Düsseldorf Mein Nachbar von der NPD
Düsseldorf · Unser Autor ist rein zufällig der Nachbar von Philippe Bodewig, NPD-Kreisvorsitzender von Krefeld und Kleve und wohnhaft in Kempen. Dort verteilt Bodewig fremdenfeindliche Aufkleber und versucht, den "Fall Micro" politisch auszuschlachten. Einblicke in das Leben eines NPD-Mannes.
Unsere erste Begegnung war sehr flüchtig. Nur ein Schatten war Philippe Bodewig, der mit einem großen Hund an der Ampel stand. Ich dachte, dass der Schatten krank aussieht, dass er keine Haare hat, Krebs kam mir in den Sinn, doch meine Frau, die auf dem Beifahrersitz saß, fragte mich dann, ob ich den Nazi denn auch gesehen hätte. "Welchen Nazi? In Kempen gibt es keine Nazis." "Der sah aber aus wie einer", sagte sie, doch so ganz sicher schien sie sich nicht mehr zu sein. Man muss wissen, dass wir gerade erst aus Berlin-Pankow an den Niederrhein gezogen waren. "Nazis in Kempen! Du spinnst", sagte ich. Es war ein schlechter Witz, ich dachte nicht mehr daran.
Später dann bemerkte ich die Aufkleber. An Laternen, auf Mülleimern, auf Verkehrsschildern. Sie klebten an Torbögen und auf den Rutschen der Kinderspielplätze. Selbst auf der Eingangstür des Rathauses war ein Aufkleber der NPD: "Ohne Bauer kein Brot", "Kriminelle Ausländer raus", "Die Milliarden gehören dem Volk, nicht den Banken", "Soziale Sicherheit statt Multikulti". Es gab Aufkleber, auf denen ein Foto ausländischer Frauen mit Plastiktüten zu sehen war, darüber stand "Gute Heimreise", und an den Eingängen mancher Geschäfte stand "Kauft deutsche Produkte". Ich sprach einen Ladenbesitzer auf seinen Aufkleber an, er wisse nicht, wie der dahin komme, sagte er, riss ihn aber vorsichtshalber ab, ohne wirklich darauf zu sehen.
Ich sah Philippe Bodewig nun öfter, oder er fiel mir eher auf. Ich achtete auf ihn, wenn er mit seinem Hund spazieren ging, gerne früh am Morgen. Dabei trägt er häufig Springerstiefel und Bomberjacke, er hat auch eine rot-weiß-schwarze Regenjacke mit NPD-Parteilogo und ein Sweatshirt, das einen Reichsadler zeigt. Ich wusste nun auch, dass Philippe Bodewig mein Nachbar war, er wohnt etwa 200 Meter von mir entfernt in einem Haus in der Altstadt. Damals war Philippe Bodewig noch Pressesprecher der NPD-Krefeld und stellvertretender Vorsitzender der Jungen Nationalen in NRW, inzwischen ist er Kreisvorsitzender der NPD Krefeld und Kleve. Er hat Karriere gemacht, seit ich ihn kenne.
Es gab in dieser Zeit einen Prozess gegen Bodewig. Die Staatsanwaltschaft Krefeld klagte ihn wegen der Aufkleber an, doch Bodewig wurde freigesprochen, weil der Belastungszeuge ihn vor Gericht nicht eindeutig identifizieren konnte. Es gab aber eine Hausdurchsuchung, bei der die Ermittler viele Aufkleber fanden. Es heißt, dass Bodewig damals auch eine Hakenkreuzfahne an der Wand hatte, doch der Besitz der Fahne ist nicht strafbar, lediglich das Herzeigen und Verbreiten. Im "Krefelder Forum Freies Deutschland", eine lokale rechtsnationale Seite im Netz, wurde der Freispruch damals als "Rohrkrepierer" der "Krefelder Politjustiz" gefeiert.
Ich sah Philippe Bodewig nun immer häufiger. Zuhause, aber auch im Zusammenhang mit dem Fall Mirco aus Grefrath, der entführt, missbraucht und ermordet worden war. Bodewig und seine "Kameraden", wie sie sich nennen, versuchen seitdem, das Drama um Mirco politisch für sich auszuschlachten, fordern "Todesstrafe für Kinderschänder".
Ich spreche mit dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im Stadtrat, der mir sagt, dass ihm der Name Bodewig nichts sage, und er weder Aufkleber noch andere Aktionen der NPD in Kempen wahrgenommen habe. Der Vorsitzende der Grünen im Stadtrat ist ungehalten, weil ich ihn nach Bodewig frage. Er sagt, er wolle dazu nichts sagen, weil es nicht "zielführend" sei. Lediglich sein Pendant von der SPD gibt zu, die Aktionen der Rechten wahrgenommen zu haben. Ein Bürger habe seiner Fraktion davon berichtet, man wolle das auf der nächsten Sitzung diskutieren. Es gibt Leute in Kempen, die mir berichten, dass es eine Vereinbarung der Parteien gebe, die Rechten totzuschweigen.
"Ich kann mir das sehr gut vorstellen", sagt auch Klaus-Peter Hufer, der genau wie Bodewig mein Nachbar ist. Hufer kam in den 80er Jahren nach Kempen, hat eine Stelle an der Volkshochschule des Kreises Viersen und ist Dozent an den Universitäten in Duisburg und Essen. Außerdem veranstaltet er deutschlandweit Seminare gegen Rechtspopulismus und Stammtischparolen. Auch in Kempen habe er Seminare veranstaltet, zu denen regelmäßig auch eine Gruppe Rechter gekommen sei. Seine Referenten, ein Jude, ein Schwarzer, seien dann im Saal rassistisch beschimpft worden. Hufer sagt auch, dass die Situation in Kempen nicht vergleichbar sei mit der in Sachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern. Kempen sei kein Zentrum der Rechten, aber die Ignoranz, mit der manche diesem Phänomen hier begegneten, sei schon einzigartig: "Manche denken, dies sei die Insel der Glückseligen, wenn man nur die Augen fest genug verschließt." "Man darf Leute wie Bodewig nicht unterschätzen", sagt Rainer Roeser, der im Internet eine Seite gegen Rechtsradikalismus in NRW betreibt. Gerade weil Bodewig keinen großen Anklang finde, sei er umso radikaler, sagt Roeser. Er hält ihn für einen Fanatiker und einen Kader der NPD in NRW.
Bodewig schreibt in seinem Profil auf Google Plus: "Es wird einen Kampf geben, in dem es um mehr geht als nur den Sieg oder mehr Freiheit..! Es geht um die Wurzel unserer Kultur, die Säuberung unserer verdreckten Gesellschaft." Zum Auftakt des Prozesses gegen den Mirco-Mörder schrieb er auf Facebook: "Eventuell hängen noch Stricke am Krefelder Gericht; wenn nicht, sind die schnell wieder angebracht. :)" Zu den Personen, die Bodewig laut Facebook inspirieren, gehören Horst Wessel und Horst Mahler. Als sein Lieblingszitat nennt er: "Wer von der Nichtexistenz des Holocaust überzeugt ist, kann es rechtstechnisch nicht leugnen." Den Beginn beschreibt er mir so: "Mit etwa 14 Jahren habe ich angefangen, mir über politische Dinge Gedanken zu machen. In die etablierten Parteien habe ich aber nie Vertrauen gehabt, da ich schnell den Eindruck gewann, dass diese nur bis zu den nächsten Wahlen planen, um ihre Posten und Gelder zu sichern. Mit 16 bin ich dann über Bekannte in Kontakt mit nationalen Strukturen gekommen."