Unterrichtsausfall: Ministerin Yvonne Gebauer ermahnt die Schulen

Interview mit NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer: Mittagspausenpflicht an Schulen wird überprüft

Die Schulministerin über Lehrer, die beim Unterrichtsausfall tricksen, das neunjährige Gymnasium und die Sorgen der Geschichtslehrer.

Die Ministerin fährt selbst – zumindest an diesem Tag. Vor dem Schulministerium in Düsseldorf-Hamm steht ein bronzefarbener VW Beetle mit Kölner Kennzeichen. Manchmal finde sie das ganz entspannend, selbst hinter dem Steuer zu sitzen, sagt Yvonne Gebauer. Dann höre sie auch gern laut Musik, und zwar quer durch den Garten: Klassik, aber auch Meat Loaf und, ja, Helene Fischer. Atemlos kommt sie aber trotzdem nicht zum Interview.

Frau Gebauer, im Sommer können die Gymnasien wieder auf die neunjährige Schulzeit wechseln. Wie viele Schulen bleiben beim G 8?

Gebauer Das wissen wir noch nicht. Die Schulkonferenzen haben noch bis Ende Januar Zeit, sich zu entscheiden.

Haben Sie überhaupt schon von einer Schule gehört, die bei G8 bleibt?

Gebauer Konkrete Schulen können wir im Moment nicht nennen, aber wir wissen, dass es Schulen gibt, die einen Verbleib bei G8 anstreben.

Bekommen die Schulen, die nur noch teilweise Ganztagsbetreuung anbieten, weniger Zuschlag?

Gebauer Am Grundsatz, dass Gymnasien Ganztagsschulen bleiben können und die entsprechenden Stellenzuschläge bekommen, wird sich nichts ändern. Ich gehe auch nicht davon aus, dass es hier generell zu großen Verschiebungen kommt. Im Ministerium beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit allen praktischen Fragen im Zusammenhang mit der Umstellung auf G9, auch zum Beispiel damit, was die Hausaufgaben und die Mittagspause anbelangt.

Gibt es neue Richtzeiten für die Hausaufgaben? Das können ja angesichts des kürzeren täglichen Unterrichts nur längere Zeiten sein.

Gebauer Darüber denken wir nach, ja, aber eine Entscheidung ist noch nicht getroffen.

Und die Mittagspause?

Gebauer Viele Schulen haben den Wunsch an mich herangetragen, ob es ermöglicht werden könnte, die Mittagspause zu streichen, wenn es nur noch eine siebte Stunde am Nachmittag gibt. Das prüfen wir, aber richtig und wichtig ist, dass Kinder Pausen brauchen und dass es hier nur um enge Ausnahmen im Rahmen einer Flexibilisierung gehen kann.

Meistens wird es ja nur noch eine siebte Stunde geben und danach keinen Unterricht mehr.

Gebauer Richtig, im Regelfall werden es nicht mehr als sechs Unterrichtsstunden am Tag sein. In den höheren Klassen wird es aber dennoch auch manchmal Nachmittagsunterricht geben müssen, vorzugsweise dann, wenn Schülerinnen und Schüler besondere Profile wählen wollen.

Haben Sie diesen Wunsch statistisch erhoben?

Gebauer Diesen Wunsch haben die Verbände und verschiedene Beteiligte uns gegenüber formuliert.

Also werden viele Kinder ohne Mittagessen nach Hause kommen.

Gebauer Den Schulen geht es nicht darum, sich von einer lästigen Pflicht zu befreien. Wenn sich der Nachmittagsunterricht stark reduziert, dann braucht es flexiblere Lösungen. Ich möchte verhindern, dass der Schultag unnötig in die Länge gezogen wird. Wir werden sehen, wie die Schulen das gestalten, auch was etwa die Nutzung der Mensen anbelangt. Malen Sie bitte nicht so ein negatives Bild von den Schulen. Auf dem Land zum Beispiel ist eine Stunde, auch mit Blick auf den öffentlichen Schülertransport, häufig ein großer Gewinn. Und die Schulen, die weiter den Ganztag anbieten wollen, sollen das künftig genauso tun können wie bisher auch. Der Ganztag, auch an den Gymnasien, ist und bleibt ein wichtiges Feld der Schul- und Unterrichtsentwicklung.

Sie werden nicht an die Schulen appellieren, die Mittagspause beizubehalten?

Gebauer Ich werde als Schulministerin weder in die eine noch in die andere Richtung appellieren. Als Liberale bin ich davon überzeugt, dass vor Ort am besten entschieden wird, und ich stehe für Wahlmöglichkeiten.

Aber war nicht eine der Lehren aus dem Scheitern von G8, dass man den Schulen nicht zu viele Entscheidungen überlassen sollte?

