WDR zur Sache: Innenminister Herbert Reul wehrt sich gegen Generalverdacht

Reul zu Ermittlungen in Missbrauchsfällen : „Die allermeisten Polizisten machen einen super Job“

In der Sondersendung „WDR zur Sache“ sprachen Politiker und Experten am Donnerstagabend über das Ausmaß von Polizei- und Behördenversagen im Fall Lügde. NRW-Innenminister Reul verteidigte grundsätzlich die Ermittlungsarbeit der Behörden, räumte jedoch Fehler ein.

Darum ging es

Der Missbrauchsfall in Lüdge nimmt immer erschreckendere Ausmaße an: Im NRW-Landtag wurde am Donnerstag bekannt, dass mit mindestens 40 Opfern gerechnet wird. Jugendamt und Polizei sind Hinweisen nicht nachgegangen, Beweise gingen verloren. Ellen Ehni hat am Donnerstagabend (4. April) mit Politikern, Anwälten, Wissenschaftlern und Betroffenen darüber gesprochen, ob es sich bei den Behördenversagen um Einzelfälle oder Systemfehler handelt. In einem weiteren neuen Missbrauchsfall aus Bad Oeynhausen soll ein Physiotherapeut pornografische Bilder von Kindern gemacht haben.

Die Gäste

  • Herbert Reul (CDU), NRW-Innenminister
  • Rainer Becker (Ex-Polizeidirektor, Vorstandsvorsitzender der deutschen Kinderhilfe e.V.)
  • Kathinka Beckmann (Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Koblenz)
  • Peter Wüller (Anwalt für vier Lügde-Opfer)

Frontverlauf

Innenminister Herbert Reul räumt Polizeiversagen noch immer nur in Einzelfällen ein. „Die allermeisten Polizisten machen einen super Job“, sagte Reul: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass man die Fehler, die gemacht worden sind, nicht mit den vielen, die ihre Arbeit gut machen, durcheinanderbringen.“

Im neu aufgedeckten Fall in Bad Oeynhausen sei alles richtig gemacht worden, sagte er – bis auf die Tatsache, dass es bis zur Durchsuchung des Hauses des mutmaßlichen Täters zu lange gedauert hat. Reul begründete das mit personeller Unterbesetzung. „Auch wenn die alle wahnsinnig viel zu tun haben, kommt man nicht an der Frage vorbei zu priorisieren.“

Ob der Verlust der von 155 Beweisträgern im Fall Lügde Auswirkungen auf den Prozess habe, könne er nicht einschätzen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In einem eingespielten Beitrag äußerte sich der von Reul eingesetzte Sonderermittler Ingo Wünsch zu den Polizeipannen. „Keiner hat den roten Faden in der Hand gehalten“, sagte er. Standards seien „eklatant vernachlässigt worden.“ Von Polizei- oder Behördenversagen wolle er nicht sprechen, aber von „individuellen Fehlern“.

Anwalt Peter Wüller betonte die Schwere des Falls für die Opfer. „Hier sind, was Einzelfälle betrifft, ganz schlimme Fehler passiert“, sagte er. Er mahnte dazu an, den Blick auf die Opfer zu richten.

Ex-Polizeidirektor Rainer Becker teilte die Auffassung von Reul „in aller Deutlichkeit“. Das Versagen müsse Konsequenzen haben, der Fokus dürfe aber nicht zu sehr auf der Aufklärung liegen. Vielmehr handele es sich um ein Kernproblem im Thema Kindesmissbrauch: Die Ermittlungen seien in Deutschland durch die fehlende Vorratsdatenspeicherung erschwert. „Mehr Personal nützt nichts, solange wir nicht die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben.“ Dass die Behörden personell ausgeblutet seien, habe Reul nicht zu verantworten. „Er hat eine Suppe auszulöffeln, die er nicht selbst eingebrockt hat.“

Die Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann widersprach der Auffassung, es handele sich um einen Einzelfall. Neben mehr Personal brauche man flächendeckend eine neue gesellschaftliche Haltung. Beckmann forderte eine Verbesserung des Kinderschutzes auf Bundesebene. In den einzelnen Jugendämtern fehle es an Personal, Zeit und auch Geld: „Jugendhilfe muss endlich zur Chefsache werden, und nicht in der Verantwortung der Kommunen bleiben.“ Sie bemängelte, es gebe keine einheitlichen Standards für die Unterbringung in Pflegefamilien.

Eine Frau sprach anonym über ihre persönlichen Erfahrungen mit Fehlern in der Jugendhilfe. Als Kind wurde sie von ihrem eigenen Vater missbraucht und kam in eine Pflegefamilie. Später schickte das Jugendamt sie wieder in ihre Familie zurück – damit diese nicht zerstört wird.

Die Traumatherapeutin Ursula Enders erklärte im Gespräch mit Moderatorin Ehni, wie Verhaltensveränderungen bei Kindern auf einen Missbrauch hindeuten können.

Satz des Abends

Der Innenminister betonte, er wolle sich um Aufklärung bemühen und herausfinden, ob es ein strukturelles Problem gibt. „Wer aufklärt, der gräbt und dann wird es auch immer wieder neue schlechte Nachrichten geben.“

(lhen)
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