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Melancholie aus nordischer Seele

Melancholie aus nordischer Seele

Die schwedische Sängerin Viktoria Tolstoy gilt derzeit als eine der interessantesten Jazz-Interpretinnen. Tolstoy scheut auch das Crossover von Soul, Funk und Pop nicht – und lässt sich überhaupt schwer festlegen. Wie der berühmte Nachname schon verrät, fließt in den Adern der 37-jährigen Autodidaktin auch russisches Blut: Der große Dichter Lew Tolstoi, der Dichter von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" war ihr Ur-Ur-Großvater. Gemeinsam mit dem Nils Landgren Quartet gastiert die unprätentiöse Sängerin mit der glasklaren Stimme in der nächsten Woche in Düsseldorf.

Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie nie eine einzige Gesangsstunde hatten?

Tolstoy Ja, das ist kein Gerücht! Ich hatte keine Stunde Unterricht.

Haben Sie denn jemals über Technik nachgedacht?

Tolstoy Nein, grundsätzlich nicht. Warum auch? Es gibt für mich keinen Grund, das zu tun, denn Singen war für mich schon immer etwas ganz, ganz Natürliches. Außerdem ist meine Stimme sehr robust und sehr kräftig, ich kann sie belasten, soviel ich will. Ich hatte nie Probleme damit. Sie funktioniert immer.

Kann das sein, dass skandinavische Stimmen generell besonders kräftig und groß sind? Es gibt ja auch viele berühmte Opernstimmen aus dem hohen Norden.

Tolstoy Das kann ich nicht sagen, ich kann nur von mir sprechen: Es hängt nämlich ganz davon ab, was ich singe. Wenn ich amerikanische Standards singe, setze ich die Stimme sehr gradlinig und mit einer gewissen Härte ein. Wenn ich meine eigenen Songs singe, kommen weichere, entspannte Töne zum Einsatz. Ich weiß aber nicht, ob das typisch skandinavisch ist.

Aber Sie stehen doch schon in der Tradition des sogenannten skandinavischen Jazz. Was ist das Besondere daran?

Tolstoy Ich denke, das Feeling unterscheidet uns, die melancholische Grundstimmung. Und das Luftige des Sounds.

Vor drei Jahren kam ihr Album "My Russian Soul" heraus. Sind Sie weiterhin auf der Suche nach Ihren russischen Wurzeln?

Tolstoy Im Moment verfolge ich das nicht weiter. Klar, ich bin immer besonders interessiert an der russischen Kultur, weil sie ja ein Teil von mir ist. Aber das steht jetzt nicht im Vordergrund.

Noch ganz frisch ist Ihr neustes Album "Letters to Herbie", das eine Hommage an Ihren Kollegen Herbie Hancock ist. Wie hat er reagiert?

Tolstoy Gar nicht! Jedenfalls bis jetzt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob er jemals reagieren wird.

Ist das für Sie nicht ein bisschen enttäuschend?

Tolstoy Nein, das macht mir nichts aus.

Aber Sie kennen ihn doch?

Tolstoy Ja eben, gerade deshalb. Herbie ist wunderbar, ein ganz geerdeter, uneitler Mensch. Der nimmt das vielleicht gar nicht zur Kenntnis.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem deutschen Publikum bisher gemacht? Sie haben hier ja schon sehr oft gastiert.

Tolstoy Oh, nur gute! Es ist ein fantastisches Publikum, sehr offen, sehr aufmerksam. Die Leute zeigen ihre Gefühle und gehen unheimlich gut mit.

Erwarten Sie auf der Tour ein typisches Jazz-Publikum oder eher Leute, die Spaß an allen Spielarten des Pop haben?

Tolstoy Beides, denke ich. Sicher kommen viele Leute, die Herbie Hancock lieben. Ansonsten erwarte ich ein Publikum zwischen 15 und 85 Jahren, das ist bei mir immer so.

Sie mögen Cross-Over-Experimente. Was kommt nach Ihrem "Herbie"-Album?

Tolstoy Keine Ahnung! Vielleicht ein Heavy-Metal Album?

(RP)