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Falschfahrer stellen Forscher vor Problemen: Wenn das Radio warnt, ist es oft zu spät

Falschfahrer stellen Forscher vor Problemen : Wenn das Radio warnt, ist es oft zu spät

Eine Forschungsgruppe der Bundesanstalt für Straßenwesen untersucht die Wirkung von Falschfahrer-Meldungen im Radio. Bei Straßen NRW sieht man noch keine Notwendigkeit für Warnschilder an Autobahnausfahrten.

"Achtung, auf der Autobahn kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen. Überholen Sie nicht, drosseln Sie Ihre Geschwindigkeit und fahren Sie ganz rechts. Wir geben Entwarnung, wenn die Gefahr vorbei ist." Wenn diese Warnung über den Radiosender läuft, ist die Polizei bereits dabei, alle betroffenen Auffahrten zu sperren — auch die der Raststätten.

Wenn im Ernstfall noch genug Zeit bleibt, fährt zusätzlich ein Streifenwagen auf die Autobahn, erzeugt einen künstlichen Stau und lotst die Autos auf die rechte Fahrbahnspur, damit sie möglichst nicht mit dem Falschfahrer zusammenstoßen. "Der Notruf geht bei der jeweiligen Kreispolizeibehörde ein, die ihn dann weitergibt an die Landesleitstelle", erklärt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums. "Von dort wird die Warnung sofort an die Radiostationen weitergegeben."

Es ist oft zu spät

Doch oft ist es schon zu spät, wenn der Verkehrsfunk über die Gefahr informiert. Allein in den vergangen anderthalb Monaten gab es auf den Autobahnen bundesweit 19 Tote durch Falschfahrer — zuletzt sechs Tote auf der Autobahn 5 bei Offenburg in Südbaden am vergangenen Sonntag. Ein 20-jähriger Falschfahrer war dort mit seinem Auto in einen Kleinbus gerast. Vier Insassen des Busses, zwei Frauen im Alter von 23 und 36 Jahren und zwei 26- und 27-jährige Männer sowie ein Taxifahrer wurden getötet, auch der Unfallverursacher starb. Vier weitere Personen wurden leicht verletzt.

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Die Polizei ermittelt noch, ob der 20-Jährige bewusst falsch aufgefahren war, um sich das Leben zu nehmen, oder ob es sich um ein Versehen handelte. Jedenfalls habe es laut Polizei kurz vor dem tödlichen Unfall Meldungen über einen Geisterfahrer auf der A 5 gegeben.

Schwerstarbeit für Forscher

Bei der Bundesanstalt für Straßenwesen mit Sitz in Bergisch-Gladbach beschäftigt sich seit zwei Jahren eine Forschungsgruppe im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums mit der Wirkung von Falschfahrer-Meldungen im Radio. "Wir untersuchen, wie solche Warnungen genau entstehen und versuchen zu klären, ob diese Nachrichten Unfälle tatsächlich verhindern können oder man sie möglicherweise noch optimieren kann", sagt Petra Peter-Antonin.

Parallel ergründet eine zweite Studie des Instituts die Ursachen für Falschfahrten und die Wirkung von Warntafeln an Autobahnauffahrten anhand eines Pilotprojekts in Hessen. Dort stehen im Rheingau-Taunus-Kreis an Ausfahrten zur Autobahn 66 neongelbe Schilder mit der Aufschrift "Stopp", um mögliche Geisterfahrer auf die richtige Spur zu führen. Auch wenn die Behörde mit Ergebnissen aus den Studien nicht vor Ende dieses Jahres rechnet, ließe sich bereits jetzt ein besorgniserregender Trend erkennen. "Wir haben festgestellt, dass es besonders bei jungen Menschen in Mode ist, als eine Art Mutprobe falsch auf die Autobahn aufzufahren", sagt Peter-Antonin.

NRW will Forschung abwarten

Beim Landesbetrieb Straßen NRW will man die Forschungsergebnisse abwarten, ehe man über spezielle Warnhinweise an den landesweit etwa 1000 Anschlussstellen nachdenkt. "Wir sehen aber derzeit keine akute Notwendigkeit. Die Ausfahrten sind ausreichend beschildert und gut markiert", sagt ein Behördensprecher. Im vergangenen Jahr hat es laut Straßen NRW auf den Autobahnen 24 Unfälle mit Frontalzusammenstößen gegeben, die meisten davon in Baustellenbereichen.

Christof Rasche, Verkehrsexperte der FDP-Landtagsfraktion, fordert die Landesregierung zum Handeln auf. "Bislang liegen uns zu wenige Erkenntnisse über Unfälle mit Geisterfahrern vor. Die Häufung in den letzten Wochen zeigt, dass Handlungsbedarf besteht." In NRW hatte zuletzt im Oktober dieses Jahres auf der Autobahn 46 bei Meschede ein 24 Jahre alter Geisterfahrer einen Unfall mit fünf Toten verursacht. Der junge Mann hatte zuvor einen Abschiedsbrief per SMS an seine Eltern geschickt. Verkehrsexperten sind sich einig: Gegen solche Amokfahrten lässt sich nichts ausrichten.

Geisterfahrer-Warnsystem?

Eine Lösung könnte ein Geisterfahrer-Warnsystem sein, das mit einer am Innenspiegel angebrachten Kamera das Verkehrszeichen "Verbot der Einfahrt" erkennt. Der Fahrer wird durch ein akustisches Signal gewarnt. Dafür hätten sich aber bisher wenige Autohersteller interessiert, sagt eine Sprecherin der Continental-Automotive Group.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Sechs Tote bei schwerem Unfall auf der A 5

(RP/csi/sap)