Mit der SPD-Ministerpräsidentin unterwegs: Wenn Frau Kraft ins Ruhrpott-Deutsch umschaltet

Mit der SPD-Ministerpräsidentin unterwegs : Wenn Frau Kraft ins Ruhrpott-Deutsch umschaltet

Wo sind die Wähler? Hannelore Kraft schaut sich um. Vor dem Dülmener Bahnhof sind vor allem abgestellte Fahrräder zu sehen. Vielleicht 30 Zuhörer haben sich an der SPD-Wahlkampfbühne versammelt, die eigentlich nur ein großes Podest ist.

Die meisten sind Jusos und Gewerkschafter, die muss Kraft nicht mehr überzeugen, am Sonntag für die SPD und damit für sie als Ministerpräsidentin zu stimmen. Aus den Lautsprechern dudelt eine Art Telefonwarteschleifen-Musik. Kraft hat gerade zehn Minuten über die Wahlthemen geredet: Bildung, Mindestlohn, Schulden. Frei, ohne Manuskript — das ist Routine.

Kraft ist vom Podest herabgestiegen. Jetzt würde sie gern mit den Unentschlossenen reden. Die sind aber nicht in Sicht — Dülmens Bahnhof liegt weitab vom Zentrum. Hinzu kommt: Dülmen im Münsterland, 46 000 Seelen, ist schwarz. 2010 holte die CDU hier elf Punkte mehr als im Landesschnitt. SPD-Direktkandidat André Stinka hatte keine Chance gegen den CDU-Konkurrenten.

"Ich lese alle E-Mails"

Stinka steht neben Kraft. Im Arm hat er einen Bund rote Rosen. Da tritt eine Frau an Kraft heran und sagt: "Ich brauche Ihre Hilfe." Sie solle eine E-Mail an ihre Homepage schreiben, schlägt Kraft ihr vor: "Ich lese alle Mails, die ich bekomme."

Kraft schlendert zum Stehtisch der IG Bergbau, Chemie, Energie. "Macht weiter so", sagt sie, "ich bau' auf euch." — "Früher war das anders", entgegnet ihr einer am Tisch und meint die Zeiten der Agenda 2010, als Gewerkschaften und Partei sich entfremdet hatten: "Jetzt ist es Gott sei Dank besser. Wir müssen nach vorne schauen."

Endlich ein Zug. Kraft und Stinka postieren sich am Fuß der Treppe, die zum Bahnsteig führt. Oben spuckt eine Regionalbahn Passagiere aus. Kraft bietet jedem, der unten ankommt, eine Rose an. "Bitte wählen gehen!", sagt sie dazu. Ein junger Mann mit Sporttasche und Handy am Ohr hat keine Hand frei. Eine Frau stellt Kraft ihren Hund vor ("Das ist der Bolle"). Ein paar Passagiere bleiben oben stehen, als sie die Aktion unten sehen.

Rosen für die Polizisten

"Ich glaube, das ist keine gute Situation hier", sagt Kraft zu Stinka und wendet sich mit ihren Rosen an die Polizisten, die die Veranstaltung sichern. Was sie beschäftige, will Kraft wissen. Er mache sich Sorgen um die Kollegen, die mit den Salafisten zu tun haben, sagt der eine: "Und wegen der Gewalt beim Fußball, sogar in der vierten Liga. Und fangen Sie die Grünen ein, die wollen 2000 Stellen bei der Polizei abbauen." Kraft erwidert, Rot-Grün habe zusätzliche Polizei-Azubistellen geschaffen. Und sie sagt: "Die innere Sicherheit ist uns wichtig." Bei den Grünen sei das nicht immer so — "das gehört zur Wahrheit dazu."

Dülmen, das sind in Krafts Straßenwahlkampf an diesem Tag die Mühen der Ebene. Zwei Stunden zuvor in Ahlen, 50 Kilometer weiter östlich, hat es eine Art Gipfel-Erlebnis gegeben: voller Marktplatz, Bad in der Menge. In der alten Bergbaustadt lag die SPD 2010 knapp vor der CDU. Kraft hat sich dort im fast antiken Parteibuch eines Zuschauers verewigt; neben Franz Müntefering war noch Platz. Die "AG 60 plus" der SPD briet Reibekuchen: "Hannelores Kraftplätzchen, garantiert ohne schwarze Stellen".

Im Kümmerer-Modus

Kraft hat mit Schülern gesprochen, mit Migranten und Senioren. Sie hat sich Vorschläge angehört und Lob. Sie hat ihr Hochdeutsch aus- und die Ruhri-Umgangssprache eingeschaltet, "Watt hamse denn?" gesagt statt "Was haben Sie denn?", "Spass", mit kurzem "a", statt "Spaß", "Nee" statt "Nein". Sie hat auch dort die Kümmerer-Fragen gestellt, die eine Landesmutter stellen muss. Ihr Sohn Jan (19), der seine Mutter in dieser letzten Vorwahlwoche begleitet, hat Autogrammkarten angereicht. Die Genossen haben ihr eine Flasche Kräuterschnaps geschenkt, 42 Prozent. "Das wäre doch eine gute Marke", hat ein Sozialdemokrat gescherzt mit Blick auf den Sonntag.

Auf dem Dülmener Bahnhofsplatz reicht Hannelore Kraft einem Taxifahrer noch schnell eine Rose durchs Fenster. Dann heißt es: Aufbruch. Die Ministerpräsidentin steigt in ihren Wahlkampfbus. "Kraftfahrzeug" steht auf dem Aufkleber unter der Windschutzscheibe. In anderthalb Stunden wird Kraft in Borken erwartet.

(RP/pst/rm)
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