„Allein mit Freiwilligkeit werden wir die Probleme nicht lösen“ Weniger Teilzeit für Lehrkräfte – in den nächsten Wochen wird es ernst

Düsseldorf · Der Großteil der Lehrkräfte, die ihre reduzierte Arbeitszeit behalten wollen, muss das über die Ferien neu beantragen. Es werden viele Ablehnungen erwartet. Der Lehrerverband fürchtet einen Domino-Effekt, Eltern fordern Klarheit.

Eine Englisch-Lehrerin in ihrer Klasse (Symbolbild). Viele Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit. Wegen des Lehrermangels sollen die Bezirksregierungen die Genehmigungen einschränken.

Eine Englisch-Lehrerin in ihrer Klasse (Symbolbild). Viele Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit. Wegen des Lehrermangels sollen die Bezirksregierungen die Genehmigungen einschränken.

Foto: dpa/Patrick Pleul

Trotz heftiger Kritik steht Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hinter den neuen Einschränkungen für Teilzeitbeschäftigungen von Lehrkräften. „Ich kann verstehen, dass das nicht auf Freude stößt“, sagte sie unserer Redaktion. Zurücknehmen werde sie ihre Vorgabe aber nicht. „Die Masse der Teilzeitanträge wird ja erst jetzt zum neuen Schuljahr gestellt, und wir sehen uns die Umsetzung jetzt genau an.“

Lehrkräfte müssen eine Teilzeitbeschäftigung jedes Jahr neu beantragen. Die Bezirksregierungen sollen Wünsche ohne beispielsweise familiäre Begründung häufiger ablehnen. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes arbeitete im Schuljahr 2022/23 nicht einmal die Hälfte aller Grundschullehrer in Vollzeit. An Gymnasien war es etwas mehr als die Hälfte, Gesamtschulen lagen bei 64 Prozent.

Feller verteidigte ebenfalls, dass es vermehrt Abordnungen geben soll: Lehrer werden dabei zeitweise an Schulen mit Personalnot versetzt. „Allein mit Freiwilligkeit werden wir die Probleme nicht lösen können. Auf Dauer wollen wir solche Regelungen natürlich nicht mehr umsetzen. Aber im Moment geht es nicht anders“, sagte sie. Auch Kinder an belasteten Schulen hätten ein Recht auf guten Unterricht, und die Beschäftigten dort freuten sich auf Hilfe. Sie sei den Lehrern dankbar, die sich darauf einließen.

Feller kündigte zudem eine weitere Neuerung an: Sie will Grundschulen künftig Muster für Arbeitsprogramme an die Hand geben – neben neuem Unterrichtsmaterial, das die Lehrerinnen und Lehrer gleich nach den Sommerferien nutzen sollen. Grundschulen seien „in der Vergangenheit oft schlechter mit Unterstützungsmaterial versorgt worden als andere Schulformen“, erklärte sie.

Beim Lehrerverband NRW fürchtet man als Nächstes einen Domino-Effekt: Die Verweigerung von Teilzeit könnte direkt zu Abordnungen führen. „Wenn an einer Schule zehn Kollegen jeweils fünf Stunden mehr arbeiten sollen, dann hat sie 50 Arbeitsstunden mehr und damit rechnerisch vielleicht zu viele Lehrer“, so der Präsident des Verbands, Andreas Bartsch. „Dann wird überlegt, welcher Kollege an eine andere Schule gehen soll.“ Das beschere Unruhe und schwierige Verhandlungen. „Die Bereitschaft, sich abordnen zu lassen, ist begrenzt.“ Erste Rückmeldungen darüber, wie die Bezirksregierungen die Teilzeit-Strategie des Landes umsetzen, böten zudem ein unklares Bild. „Es gibt Fälle, in denen eine Bezirksregierung das ganz rigide handhabt.“ Anderswo dürften Kollegen ihre Stunden sogar noch weiter reduzieren.

Kritik kommt von der politischen Opposition. Die Teilzeit-Beschränkung sei eine „Katastrophe“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Dilek Engin: „Das macht den Lehrerberuf unattraktiv.“ Was das Lehrmaterial für Grundschulen angeht, so seien die tollsten Arbeitsblätter nicht nützlich, wenn sie nicht zur Praxis in den Klassen passten. Das werde kaum als Hilfe empfunden. „Die Schulleitungen fühlen sich übergangen und überhaupt nicht ernst genommen. Die sagen: ,Jetzt wollen sie uns beibringen, wie wir die Methoden umsetzen sollen, die wir sowieso schon kennen‘“, so Engin.

Familien sehen den politischen Streit mit Sorge. „Wir haben in den letzten 20 Jahren alle fünf Jahre eine große Veränderung erlebt“, sagte Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen. Es dürfe nicht so weitergehen, dass ein Projekt nach dem anderen ausprobiert und wieder beerdigt werde. Sie appellierte an die Politik: „Wir würden uns sehr wünschen, dass alle größeren Parteien sich auf einen Weg einigen könnten, wo sie hinwollen mit den Grundschulen, damit wir Planungssicherheit haben.“

Dem Vorschlag, allen Lehrkräften Mehrarbeit zu verordnen, erteilte die Schulministerin unterdessen eine Absage: Die sogenannte Vorgriffsstunde komme in NRW nicht. „Andere Bundesländer greifen mittlerweile zu diesem Mittel, aber ich mache das so nicht“, bekräftigte Feller. Diese Haltung wird überwiegend gelobt. Allerdings lässt der Lehrerverband Skepsis anklingen: Mehrarbeit für alle wäre vielleicht doch gerechter, so Andreas Bartsch. „Denn jetzt belasten wir ausgerechnet nur diejenigen zusätzlich, die in Teilzeit arbeiten wollen.“

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