Gebauer G8 ist sicher an vielen Dingen gescheitert, aber nicht daran, dass die Schulen zu viele Entscheidungsmöglichkeiten hatten. Bei G8 lag es vor allen Dingen an der schlechten Vorbereitung und dem schlechten Management der Politik beim Umstellungsprozess. Wir sind auf einem guten Weg, das jetzt besser zu gestalten. Ich stehe als liberale Ministerin für eine hohe Selbstständigkeit unserer Schulen.

Die Schulen bekommen neue Lehrpläne, und für G9 gilt eine neue Stundentafel mit dem Wochenstundenpensum der einzelnen Fächer. Die Schulen haben da etwas Entscheidungsspielraum. Müssen die Gymnasien sich eigentlich endgültig entscheiden, wie viele Stunden sie für jedes Fach aufwenden, bevor sie die neuen Lehrpläne kennen?

Gebauer Die Entwürfe der neuen Lehrpläne gehen aller Voraussicht nach Ende Februar in die Verbändebeteiligung. Aber es ist ja nicht so, als müssten die G9-Lehrpläne komplett neu erfunden werden. Es geht um mehr Digitalisierung, mehr ökonomische Bildung und Verbraucherbildung und vor allem um mehr Fachlichkeit und Qualität, aber nicht um komplett neue Lehrpläne. Und der Entwurf der Stundentafel ist bereits seit Wochen bekannt.

Die Historiker klagen, dass der Geschichtsunterricht gegenüber dem alten G9 eine Stunde verloren hat. Generell habe die Geschichte eine schlechte Lobby bei der Politik.

Gebauer Es ist nicht richtig, dass die Stundenzahl für das Fach Geschichte in der Stundentafel gekürzt wurde. Richtig ist, dass das Fach Geschichte im alten und neuen G9 mit mindestens sieben Stunden unterrichtet werden muss. Damals haben Gymnasien vielfach acht Stunden Geschichte angesetzt, das bleibt auch in Zukunft mithilfe der Ergänzungsstunden möglich. Ich bin die Letzte, die dem Fach Geschichte seine Bedeutung abspricht. Deshalb sind wir mit den Historikern schon seit geraumer Zeit in einem engen Austausch. Zudem haben sie mit dem Ministerpräsidenten einen großen Fürsprecher.

Lässt die neue Stundentafel tatsächlich den Raum für Vertiefung, den immer alle gefordert haben?

Gebauer Vertiefung ist ja nicht nur eine Frage der Stundenzahl, sondern auch der Lehrpläne. Es muss und wird in den Lehrplänen genügend freien Raum geben, zum Beispiel auch für die Vertiefung.

Von Schulen mit besonderem Schwerpunkt, also etwa bilingualen Schulen, ist die Sorge zu hören, es werde mit der neuen Stundentafel schwierig, das Profil zu pflegen, weil die Zahl der Stunden nicht reiche.

Gebauer Das ist eher eine Frage der Verteilung von Unterrichtsstunden auf die Jahrgangsstufen als ein grundsätzliches Problem. Hier müssen wir gegebenenfalls nachschärfen: Manche bilinguale Schulen brauchen in den unteren Klassenstufen bei den Wochenstunden für ihr Konzept mehr Flexibilität. Da könnte es sinnvoll sein, eine Stunde mehr Unterricht zu erlauben.

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Könnte es sein, dass die Unsicherheit an den Schulen auch deshalb so groß ist, weil Ihr Zeitplan so sehr ambitioniert ist?

Gebauer Der Zeitplan ist in der Tat ambitioniert. Wir haben nur ein Jahr für die Erarbeitung der neuen Lehrpläne; dafür brauchte man in der Vergangenheit deutlich mehr Zeit. Detailfragen sind noch zu klären – das setzt alle Beteiligten tatsächlich unter Druck. Aber ganz nebenbei: Viele wollten noch schneller zurück zu G9. Das wäre aber unverantwortlich gewesen.

Was erwidern Sie auf die Kritik, es gebe schon genug wirtschaftliche Inhalte an Schulen?

Gebauer Wenn Kritiker einwenden, es gebe schon zu viel wirtschaftliche Inhalte, dann zählen sie dabei zum Beispiel zu oft Praktika und die Potenzialanalyse zur Berufsorientierung mit. Es geht aber um mehr vertieftes ökonomisches Fachwissen.

Wie lange hat eigentlich der Ministerpräsident gebraucht, um Sie zu überzeugen, dass der Digitalpakt Schule eine schlechte Sache ist? Also die Verfassungsänderung, die dem Bund erlauben soll, die Digitalisierung der Schulen zu fördern, und die die Länderchefs jetzt abgelehnt haben?

Gebauer Er hat nicht versucht, mich zu überzeugen.

Also liegen Sie da über Kreuz.

