Turbo-Abi in NRW: Das Streitgespräch

Das Streitgespräch zum "Turbo-Abi" : "Wir können nicht zurück ins Jahr 2005 springen"

In acht oder neun Jahren zum Abitur? Diese Frage bewegt Eltern, Lehrer und Schüler in NRW. Wir haben zwei Protagonisten zur Debatte gebeten.

Die Protagonisten: Peter Silbernagel (62), Lehrer für Mathematik und katholische Religion, seit 2002 Chef des Philologenverbands NRW, verheiratet, vier Kinder und Marcus Hohenstein (48), Lehrer für Physik und evangelische Religion, Sprecher der Initiative "G9 jetzt", verheiratet, eine Tochter

Eigentlich haben sie viel gemeinsam: Beide sind Lehrer, beide für Religion und ein naturwissenschaftliches Fach. Aber wenn es um Schulpolitik geht, liegen Peter Silbernagel und Marcus Hohenstein über Kreuz. Silbernagel will das achtjährige Gymnasium (G 8) behalten, Hohenstein möglichst schnell das neunjährige Gymnasium (G 9) zurück. Gute Voraussetzungen für ein angeregtes Gespräch.

Warum muss NRW zu G 9 zurückkehren, Herr Hohenstein?

Hohenstein Weil unsere Kinder wieder die Möglichkeit haben müssen, eine gymnasiale Bildung zu bekommen, wie sie bis 2005 auch möglich war – mit Anspruch und einem hochwertigen Abschluss.

Warum muss NRW bei G 8 bleiben, Herr Silbernagel?

Silbernagel Weil es unnötig ist, wieder eine solche Strukturdebatte loszutreten. Das würde nur zu Enttäuschung führen, weil sich viele unter G 9 etwas ganz anderes vorstellen.

Inwiefern?

Silbernagel Wir können nicht zurück ins Jahr 2005 springen. Inzwischen hat sich die Zahl der Ganztagsgymnasien verfünffacht, wir haben neue Lehrpläne, wir haben das Zentralabitur, wir haben die Inklusion. Eine Umstellung zurück auf G 9 schlüge bis auf Lehrpläne und Bücher durch – und auf die anderen Schulformen, weil inzwischen auch die mehr Stunden unterrichten.

Hohenstein In Niedersachsen, Hessen und Bayern gibt es aber doch Beispiele, die zeigen, dass vieles rückgängig gemacht werden kann.

Also mehr G 9 gleich weniger Ganztag? Weg von der Nachmittagsbetreuung, hin zum Halbtagsgymnasium?

Hohenstein Das ist genau der entscheidende Punkt: Soll die Schule eine Betreuungs- oder eine Bildungsinstitution sein? Beides zu verwischen, hilft den Eltern nicht.

Silbernagel Angebote am Nachmittag sind doch nicht automatisch nur Betreuung. Da würden sich die Gesamtschulen aber wehren. Ganztagsunterricht lässt sich nicht trennen in Unterricht vormittags und Betreuung nachmittags.

Hohenstein Es wäre aber gut, wenn Schüler weniger Zeit in der Schule verbringen müssten. Was bedeutet es für die Seele, die Gesundheit der Schüler und die Bildungsergebnisse, wenn wir Unterricht so ausdehnen wie im G 8? Die Frage müssen wir beantworten.

Silbernagel Die Vorstellung, wir könnten flächendeckend zur Vormittagsschule zurück, wird sich an den Wünschen der Eltern brechen. Das ist schon deshalb illusorisch, weil ein reines Vormittagsgymnasium nicht Schüler aus den Familien erreichen würde, die nicht so viele Anregungen geben können.

Hohenstein Mehr Zeit in der Schule ist nicht im Sinne der Eltern. Die wollen, dass ihre Kinder auch etwas anderes machen können. Eltern schätzen Betreuungsangebote nach ihren Bedürfnissen, aber sicher keinen Zwang zum Nachmittagsunterricht wie in NRW. Nachmittagsunterricht, der den Zufällen des Stundenplans unterliegt, nützt auch Berufstätigen nicht.

Können alle Elternhäuser der Verantwortung gerecht werden, ihren Kindern noch solche Angebote neben der Schule zu machen?

Hohenstein Können alle Elternhäuser die Verantwortung tragen, zusätzlich Nachhilfe zu bezahlen und ihre Kinder zum Psychologen zu bringen? Das können schon bessergestellte Eltern nicht, von sozial schwachen ganz zu schweigen.

