "Zieh die Beine an, setz Dich auf das Sofa wie eine moderne Frau – völlig unangemessen für das 19. Jahrhundert", sagt Mogutschi. Wapinska zieht die Schuhe aus, legt die Beine auf das Sofa. "So, ey Alter, noch ein paar Chips", sagt sie und lacht. "Ja, Du bist frei, kannst entscheiden, was Du tun willst. Freiheit ist interessanter als Unfreiheit", sagt Mogutschi. "Das hat unser Präsident gesagt." Die Schauspieler lachen. "Das hat unser Präsident gut gesagt."

Andrej Mogutschi gehört zu den fortschrittlichsten Regisseuren Russlands. 1961 in St. Petersburg geboren, gründete er Ende der 80er Jahre eine eigene experimentelle Theatergruppe, das Formalny Teatr, und inszenierte über Spartengrenzen hinweg Schauspiel, Oper, Zirkus, Performances mit großer Teilnehmerschar. Viele seiner Inszenierungen wurden in Russland ausgezeichnet und gingen auf Gastspiele ins Ausland.

Seit 2004 ist Mogutschi Hausregisseur am Alexandra-Theater in St. Petersburg, an einer staatlichen Bühne also, doch eingeschränkt in seiner künstlerischen Freiheit fühlt er sich nicht. "Auf mich wird kein Druck ausgeübt, es gibt keine verbotenen Themen", sagte er kürzlich in einem Gespräch anlässlich des harten Vorgehens seitens des russischen Staates gegen die Frauen-Punkrockgruppe Pussy Riot. Allerdings glaubt Mogutschi, dass das auch daran liegt, dass das Theater in Russland keine so bedeutende Rolle mehr spielt.

Er selbst ist jedoch nicht nur ein in Russland vielfach ausgezeichneter Regisseur, sondern auch im Ausland gefragt. Derzeit inszeniert er am Schauspielhaus "Der Prozess" nach dem Romanfragment von Franz Kafka und beteiligt 50 Düsseldorfer Bürger an dem Stück. Mogutschi ist ein leidenschaftlicher Regisseur, der während der Probe keine Ablenkung duldet. Als Patrizia Wapinska und Carl Alm ihre Szene ein zweites Mal spielen, die Techniker zugleich aber die Lichtanlage testen, im Saal gesprochen wird und dann auch noch hinter der Bühne eine Tür zuschlägt, bricht er unwirsch ab: "Ich brauche absolute Ruhe." Der Assistent bittet, dass man Zettel an den Türen zum Saal anbringen möge, damit es keine Unterbrechungen mehr gebe. Josef K. und Fräulein Bürstner beginnen erneut.

Tatsächlich wirkt die Szene stimmiger mit dem modern platzierten Fräulein, spitzbübisch, überlegen flirtet sie mit dem drucksenden Josef K.. Das wirkt auf den jungen Mann im weißen Anzug. Wieder wird die Musik lauter – bis Mogutschi abwinkt, sich zufrieden nach vorn lehnt. "Ganz richtig, das war erschütternd anzusehen", sagt er und fährt mit der Hand durch seinen grau melierten Vollbart. "Wir werden später sehen, wie sich die Szene in die große Linie einpasst, es darf keine Ähnlichkeiten geben", sagt er. Dann lässt er die Bühne drehen. Für die nächste Szene.

(RP)