NRW-Spitzenkandidaten im Schlagabtausch : Fakten, Emotionen und Fans – so lief der Fünfkampf in der Wahlarena

Draußen jubeln die Anhänger der verschiedenen Parteien für „ihre“ Kandidaten. Drinnen gibt es verbale Attacken. Wie die Spitzenkandidaten zur NRW-Landtagswahl im Scheinwerferlicht dastanden und was drumherum los war.

Da stehen sie jetzt, die Kandidatin und die Kandidaten, und es ist ernst geworden. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) blickt skeptisch, als die Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin der Grünen, Mona Neubaur, über „Raum für Energie“ spricht, das Ende der 1000-Meter-Abstandsregel zwischen Windrädern und Siedlungen. „Wir schaffen den pauschalen Mindestabstand ab“, so Neubaur. „Lösen wir die Fesseln.“ Wüst hält ihr vor, dass NRW im Vergleich der Bundesländer immerhin ganz vorne liege beim Ausbau der Windenergie. Wenn die Regeln ein Problem wären, dann wäre das doch wohl nicht der Fall. Da guckt jetzt wieder Neubaur skeptisch.

Die Spitzenkandidaten von fünf Parteien zur Landtagswahl am 15. Mai stellen sich am Dienstagabend zum „Fünfkampf“ in der „Wahlarena“ des WDR: Hendrik Wüst (CDU), Thomas Kutschaty (SPD), Joachim Stamp (FDP), Markus Wagner (AfD) und Mona Neubaur (Grüne). Sie stehen im Halbkreis im Licht der Scheinwerfer an der Studiodecke hoch über ihnen, um sie herum sitzt das Publikum auf Rängen wie im Amphitheater. Auf dem Fernsehbildschirm sieht alles ein bisschen größer aus als in der Realität.

Rund 220 Gäste sind am Ort, darunter zahlreiche Fans der Diskutanten. Sie haben vor dem Start der Sendung noch dafür gesorgt, dass „ihre“ Kandidaten sich willkommen fühlten, als sie nach und nach am Studio in Köln eintrafen. Der Auftritt des „Team Wüst“ draußen vor dem Gebäude hatte geradezu Eventcharakter: Die jungen Leute formierten sich zur Reihe, jubelten und hielten Wüst- Schilder hoch, als der Ministerpräsident ankam. Erfreut begrüßte er den Parteinachwuchs.

Überhaupt sind viele junge Erwachsene im Publikum. „Wir gehörten definitiv zur roten Fanbase“, erzählte draußen eine junge Frau im Kreise ihrer Mitstreiter. SPD-Kandidat Kutschaty werde in der Diskussion „wahnsinnig gut“ sein, war sie überzeugt: „Er hat die richtigen Inhalte und Ziele.“ Eine Anhängerin der Liberalen hingegen setzte auf Joachim Stamp: Sie habe ihn im Wahlkampf in Bonn erlebt, „das ist das, wofür er brennt.“ Und zwischendrin war eine Schülergruppe aus Witten, von der sich gerade noch herausstellte, dass sie irgendwie durch die Eingangskontrollen gerutscht war und die nun vorm Eintritt ins Studio nach Waffen durchsucht wurden – keine gefunden, alles gut.

In der deutlich angespannteren Atmosphäre während der Diskussion nehmen der Ukraine-Krieg und seine Folgen großen Raum ein, nicht zuletzt mit Blick auf die Energiepolitik. Hendrik Wüst ruft dabei immer wieder ein Wir-Gefühl hervor, spricht von gemeinschaftlichen Anstrengungen und Zielen im Land. „Eines ist klar, wir sind uns alle einig“, sagt er: Man wolle weg von russischem Gas. Gebraucht werde der Ausbau der erneuerbaren Energien: „Dann haben wir wirklich was geschafft.“

Weg von russischer Energie, hin zu Nachhaltigkeit: Grundlegend besteht darüber in der Runde wie bekannt weitestgehend Einigkeit. Thomas Kutschaty macht zugleich klar: Er werde nicht das letzte Braunkohlekraftwerk schließen, wenn dann in der Industrie keine Medikamente mehr produziert werden könnten. Einzig der AfD-Kandidat Markus Wagner lässt sich auf Frage, ob ein Embargo gegen Russland sinnvoll sei, erst mal gar nicht ein, spricht über laufende Verträge mit Russland und befindet rückblickend, Deutschland habe die „dümmste Energiepolitik“ betrieben.

Vor allem den FDP-Politiker Joachim Stamp geht Wagner mehrfach direkt an „Der macht jetzt hier den Wolf im Schafspelz, fünf Jahre lang hab` ich mir das angehört“, wettert er. Und richtet sich direkt an den Angesprochenen: „Sie sind nicht mein Gegner, Sie sind ja gar nicht satisfaktionsfähig.“

Weiter geht es um Mieten und Wohnungsbau: „Man braucht für stabile Mieten mehr öffentlichen Wohnraum“, heißt es - nein, lautet die Gegenrede, der Markt solle das regeln, „bevor wir da jetzt das nächste bürokratische Monster erschaffen“. Es geht um den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Aussichten auf den Corona-Herbst. Zu Wort kommen alle, versuchen, ihre Inhalte in kurzer Zeit herunterzubrechen, und am Ende hätten alle noch viel mehr zu sagen gehabt. Zu einigen eigentlich geplanten Themen wie frühkindliche Bildung oder innere Sicherheit schafft es die Sendung gar nicht mehr, zu schnell sind die 90 Minuten vorbei.

Nebenbei kommentiert die Twitter-Gemeinde im Netz. Findet Wüst stark und sympathisch oder andersrum Kutschaty überzeugend, und zwischendurch gibt es schwarzen Humor: „Ich wünschte, ich hätte vorformulierte Tweets für die Wahlarena. Jetzt muss ich es mir tatsächlich anschauen“, heißt es in einem.

Das ist eine Anspielung auf ein Geschehen, das sich wenige Stunden zuvor ereignet hat. Eine Gruppierung hatte dazu aufgerufen, vorgefertigte Nachrichten für Wüst oder gegen seinen Konkurrenten Kutschaty abzusetzen, von eigenen oder eigens neu erstellten Twitter-Accounts.

Nach der Sendung bleiben die Politiker, Mitarbeiter und Gäste hinter den Kulissen noch zu Schnittchen und Kölsch. Mit dabei ist Innenminister Herbert Reul (CDU), der zu der mutmaßlich geplanten Twitter-Troll-Aktion klare Worte findet: „Mist“ sei das, sagt er, „Quatsch! Von so was halte ich nichts.“ Aber die CDU sei nicht involviert: „Wir haben nichts damit zu tun.“