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NRW mit schlechtem Ergebnis beim Vergleich: Schulministerin Löhrmann gibt Mängel zu

NRW mit schlechtem Ergebnis beim Vergleich : Schulministerin Löhrmann gibt Mängel zu

NRW liegt im Schulvergleich der Bundesländer nur in der Schlussgruppe. Die Lehrer sehen den Grund für das schlechte Abschneiden in falschen politischen Vorgaben. Ministerin Sylvia Löhrmann zeigt sich ungewohnt zerknirscht.

Das nordrhein-westfälische Dilemma bei der Leistung seiner Neuntklässler in Mathematik und Naturwissenschaften ist in einem Satz zusammengefasst: Zu viele erzielen sehr schlechte Leistungen, zu wenige sehr gute. Das zeigt der Bundesländervergleich, den die Kultusminister am Freitag vorstellten. In Mathematik zum Beispiel liegt der Anteil derjenigen, die sogar den Mindeststandard für den Hauptschulabschluss verfehlen, um ein Drittel höher als im Bundesschnitt.

Auch die nordrhein-westfälischen Gymnasiasten erzielen durchweg unterdurchschnittliche Ergebnisse; alarmierend schlecht sind die Resultate allerdings bei den Schülern, die in den anderen Schulformen mindestens einen mittleren Abschluss anstreben.

So kommen beim Fachwissen in Physik zum Beispiel 39 Prozent der Teilnehmer nur auf eine der beiden unteren von fünf Kompetenzstufen — in ganz Deutschland sind es 31 Prozent. Ähnlich ist es in Chemie (49 zu 42 Prozent) und Biologie (37 zu 30).

Bei vorangegangenen Bundesländervergleichen, zuletzt unter Grundschülern, hatte Nordrhein-Westfalen meist irgendwo im Mittelfeld gelegen. Jetzt findet es sich klar in der Schlussgruppe wieder. Ein hartes Fazit zieht der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller: "NRW rutscht langsam in die Bremen-Liga ab. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass man sich dieser Entwicklung schon voll bewusst ist."

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Unerwartete Reaktion

Ungewohnt zerknirscht zeigt sich die Schulministerin, die in der Auswertung ähnlicher Tests eher nach ermutigenden Erkenntnissen gesucht hatte. "Die Ergebnisse zeigen, dass der Mathematik und den Naturwissenschaften in NRW lange Zeit nicht der nötige Stellenwert beigemessen wurde", sagt Sylvia Löhrmann (Grüne). Das Land habe da "einen deutlichen Entwicklungsbedarf". Die Nachwuchsförderung habe offenbar noch nicht gegriffen.

Das Argument lässt Peter Silbernagel nicht gelten. "Nachwuchs fehlt anderen auch", sagt der Landeschef des Philologenverbands. Für Silbernagel, selbst Mathematiklehrer, ist die Konsequenz klar: "Wir müssen davon wegkommen, immer neue Reformen anzustoßen, und stattdessen endlich konsequent auf den Unterricht schauen." Die Lehrer am Gymnasium hätten ständig mit neuen Großprojekten zu kämpfen, die vor Ort Arbeitskraft bänden — in Mathe und den Naturwissenschaften schlage sich das besonders schnell in den Leistungen nieder.

Auch in der Aus- und Weiterbildung sieht Silbernagel Nachholbedarf: "Wir müssen zum Beispiel die fachspezifischen Fortbildungen stärken. Wir müssen die Lehrer besser unterstützen. Aber wir beschäftigen uns in Nordrhein-Westfalen mit den falschen Themen."

"Fachwissen kommt zu kurz"

Das sieht die Vertretung der Realschullehrer ganz ähnlich. "Es ist bedenklich, wenn man Biologie, Physik und Chemie in ein Fach ,Naturwissenschaften' zusammenfasst", sagt Brigitte Balbach, Vorsitzende des Verbands Lehrer NRW: "Damit kommt die Vermittlung von Fachwissen eindeutig zu kurz. Die Grundlagen stehen nicht mehr im Fokus. Das ist politisch nicht gewünscht." Stattdessen stünden "ideologische Vorgaben" wie der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht behinderter Schüler (die Inklusion) oder das längere gemeinsame Lernen im Vordergrund.

Auch für Balbach ist der Lehrer die zentrale Figur: "Bei ihm muss das Fachwissen abrufbar sein. Andere Länder haben offensichtlich mehr Leute, die solches Wissen vorhalten." Balbach hält deshalb wenig von neuen Unterrichtskonzepten: "Die zunehmende Freiarbeit, die Aussage im Koalitionsvertrag, dass der Lehrer mehr ,Lernbegleiter' wird — all das rückt den Lehrer aus dem Mittelpunkt, wo er hingehört."

Entscheidend ist für Bildungsforscher Köller der politische Wille, Leistung einzufordern: "Das zieht eine ganze Reihe von Effekten nach sich. Höhere Anforderungen bedeuten, dass Lehrer fachlich kompetenter sein müssen. Und dass praktisch nicht von Fachfremden unterrichtet werden kann. Fachfremd unterrichtete Klassen schneiden schlechter ab." Die "flächendeckende Bedienung mit kompetenten Fachlehrern" sei daher eine weitere Erfolgsbedingung. Hinzukommen müsse die konsequente Förderung der leistungsstärksten Schüler.

(RP)