Silbernagel Das ist doch ein verzerrtes Bild. Der runde Tisch hat ja substanzielle Veränderungen vorgenommen: zum Beispiel eine Begrenzung des Nachmittagsunterrichts und weniger Hausaufgaben. Die entsprechenden Klagen konnte ich nachvollziehen. Dem haben wir aber einen Riegel vorgeschoben. G 8 ist ein Sündenbock für fast alles, was dem Gymnasium angelastet wird.

Hohenstein Das ist keine Sündenbock-Frage, sondern die Realität. G 8-Schüler können weniger als G 9-Schüler, weil so viel an Inhalten gestrichen wurde, vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften.

Silbernagel Es gibt mehrere Studien, die besagen das Gegenteil: dass es qualitativ keinen Unterschied gibt zwischen G 8- und G 9-Schülern.

Sie, Herr Hohenstein, berufen sich auf den Willen der Eltern. Bei den Umfragen machen aber doch auch massenweise Leute mit, die gar keine Ahnung mehr haben, was in den Schulen heute so los ist.

Hohenstein Stimmt. Das passiert ja auch im Parlament regelmäßig. Aber unsere Umfragen sind repräsentativ. Und in Hessen sehen wir, wie sich Eltern entscheiden, wenn sie die Wahl haben.

Gibt es Dreiviertelmehrheiten gegen G 8 auch an den Schulen?

Silbernagel Das ist nicht generelle Wirklichkeit in den Schulen. Und es geht doch darum, ob G 8 tatsächlich nicht pädagogisch verantwortlich umzusetzen ist. Das geht aber. Es ist außerdem unredlich, allen Unmut in der Schule G 8 in die Schuhe zu schieben – den Unterrichtsausfall zum Beispiel oder die Tatsache, dass die Kinder auch manchmal an Grenzen kommen. Das ist aber pädagogisch nicht auszuschließen.

Läuft G 8 überall schlecht?

Hohenstein Die Frage ist, welches Ziel wir mit dem Gymnasium verbinden: hochwertige Bildung und eine Grundlage für lebenslanges Lernen – oder bloß eine Betreuungsinstitution mit Burn-out-Gefahr?

Also ja.

Hohenstein Es gibt bisher keine positiven Argumente, was G 8 an Gymnasien verbessern kann.

Silbernagel Gibt es denn Negativargumente? Eine höhere Burn-out-Quote lässt sich seriös nicht auf G 8 zurückführen. Die große Mehrheit der Gymnasien setzt G 8 in Übereinstimmung mit den Erwartungen der Eltern und der Schüler um.

Hohenstein Herr Silbernagel...!

Silbernagel Viel in der Debatte spielt sich im gefühlten Bereich ab – wobei ich berechtigte Klagen ernst nehme. Nicht jedes Kind kann aber zusätzlich zur Schule noch drei Hobbys verfolgen. Damit setzen die Eltern die Kinder nur unter Stress.

Hohenstein Die Zahl der Schüler in stationärer psychiatrischer Behandlung hat sich seit 2005 fast verneunfacht. Das ist ein Schulproblem.

Silbernagel Aber die Erwartungen der Eltern sind wahrlich nicht geringer geworden. Und die Erwartungen der Schüler an sich selbst auch nicht. Früher haben nicht so viele eine Jahrgangsstufe wiederholt, um einen besseren Abi-Schnitt zu bekommen. Das hat nichts mit G 8 zu tun. Die Zahl der Behandlungen hat auch nicht nur mit G 8 zu tun.

Waren Sie damals für G 8?

Silbernagel Ich war damals der Meinung sämtlicher Parteien und der Wirtschaft: dass die deutschen Akademiker jünger sein müssen. Inzwischen ist aber das Einschulungsalter gesunken, die Wehrpflicht ist weggefallen, und das Studium ist komplett umgestellt worden.

Sind Sie also den Argumenten der Wirtschaft auf den Leim gegangen?

Silbernagel Es waren nicht nur die Argumente der Wirtschaft. Es gab allgemein die Vorstellung, ein achtjähriges Gymnasium sei aus einem Guss zu organisieren. Unterschätzt haben wir, dass fast überall nur organisatorische Probleme angegangen wurden, statt ein überzeugendes pädagogisches Konzept vorzulegen.

War G 8 auch ein Sparmodell?

Silbernagel Ich glaube nicht.

Hohenstein Es ist als Sparmodell gestartet. Das Gegenteil war der Fall: G 8 ist teurer als G 9.

