Vor Bayern und Baden-Württemberg Studie: NRW überholt Süden bei Standortattraktivität

Düsseldorf · Ausländische Konzerne bewerten den Standort Deutschland zwar insgesamt schlechter, aber bei der Frage, in welchem Bundesland sie am ehesten investieren würden, sprechen sich die meisten Manager für NRW aus.

 Marianne Janik, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, und Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (CDU), bei einem Pressegespräch rund um die Großinvestitions des Tech-Konzerns.

Marianne Janik, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, und Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (CDU), bei einem Pressegespräch rund um die Großinvestitions des Tech-Konzerns.

Foto: dpa/Henning Kaiser

Laut einer Studie der Unternehmensberatung KPMG halten ausländische Investoren die Standortbedingungen in Deutschland für insgesamt schlechter als in Vorjahren. Doch die Befragung „Business Destination Germany“ enthielt zumindest aus NRW-Sicht auch positive Nachrichten: 21 Prozent der befragten 350 Finanzvorstände deutscher Tochtergesellschaften von internationalen Unternehmen gaben an, künftig vorrangig im bevölkerungsreichsten Bundesland Investitionen tätigen zu wollen – mehr als in jedem anderen Bundesland. Die Studienautoren schreiben: „Das Bundesland bietet eine attraktive Kombination aus zentraler Lage, großem Markt, starkem Industriestandort, verschiedenen Universitäten und Hochschulen für Forschung und Entwicklung sowie gut ausgebildete Arbeitskräfte.“

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) zeigte sich über das Ergebnis hoch erfreut: „Die Welt investiert an Rhein und Ruhr. Nordrhein-Westfalen ist jetzt das deutsche Top-Land für Investitionen aus dem Ausland. Wir lassen andere Industrieländer wie Bayern oder Baden-Württemberg hinter uns“, sagte Wüst unserer Redaktion. „Das spricht für den Standort Nordrhein-Westfalen und unsere Politik der Transformation.“ Tatsächlich landete der bisherige Spitzenreiter Bayern mit 20 Prozent knapp auf dem zweiten Platz, Baden-Württemberg kommt mit 17 Prozent der Nennungen auf Platz drei.

Wüst sagte, man wolle Kurs halten und werde auch weiterhin weltweit unterwegs sein, um für NRW zu werben. Tatsächlich reist der Ministerpräsident an diesem Sonntag mit einer Delegation in die USA, um dort unter anderem mit Vertretern der Tech-Branche im Silicon Valley sowie im Großraum Seattle zu sprechen. Zudem sind Treffen mit Wissenschaftlern, Medienschaffenden, Justizvertretern und der Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsbranche geplant.

Wüst verwies gegenüber unserer Redaktion auch auf die jüngste Großinvestition von Microsoft in Höhe von 3,2 Milliarden Euro, die überwiegend ins Rheinische Revier fließen sollen: „Man glaubt an den Standort Nordrhein-Westfalen. Globale Player wie Microsoft investieren nur in den besten Standort. Diese Milliardeninvestitionen tragen dazu bei, die Transformation unserer heimischen Wirtschaft voranzutreiben.“ Man baue Potenziale in Wirtschaft und Forschung weiter aus, um gute und sichere Arbeitsplätze zu erhalten und neu zu schaffen.

DGB-Chefin Anja Weber goss etwas Wasser in den Wein: „Die Studie zeigt, dass NRW durchaus ein attraktiver Standort ist. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir dringend mehr Initiativen von Bund und Land benötigen, damit NRW als Industriestandort im internationalen Wettbewerb bestehen kann.“ Damit NRW eine starke Industrieregion mit guten Arbeitsplätzen bleibe, brauche man mehr öffentliche Investitionen in Infrastruktur, um Unternehmen zu halten und neue zu gewinnen. „Die Schuldenbremse muss daher endlich gelöst und mehr Geld für öffentliche Investitionen frei gemacht werden. Zudem brauchen wir einen Transformationsfonds, der Unternehmen beim Prozess hin zu einer klimaneutralen Produktion unterstützt“, forderte die Gewerkschafterin.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Dietmar Brockes, warnte vor einer Überinterpretation: „Warum schneidet NRW als bevorzugter Investitionsstandort besser ab als Bayern? Weil die meisten Unternehmen der befragten Finanzchefs bereits in NRW ansässig sind, und das ist bekanntlich der Hauptgrund für Investitionen. Mehr gute Nachrichten liefert die Studie nicht.“

Die Befragung von KPMG bestätigt aus seiner Sicht vielmehr, dass Deutschland zunehmend unattraktiver als Investitionsstandort werde. „Seit 2022 hat sich laut Befragung die Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort halbiert. 46 Prozent der Befragten erwägen, in den nächsten fünf Jahren woanders zu investieren.“ Als größte Investitionshemmnisse in Deutschland würden überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und mangelnde Digitalisierung genannt. „Diese Ergebnisse müssen ein Weckruf für die Landesregierung sein, kein Anlass für Selbstlob“, sagte Brockes. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Er forderte „sofortige Maßnahmen zur Bewältigung dieser Herausforderungen und zur Wiederherstellung des Vertrauens internationaler Investoren“.

Johannes Pöttering, Hauptgeschäftsführer von Unternehmer NRW, sieht in der Studie einen bitteren Beleg für das massive Wettbewerbsfähigkeitsproblem des Wirtschafts- und Investitionsstandorts Deutschland und nannte es ein besorgniserregendes Alarmsignal, dass die Reputation Deutschlands bei internationalen Investoren seit Jahren kontinuierlich abnehme. Für Nordrhein-Westfalen sei es ermutigend, dass das Land für ausländische Investoren das beliebteste Investitionsziel unter allen deutschen Bundesländern ist. „Es ist eine gute Nachricht, dass wir auch dank geschlossener Wertschöpfungsketten international als starker Industriestandort geschätzt werden und unsere Universitäts- und Hochschullandschaft für Forschung und Entwicklung einen ausgezeichneten Ruf genießt. Diese Stärken gilt es aber noch gezielter auszuspielen.“ Dafür müsse die Landespolitik mit klaren Prioritäten und entschiedenem Handeln alles daransetzen, wesentliche Erfolgsfaktoren für den Standort NRW zu verbessern. „Das gilt insbesondere für die Energiepolitik, Planungs- und Genehmigungsverfahren, Infrastruktur, Flächenpolitik und Fachkräftesicherung.“

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