Rückkehr zu G9 in NRW: Experten vermissen Informatik als Pflichtfach

Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren : G9: Experten vermissen Informatik

Wissenschaftler sieht Widerspruch zu Zielen des Koalitionsvertrags.

Kurz vor der Rückkehr Nordrhein-Westfalens zur neunjährigen Gymnasialzeit (G9) haben Fachleute den weiterhin zu geringen Stellenwert des Informatik-Unterrichts kritisiert. „Grundsätzlich regen wir eine Stärkung des Fachs Informatik in der Sekundarstufe I für alle Schülerinnen und Schüler an“, sagte Rüdiger Käuser, Vorstand der Westfälisch-Lippischen Direktorenvereinigung, bei einer Experten-Anhörung zu den G9-Stundentafeln im Landtag. Torsten Brinda, Professor für Didaktik der Informatik, warf der schwarz-gelben Landesregierung vor, im Widerspruch zum Koalitionsvertrag zu handeln: Die Landesregierung sei mit dem Ziel angetreten, Informatikunterricht in allen Schulformen zu stärken. Daher sei es mehr als verwunderlich, dass dafür in der neuen Stundentafel für die Sekundarstufe I kein expliziter Raum geschaffen werde.

Die ab dem kommenden Schuljahr gültige G9-Stundentafel sieht vor, dass Informatik weiter kein eigenständiges Pflichtfach wird. Die Gymnasien werden aber künftig verpflichtet, Informatik neben anderen Fächern als Wahlpflichtfach anzubieten. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte dies unter anderem damit begründet, dass nicht genug Fachlehrer für Informatik zur Verfügung stünden.

Dieses Argument ließ der Wissenschaftler mit Verweis auf andere Länder nicht gelten: Bayern stärke das Pflichtfach Informatik in der Sekundarstufe I und führe es in der Jahrgangsstufe 11 noch zusätzlich ein. Bayern-Württemberg führe es als Pflichtfach jetzt ein, ebenso die Schweiz. Polen und Großbritannien hätten es längst. „Das vorliegende Konzept ist damit nicht geeignet, die in der Digitalstrategie NRW gesetzten Ziele angemessen zu unterstützen“, so Brinda.

Kritik gab es vonseiten der Direktorenvereinigung auch daran, dass es künftig für die Schulen schwieriger werde, eigene Profile auszubilden, etwa als Musik- oder Sportgymnasium. Denn die dafür vorgesehenen Ergänzungsstunden würden gleichzeitig auch für Fördermaßnahmen sowie Lernzeiten benötigt. Der Verband forderte daher, die Zahl der Ergänzungsstunden um weitere zwei auf maximal zehn zu erhöhen.

Einhellig begrüßt wurde hingegen eine erst jetzt bekannt gewordene Änderung des Gesetzentwurfs, wonach Lehrer künftig nicht mehr verpflichtet sein sollen, Förderpläne für Schüler auszuarbeiten. Dies sei ein lange notwendiger Schritt zur Entlastung der Pädagogen, sagte Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbandes NRW, zumal es ohnehin Lern- und Förderempfehlungen gebe. Auf positive Resonanz stieß auch, dass Schulen künftig nach Schulkonferenzbeschluss bis zu zwei Wochenstunden aus der Mittelstufe in die Erprobungsstufe verschieben können, um die Halbtagsschule wieder zu ermöglichen.

(kib)
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