Ist das einzige Argument gegen G 9, erneute Veränderung zu vermeiden?

Silbernagel Es geht um Güterabwägung und Risikoabschätzung. Das ist die Politik des kleineren Übels. Kann das Grundlage von Politik sein?

Hohenstein Ja. Man wird nie das Perfekte bekommen. Die Frage ist aber, was das kleinere Übel ist.

Gibt es irgendwo Potenzial für einen Kompromiss? Zum Beispiel, indem man noch einmal allen Gymnasien den Wechsel zu G 9 erlaubt? Oder G 8 und G 9 öfter parallel anbieten lässt?

Silbernagel Wir halten beides nicht für sinnvoll, weil es zur Zersplitterung des Gymnasiums führen und die Strukturdebatten vor Ort verschärfen würde. Das würde nur den Gegnern des Gymnasiums nützen.

Hohenstein Die zentrale Frage ist: Wie viel staatliche Vorgabe ist nötig, wie viel Freiheit der Bürger ist möglich? Ein Kompromiss müsste dann mehr Wahlfreiheit bringen wie in anderen Bundesländern.

Wie schnell könnte ein Wechsel zu G 9 umgesetzt werden?

Hohenstein In Hessen ging das innerhalb von sechs Monaten.

Silbernagel Frühestens im übernächsten Schuljahr.

Hat der Rücklauf für die Volksinitiative gegen G 8 Ihre Erwartungen übertroffen?

Hohenstein Ja, es war schon erstaunlich, dass wir 99 000 bestätigte Unterschriften haben.

Sie haben damit gedroht, "Politiker zum Teufel zu jagen". War das überzogen?

Hohenstein Sagen wir mal so: Eine Bildungsministerin, die meint, sie sitze sicher im Sattel und bleibe noch 50 Jahre Ministerin, wird das nicht auf Dauer bleiben.

Das könnte man Drohung nennen.

Hohenstein (lacht) Nein... Das war eine Tatsachenbeschreibung. Herr Silbernagel ist, glaube ich, auch nicht der Meinung, dass diese Ministerin die bestmögliche ist.

Silbernagel (lacht) Dazu möchte ich mich jetzt nicht äußern.

Gibt es jetzt auch ein Volksbegehren?

Hohenstein Entscheidend ist, wie wir beim Wohl unserer Kinder vorankommen. Da muss es eine Bewegung geben. Wenn es die nicht gibt, wäre das Volksbegehren der nächste Schritt, diese Bewegung auf andere Weise in die Politik zu tragen.

Scheitert unsere repräsentative Demokratie an Fragen wie G 8?

Hohenstein Die Volksgesetzgebung wird dann notwendig, wenn es innerhalb des Parlaments keine Opposition gibt.

Das heißt: Stimmungen in der Bevölkerung müssen sich im Parlament widerspiegeln?

Hohenstein In irgendeiner Weise, ja.

Silbernagel Die Politik muss die Umfragen ernst nehmen, aber sie darf sich in ihrer Entscheidung nicht hinter Umfragen oder Mehrheitsvoten in nicht demokratisch legitimierten Gremien wie dem runden Tisch verstecken – auch wenn das Votum dort eindeutig war.

Geht der Sturm des Frusts vorbei?

Silbernagel Ich bin zuversichtlich, dass die Maßnahmen greifen. Aus den Schulen kommt der Wunsch zur Rückkehr jedenfalls nicht.

Hohenstein Spannend wird sein, wie lange die Wirtschaft den Nachteil der G 8-Ausbildung in NRW tolerieren wird.

Wollen Sie damit sagen, wir sollten dann wieder der Wirtschaft folgen wie bei der Einführung von G 8?

Hohenstein G 8 schadet dem Standort NRW. Aber vor allem widerspricht es dem Elternwillen.

Welche Partei kippt als erste um und wendet sich von G 8 ab? CDU, SPD, Grüne oder FDP?

Hohenstein (lacht) Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es nicht die der grünen Schulministerin ist.

Silbernagel Ich weiß es auch nicht. Ich fürchte nur, dass es nicht mehr um Argumente geht, wenn G 8 Wahlkampfthema wird, sondern nur um Stimmungen und Stimmen. Das wird der Qualität des Gymnasiums nicht helfen.

Hohenstein Wahlen sind dazu gedacht, Richtungsentscheidungen zu treffen. "G 8 oder G 9" ist so eine Richtungsentscheidung.

Frank Vollmer fasste das Gespräch zusammen.

(fvo)