Polizeigewerkschaft: Rainer Wendt, ein Lautsprecher im Abseits

Polizeigewerkschafter: Wendt — ein Lautsprecher im Abseits

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft sieht sich einer Kampagne gegen sich ausgesetzt. Der 60 Jahre alte Duisburger stand in seiner Karriere noch nie so unter Druck wie derzeit.

Es sind einfache Verhältnisse, aus denen Rainer Wendt kommt. Er ist eines von acht Kindern. Die Mutter ist alleinerziehend. Im Duisburger Arbeiterviertel Meiderich, in dem er aufwächst, bekommt man nichts geschenkt; das Leben auf der Straße ist hart. Wendt weiß sich durchzuboxen. Er ist einer, der sich kümmert, wenn jemand Probleme hat. Schon mit 16 Jahren geht er zur Polizei. Tagsüber fährt er Streife, abends holt er sein Abitur nach. Er ist fleißig, ehrgeizig und vor allem: clever. Der junge Wendt weiß, ohne eine höhere schulische Ausbildung wird es schwer für den Duisburger Jungen, ganz nach oben zu kommen. Der Karriere wird er alles unterordnen.

Dabei ist ihm Kontrolle besonders wichtig. Die will er möglichst über alles und jeden innehaben. Über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, genauso wie über die Sicherheit im Land. In den vielen Talkshows, in denen er sitzt, ist er stets darum bemüht, die Oberhand zu behalten, manchmal aggressiv, auf jeden Fall immer lautstark, provokativ und wortgewandt. Umso verwunderlicher sei es gewesen, so sagen es manche seiner Weggefährten, dass es ihm im Interview mit "Report München" plötzlich die Sprache verschlagen hat, dass er stottert und lügt, als es um die Frage nach seiner Bezahlung geht. "Ich habe mir da die Augen gerieben und konnte gar nicht glauben, dass das der Rainer ist, den ich im Radio gehört habe", so ein Bekannter von ihm. "Der ist sonst so cool, so abgebrüht. Eben einer, der mit allen Wassern gewaschen ist. Und dann so ein Auftritt."

Es ist ein Auftritt, über den der 60-Jährige zu stolpern droht. Sein Fall, die sogenannte Causa Wendt, hat eine Eigendynamik entwickelt, mit der er nicht gerechnet und die er womöglich auch falsch eingeschätzt haben dürfte, worauf auch sein Verhalten nach dem Gespräch mit den Journalisten deuten lässt. Denn statt alle Kollegen in seiner Gewerkschaft über den Verlauf des Interviews zu informieren und vollständig darüber aufzuklären, soll er manchen nur angedeutet haben, dass da noch etwas kommen könnte in nächster Zeit. Selbst die Landesvorsitzenden seien nicht alle vollständig über das Ausmaß informiert worden, was sie ihrem Chef zum Teil übelnehmen. "Ich musste aus der Zeitung erfahren, dass Rainer als Polizist aufgehört hat", sagt ein ranghohes Gewerkschaftsmitglied. "Uns hat er das nicht gesagt. Das ist keine Art, miteinander umzugehen", betont er.

"Was läuft da für eine miese Kampagne?"

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Die Schulterklopfer werden weniger; die Talkshows rufen ihn seit vergangenem Freitag nicht mehr an, um ihn als Experten für die innere Sicherheit in ihre Sendungen einzuladen, sondern nur noch, um ihn nach seiner Bezahlung als Gewerkschafter zu befragen. Wendt sieht sich als Opfer. "Was läuft da für eine miese Kampagne?", fragt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Einen solchen Gegenwind ist Wendt nicht gewohnt; trotz der ständigen Attacken und Anfeindungen seiner Gegner, die ihn wegen so mancher umstrittenen Aussage als Rechtspopulisten bezeichnen und in die braune Ecke stellen.

Das prallt an ihm ab wie Regen von einem Schirm. Wendt kennt eigentlich nur die Sonnenseiten des Lebens, die Momente im Rampenlicht, in dem er spätestens seit seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) vor zehn Jahren steht. Drei Jahre lang ist er nebenher noch NRW-Landesvorsitzender seiner Gewerkschaft, ehe er dieses Amt 2010 aufgibt und sich voll auf seine Aufgaben auf Bundesebene konzentriert. Seinen Lebensmittelpunkt verlegt er von da an mehr und mehr nach Berlin, seinen ersten Wohnsitz soll er in München haben, wo seine Frau lebt.

Mit NRW hat er eigentlich nicht mehr viel zu tun, außer dass er als Hauptkommissar in Teilzeit beim Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste (LZPD) in Duisburg beschäftigt ist und vom Land NRW für diese Tätigkeit bezahlt wird. Viel mehr als einen Telefonanschluss von ihm soll es in der Behörde aber kaum geben. In Berlin lebt Wendt zunächst in einem Hotel. Die Kosten trägt seine Gewerkschaft. Schnell werden diese aber zu hoch, so dass sich die Gewerkschaft dazu entschließt, eine Wohnung am Alexanderplatz zu kaufen, in die Wendt dann zieht. Miete muss er dafür nicht zahlen. "Es ist völlig üblich, Funktionsträgern mit Wohnsitz außerhalb von Berlin die Kosten eines Hotels zu zahlen", erklärt DPolG-Bundesgeschäftsführer Sven-Erik Wecker. "Durch die Unterbringung in einer Wohnung können diese Kosten verringert werden. Keinem Funktionsträger wird zugemutet, die Kosten seiner Übernachtung selbst zu finanzieren."

Nach rund 44 Jahren scheidet Wendt auf eigenen Wunsch, wie er sagt, aus dem Polizeidienst aus. Bundesvorsitzender der Gewerkschaft will er bleiben. Er hat es bis nach oben geschafft. Doch erstmals geht es nicht mehr nur bergauf.

(csh)
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