Senioren-Union in NRW will die Institution der Dorfschwestern wieder einführen

Ländliche Räume: Senioren-CDU ruft nach Dorfschwestern in NRW

In Nordrhein-Westfalen sollen „Fachkräfte fürs Kümmern“ den älteren Menschen mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Das fordert die Senioren-Union. NRW-Sozialminister Laumann ist aufgeschlossen.

Der neue NRW-Vorsitzende der Senioren-Union, Helge Benda, fordert mehr Hilfsangebote für ältere Menschen auf dem Land. „Laumanns Landarzt-Quote reicht nicht“, sagte der 72-jährige Repräsentant der älteren Mitglieder der NRW-CDU an die Adresse des Düsseldorfer Gesundheitsministers. „Das Leben muss zurück in den ländlichen Raum. Die Senioren-Union NRW fordert die Rückkehr der Gemeindeschwester.“

Ursprünglich war die Gemeindeschwester eine Erfindung der DDR, um den Ärztemangel abzufedern. In unterschiedlichen Formen machte die Idee der Kümmerin mit Händchen für medizinische und pflegerische Fragen auch im Westen Karriere. Gerade im ländlichen Raum wird eine solche Person auch gern als Dorfschwester bezeichnet.

So wertete die Universität Köln soeben ein Modellprojekt in Rheinland-Pfalz aus. 18 Gemeindeschwestern klapperten drei Jahre lang Haushalte ab, um Senioren mit präventiver Beratung, offenem Ohr und der Vermittlung von Helfern ein längeres selbstbestimmtes Leben ohne Pflegeheim zu ermöglichen. „Das Modellprojekt ist erfolgreich“, stellen die Wissenschaftler fest. 2,9 Millionen Euro investierte Rheinland-Pfalz in den Versuch und will das Modell ausbauen.

Hessen stellt 1,85 Millionen Euro jährlich für Kommunen und Ärzte zur Verfügung, die Gemeinde- oder Dorfschwestern beschäftigen wollen. Mit entsprechender Ausbildung sind die Hilfskräfte dort entweder medizinisch oder als Sozialarbeiterinnen tätig. Sie übernehmen einfache ärztliche Dienstleistungen wie Blutdruckmessen oder Wundversorgungen und vermitteln auch Kontakte zu örtlichen Altenhilfestrukturen.

In NRW gibt es nur sporadische Gemeindeschwester-Angebote. So bietet das Diakoniewerk Ruhr-Witten eine Ausbildung zur Gemeindeschwester an, die „im Bereich einer Kirchengemeinde eine Vertrauensperson, Vernetzungsfachkraft und vor allem Gemeindevertreterin“ sein soll, so die evangelische Einrichtung. Unter der Regie der Stiftung Wohlfahrtspflege gibt es eine aufsuchende Seniorenberatung in drei Städten des Bistums Aachen: Das Modellprojekt läuft noch etwa ein Jahr und ist – abgesehen von der Größenordnung – mit dem Ansatz aus Rheinland-Pfalz vergleichbar.

  • Kommentar zur Forderung nach Gemeindeschwestern : Senioren auf dem Land nicht vergessen

Senioren-Unions-Chef Benda gehen die NRW-Initiativen nicht weit genug. Er will möglichst flächendeckend Gemeindeschwestern, die älteren Menschen sowohl als soziale Schnittstelle wie auch als medizinisch-pflegerische Fachkräfte dienen. Eben eine „Gemeindeschwester, die ja früher auch auf dem Land unterwegs war und die neben ihrer medizinisch-pflegerischen Funktion immer auch eine Institution des Soziallebens war“, so Benda.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminster Karl-Josef Laumann (CDU) ist aufgeschlossen. „Der Grundansatz ist sehr zu begrüßen, nämlich ältere Menschen bereits im Vorfeld einer Pflegebedürftigkeit mit Informationen und konkreten Unterstützungsangeboten zu begleiten“, sagte der Minister unserer Redaktion. Dazu brauche es ein Netzwerk aus professionellen Kräften, aber auch aus Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt, das den Menschen den Alltag erleichtert. Laumann: „Wir schauen uns die Ergebnisse der laufenden Projektansätze in NRW und in anderen Bundesländern sehr genau an und prüfen, ob und inwieweit eine stärkere Verbreitung in NRW unterstützt werden sollte.“

Auch der Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Städtetags, Helmut Dedy, hält das Konzept der Gemeindeschwester für einen gangbaren Weg. An eine Kofinanzierung durch die Kommunen, wie Rheinland-Pfalz sie mittelfristig anstrebt, sei aber nicht zu denken: „Die Kommunen sehen hier die Kranken- und Pflegekassen in der Pflicht, stärker als bislang und vor allem dauerhaft solche Strukturen mitzufinanzieren. Hierzu könnten insbesondere auch die Finanzmittel der Krankenkassen im Zusammenhang mit dem Präventionsgesetz sinnvoll eingesetzt werden“, sagte Dedy.

Neben den Gemeindeschwestern hat Benda noch weitere Vorschläge, um Senioren das Leben auf dem Land zu erleichtern. „Attraktiv finde ich auch das Schleswig-Holstein-Modell des Markttreffs: dörfliche Einzelhändler, die auch soziale Funktionen übernehmen und beispielsweise Räumlichkeiten für Kommunikation zur Verfügung stellen. So etwas sollte auch in NRW gefördert werden.“ Auch für Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) hat Benda einen Auftrag: „Der Verkehrsminister hat die Anbindung der Senioren in den ländlichen Räumen besser zu gewährleisten.“ Senioren hätten oft kein Auto und seien auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

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