Schulen in NRW: Rettet den Religionsunterricht!

Schulen in NRW : Rettet den Religionsunterricht!

Der konfessionelle Unterricht in NRW steckt in der Krise. Schulen dürfen nun katholischen und evangelischen Unterricht abwechselnd in derselben Klasse anbieten - ein Zukunftsmodell. Trotzdem ist der Frust beträchtlich.

Wer sich die rechtlichen Grundlagen des Religionsunterrichts hierzulande ansieht, der könnte zum Schluss kommen: alles bestens! Das Grundgesetz legt Religion als ordentliches Lehrfach in "Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" fest; Nordrhein-Westfalens Verfassung postuliert darüber hinaus noch "Ehrfurcht vor Gott" als Erziehungsziel. Alles bestens also?

Von wegen. Der Religionsunterricht in NRW steckt in der Krise - immer weniger Schüler nehmen teil, besonders an Grund- und Realschulen. Die christliche Prägung insgesamt lässt nach, im Ruhrgebiet stellen Muslime an Grundschulen bereits mancherorts die (relative) Mehrheit. Folge alldessen: Schulen haben wachsende Probleme, Religion nach Konfessionen zu unterrichten. Im Gegensatz dazu kennt der neue islamische Religionsunterricht keine Aufgliederung in Schiiten und Sunniten - ein organisatorischer Vorteil.

Evangelisch und katholisch abwechselnd

Änderung tut also not. Ab dem kommenden Schuljahr können alle Schulen im Land daher Religion "kooperativ" anbieten: katholische und evangelische Lehrer in derselben Klasse, abwechselnd, mit je eigenem Lehrplan. Was als Zukunftsmodell gedacht war, verursachte schnell Streit: Zwar haben alle drei evangelischen Landeskirchen die Vereinbarungen unterschrieben, aber nur vier der fünf katholischen Bistümer - Köln macht nicht mit. Der Ärger zwischen den Konfessionen und unter den Katholiken war beträchtlich.

Das neue Modell soll auch einer noch bedenklicheren Tendenz entgegenwirken: der inhaltlichen Verflachung. Von einer "inneren und äußeren Krise" spricht der Münsteraner Religionspädagoge Clauß Peter Sajak und resümiert: "Der konfessionelle Religionsunterricht hält nicht, was er verspricht - wir erleben häufig eher Religionskunde als bekenntnisorientierten Unterricht." Untersuchungen aus dem Ruhrgebiet belegen das: Lehrer verstünden sich eher als Moderatoren denn als Glaubenszeugen - trotz entsprechender Fragen der Schüler. "Wir fürchten um die Substanz des Religionsunterrichts", sagt ein katholischer Insider klipp und klar. Nicht einmal die offizielle Statistik gebe die Dramatik der Lage angemessen wieder: "Kaum noch die Hälfte der Schulen bietet heute nach Konfessionen getrennten Religionsunterricht an. Konfessionssensibles Unterrichten gibt es vielerorts nicht mehr." Das aber ist, streng genommen, illegal - die Verfassung versteht Religionsunterricht als konfessionell gebunden.

Vorarbeiten für das neue Modell gab es schon: Die Bistümer Paderborn und Münster, die westfälische und die lippische Kirche haben vor Jahren ähnliche Projekte initiiert. Etwa an der Realschule Lüdinghausen im Münsterland. "Hier haben die Lehrer den Wunsch geäußert, Religion konfessionell im Klassenverband unterrichten zu können", sagt Schulleiterin Astrid David: "Eine Lösung in der ,Grauzone' kam für uns nie infrage." Die Bilanz sei positiv: "Die Lehrer setzen sich mit der anderen Konfession auseinander. Und weil jede Klasse von zwei Lehrern unterrichtet wird, tauschen sich die Schüler intensiver aus, was wiederum ihr Wissen vertieft." Zudem stärke die Kooperation das Zusammengehörigkeitsgefühl. Sajak bestätigt das: "Schüler wissen besser, was katholisch und was evangelisch ist, die Lehrer müssen sozusagen stärker Farbe bekennen. Kooperativer Religionsunterricht schwächt nicht das konfessionelle Profil, er stärkt es."

Das Problem liegt tiefer

Und trotzdem sind die Kölner nun nicht dabei. Die Begründung: Im Erzbistum sei "weiterhin mehr als jeder dritte Schüler katholisch"; zudem werde die Kooperation "landläufig als ,ökumenischer Unterricht' missverstanden". Beide Argumente sind problematisch - auch in ganz NRW liegt der Anteil der Katholiken bei gut einem Drittel, und zur Begriffsverwirrung trug das Erzbistum selbst bei, etwa durch ein Interview auf der eigenen Website mit dem Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin, in dem dieser unwidersprochen "überkonfessionellen Religionsunterricht" kritisierte. Genau das ist aber das neue Modell nicht.

Das Problem liegt tiefer. Wer mit katholischen oder evangelischen Beteiligten spricht, hört schnell, wenn auch stets unter dem Siegel der Vertraulichkeit die Klage, mit dem ökumenischen Engagement sei es in Köln nicht weit her. Kardinal Rainer Maria Woelki fürchte einen "Dammbruch" durch die Kooperation, heißt es dann; es ist aber auch schon mal von "Kirchenpolitik im stillen Kämmerchen" die Rede oder davon, die Glaubensgeschwister in Köln redeten sich die Lage schön.

Offiziell verweist man im Kölner Generalvikariat auf ein Statement der Leiterin der Hauptabteilung für Schule und Hochschule, Bernadette Schwarz-Boenneke, konfessioneller Unterricht sei zur Verwurzelung im Glauben unverzichtbar. Und es heißt beim Erzbistum, das Thema bleibe aktuell - was die Tür zu späterem Einstieg offenlässt.

"Wunschdenken"

Bis zum Start im Sommer dürften längst nicht alle infrage kommenden Religionslehrer die obligatorische Fortbildung durchlaufen haben; dazu sind die Kapazitäten zu gering. Wie so häufig beginnt also an den nordrhein-westfälischen Schulen ein Prozess, in dem die Expertise erst nach und nach vermittelt wird. Trotzdem bleibt das Argument der Befürworter plausibel, der kooperative Unterricht steigere die Qualität - von der rechtlich prekären Lage an vielen Schulen ganz zu schweigen.

Eine geistliche Renaissance an den Schulen sollte davon allerdings niemand erwarten - Profilbildung bedeutet noch nicht Vertiefung des Glaubens. Denn ein Kölner Argument, das des Selbstverständnisses der Schüler, verfängt nach Ansicht von Schulleiterin Astrid David durchaus: "Dass der kooperative Unterricht die konfessionelle Identität schärft, halte ich für Wunschdenken - uns fehlt immer öfter die Grundlage, um überhaupt etwas zu schärfen."

(fvo)
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