Gebauer Wir haben eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie der Digitalpakt in der jetzigen Situation nach drei Jahren der Verhandlungen zwischen Bund und Ländern schnell auf den Weg zu bringen ist. Der Ministerpräsident präferiert eine Lösung ohne Grundgesetzänderung. Es ist aber zwischen Bund und Ländern seit drei Jahren auf der Grundlage einer Grundgesetzänderung verhandelt worden. Auf Verhandlungen ohne Grundgesetzänderung wird sich der Bund meiner Meinung nach nicht mehr einlassen. Momentan verlieren wir einfach zu viel Zeit, die wir bei der Digitalisierung unserer Schulen nicht mehr haben. Richtig ist aber auch: Der Ministerpräsident und ich haben beide ein Problem damit, dass der Bund die geforderte Finanzierungsquote plötzlich von 90 Prozent Bund und 10 Prozent Land auf 50 zu 50 geändert hat. Ich hätte 50 zu 50 auch nicht zugestimmt.

Was ist denn Ihre Schmerzgrenze?

Gebauer Das muss ich zum Glück nicht verhandeln. Bund und Länder haben sich in der erzielten Vereinbarung für den Digitalpakt Schule auf 90 zu 10 verständigt. Dabei sollte es bleiben. Die Sache liegt jetzt im Vermittlungsausschuss, und wir werden sehen, ob und wo man sich am Ende trifft.

75 zu 25 wäre in Ordnung?

Gebauer Auch das werden wir sehen. Dass der Bund ein Interesse daran hat, dass die Länder sich nicht zurücklehnen, nur weil er Geld gibt, finde ich nachvollziehbar. Ich habe aber nicht die Sorge, dass der Bund sich jetzt plötzlich in die Schulpolitik der Länder einmischt.

Nun redet man seit Jahren darüber, dass nichts wichtiger sei als die Digitalisierung, und dann passiert so etwas. Wie soll man so etwas vermitteln?

Gebauer Das ist nicht vermittelbar.

Wann gibt es eine Entscheidung über die besonders geförderten Talentschulen?

Die Bewerbungen liegen jetzt bei der Jury, die Ende Januar die ersten 35 Schulen auswählt. Wir haben keinerlei Vorauswahlen vorgenommen, sondern nur offizielle Kennzahlen und Daten sowie den Sozialindex der einzelnen Schulen ergänzt.

Ist damit die Entscheidung nicht vorweggenommen?

Gebauer Nein. Entschieden wird von der Jury nicht allein nach dem Sozialindex, sondern nach einem Katalog von Kriterien und dem mit der Bewerbung eingereichten Konzept der Schulen.

Warum verteilen Sie die Stellen an den Schulen nicht grundsätzlich nach dem Sozialindex, wie in Hamburg?

Gebauer Wir tun das eine, ohne das andere zu lassen. Bereits jetzt verteilt die Landesregierung doppelt so viele Stellen nach dem Sozialindex wie die Vorgängerregierung. Auch die 600 neuen sozialpädagogischen Fachkräfte an den Grundschulen sind beispielsweise zu 70 Prozent nach dem Sozialindex verteilt worden und zu 30 Prozent nach der Schülerzahl. Wir prüfen jetzt, ob wir den Sozialindex, der bisher auf Städte und Kreise bezogen ist, schulscharf ausrichten können.

3,8 Prozent ersatzloser Unterrichtsausfall, die jetzt für das vergangene Schuljahr erhoben wurden, klingen vielen Eltern immer noch unglaubwürdig.

Gebauer Ich habe immer gesagt: Die durch eine Stichprobe erhobenen 1,8 Prozent der Vorgängerregierung stimmen nicht. Das hat sich bewahrheitet. Wir wollen es genauer wissen und sind jetzt gespannt auf die schulscharfe Erhebung im laufenden Schuljahr.

Es gibt Schulen, die versuchen, ihre Ausfallquoten zu verschleiern, um nicht am Pranger zu stehen.

Gebauer Das darf natürlich nicht sein. Es mag einzelne Schulen geben, die diese Sorge haben. Ich habe den Schulleitern deshalb gesagt, dass es nicht darum geht, möglichst gute Zahlen zu melden – wir wollen die Realität wissen. Von geschönten Zahlen hat niemand etwas, und es hilft keinem, wenn wir die Augen von der Wirklichkeit abwenden.

Gilt für das laufende Schuljahr weiter Ihre Erwartung: Alles unter fünf Prozent ersatzlosem Ausfall wäre eine Überraschung?

Gebauer Das kann ich derzeit nicht realistisch einschätzen – einige Maßnahmen greifen ja schon, so zum Beispiel die Lehrer aus der Sekundarstufe II, die für zwei Jahre an die Grundschulen wechseln.

Es gibt Schulen, die das Fach Glück anbieten. Finden Sie das sinnvoll?

Gebauer Wir haben vorhin über die Stundentafel gesprochen. Ich sehe erstens nicht, woher die Kapazitäten für die Stunden kommen, und zweitens, was im Fach Glück behandelt werden soll. Ich wünsche mir eher glückliche Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler. Das erreichen wir neben modernem und auskömmlichem Schulraum vor allem durch zusätzliches Personal, das unsere engagierten Lehrkräfte bei der Bewältigung der Herausforderungen in unseren Schulen unterstützt.

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