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Pro und Contra: Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren?

Pro und Contra : Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren?

Deutschland streitet wieder um die Schulzeitverkürzung am Gymnasium, und NRW streitet mit. Unser Pro und Contra.

Ja.

Die ersten Pisa-Ergebnisse vor zwölf Jahren versetzten die deutsche Bildungslandschaft in eine Art Schockzustand. Den Bildungspolitikern, die bis dahin vor allem damit beschäftigt waren, in ihren ideologischen Gräben zu hocken, wurde mit einem Schlag klar, dass es im Bildungssystem echte Probleme zu lösen galt. Zwei zentrale Resultate brachte Pisa: Die Schüler in Deutschland verbummeln zu viel Zeit, und ihre Leistungen sind nicht hinreichend messbar. Dass seitdem Bildungsstandards eingeführt wurden, ist ein Segen. Mit den Standards ist vielerorts auch das Niveau gestiegen. Allerdings wurde versäumt, auch den Unterricht und den Schulalltag zu reformieren, so dass die gestiegenen Anforderungen am Ende zu einer erhöhten Nachhilfe- und Selbsthilfe-Aktivität der Eltern führten.

Bei der Schulzeitverkürzung lief es ähnlich. Die Länder verlegten die Einschulung einfach um etwa ein halbes Jahr nach vorne. Doch leider stellten sich die Grundschulen nicht darauf ein, dass Fünfeinhalbjährige zwar schon eine Menge lernen können und sollen, aber einen anderen pädagogischen Ansatz brauchen als Sechsjährige. Am anderen Ende verkürzten die Bildungspolitiker die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, ebenfalls ohne die Lernpläne zu entrümpeln. Selbstverständlich ist es möglich, dass junge, intelligente Menschen auch schon nach acht Jahren ihr Abitur bauen, nicht aber unter den in Deutschland herrschenden Bedingungen.

Statt also das Pensum abzuspecken und sich auf das Wesentliche für das Abitur zu konzentrieren, hängten die Schulen die Unterrichtseinheiten, die normalerweise in Stufe 13 absolviert wurden, einfach in die siebten und achten Stunden der elften und zwölften Klassen. Viele dieser G 8-Gymnasien sind nicht mit einer Schulmensa ausgestattet. Und wer zu Hause nicht mit gut gefüllten Butterbrotdosen bestückt wird, dürfte spätestens in der achten Stunde ein Loch im Bauch und Watte im Kopf haben. So hat das keinen Sinn.

Zusätzlicher Druck entsteht auf die Jugendlichen, weil immer mehr Fächer an den Unis mit scharfem Numerus clausus versehen sind. Ohne dem Leistungsprinzip abzuschwören, muss man es nicht richtig finden, dass die jungen Menschen ihre Hobbys und andere Interessen aufgeben, nur weil sie für G 8 und einen guten Durchschnitt büffeln müssen. Eine "Reifeprüfung" ist das Abitur im klassischen Sinne. Zur Reife gehört mehr als die Fähigkeit, Gelerntes wiedergeben zu können.

Warum also nicht zurückkehren zu einer neunjährigen Gymnasialzeit? Wenn man die frühere Einschulung der Kinder beibehält und für das Alter sinnvoll gestaltet, werden die deutschen Abiturienten mit rund 18 Jahren ihr Abgangszeugnis in Händen halten. Dies ist ein gutes Alter, um ins Leben zu starten. (von Eva Quadbeck)

Nein.

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Die Diskussion um das Turbo-Abitur, die sich das Land derzeit leistet, ist ein Stück aus dem bildungspolitischen Tollhaus. Es ist eine unheilvolle Kombination aus dem Hü und Hott vergangener Jahrzehnte und dem neuen Trend, Bildungspolitik nach Stimmungslage zu machen. Niedersachsen kehrt im Handstreich zum neunjährigen Gymnasium zurück, in Bayern und Hamburg drohen Volksentscheide, Hessen hat den Schulen die Wahl freigegeben, landauf, landab trommeln Initiativen für die Rolle rückwärts.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann reagiert auf den Druck und reaktiviert den runden Tisch — in der Hoffnung, G 8 zu erhalten. Jetzt aber, und das ist der eigentliche Treppenwitz, knickt auch die NRW-CDU ein und stellt das Abitur nach zwölf Jahren infrage. Ausgerechnet die CDU, die in Nordrhein-Westfalen zusammen mit der FDP die Reform umzusetzen hatte und, indem sie das neunte Jahr in der Mittel- statt in der Oberstufe strich, einen Großteil des Schlamassels erst angerichtet hat.

Man mag diesen Kurswechsel als schulpolitische Läuterung verkaufen und als Mut, eigene Fehler auszubügeln — in Wahrheit ist er ein Kniefall vor dem Frust der Eltern und ein Beweis, dass manchem Akteur in der Bildungspolitik das Herz in die Hose gerutscht ist. Ja, die Umsetzung der Schulzeitverkürzung war eine Katastrophe. Ja, die Belastung gerade in der Unter- und Mittelstufe ist zu hoch. Ja, die Umstellung ist ein Kulturbruch. Aber all das sind keine stichhaltigen Argumente, jetzt schon wieder das System umzukrempeln.

G 8 ist nicht gescheitert, es hat ja kaum richtig angefangen. Vor einem knappen Jahr hat der letzte G 9-Jahrgang die Gymnasien verlassen. Jetzt ist der Übergang beendet, jetzt ist es (allerdings höchste) Zeit, die Missstände zu beheben. Vor allem müssen die Schulen jetzt endlich in Ruhe arbeiten können. Genau das wollen sie nämlich. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich 2011 in Nordrhein-Westfalen gerade einmal zwei Prozent der Gymnasien für eine Rückkehr zu G 9 entschieden haben. Sage niemand, das habe nur an der knappen Bedenkzeit gelegen — die Schulen scheuen mit gutem Grund vor allem davor zurück, schon wieder die Revolution auszurufen.

Bildungspolitik nach Emotionen hat bisher selten funktioniert, ebenso wenig wie Bildungspolitik nach ideologischem Kompass. Gefragt ist heute mehr denn je Pragmatismus. Dazu gehört die Einsicht: Man muss nicht glühender G 8-Anhänger sein, um eine Rückkehr zu G 9 abzulehnen. Wer meint, er solle jetzt mit dem Versprechen auf eine bessere, neunjährige Gymnasialwelt auf Stimmenfang gehen, der muss eins wissen: Er tut das auf dem Rücken unserer Schulen. Das kann nicht richtig sein. (von Frank Vollmer)

(csi)