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NRW: Welche Reformen G 8 jetzt braucht

Analyse zur Schuldiskussion in NRW : Welche Reformen G 8 jetzt braucht

Der Frust bei Eltern und Schülern über das "Turbo-Abi" ist groß. Ein runder Tisch soll die Lage beruhigen und Wege zur Entlastung aufzeigen. Doch nicht alle Korrekturen sind so einfach oder sinnvoll, wie Kritiker das gern hätten.

Der kommende Montag, wenn in Düsseldorf der runde Tisch zur Schulzeitverkürzung am Gymnasium tagt, wird ein Einschnitt für die Amtszeit von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann. Denn es geht nicht nur um die Frage, ob das Gymnasium weiter in acht Jahren zum Abitur führen soll (G 8) und wie es sich dafür organisieren muss. Es geht auch um eine Weichenstellung für Löhrmann selbst: Das "Turbo-Abi" ist unbeliebt, bei vielen Betroffenen geradezu verhasst; bisher konnte die Ministerin stets auf Fehler der Vorgänger verweisen und sich als G 8-Feuerwehr präsentieren, die die schlimmsten Härten beseitigt. Führt der runde Tisch im Grundsatz zur Bestätigung des Systems - danach sieht es aus -, dann wird G 8 endgültig zum Prüfstein für Löhrmann.

Umso dringlicher wird die Frage, wo es überhaupt noch Entlastungsmöglichkeiten gibt. Manches kann das Land allein, vieles nicht. Ein Überblick.

Lehrpläne Oft wird gefordert, beim Stoff müsse "entrümpelt" werden. In der Tat gab es jahrelang nach der Kürzung des neunten Schuljahrs keine neuen Lehrpläne - das Grundübel, sagt Bildungsforscherin Isabell van Ackeren von der Uni Duisburg-Essen: "Diese Übergangszeit hat einen Großteil der Probleme verursacht." Die Pläne liegen inzwischen vor; sie legen jetzt vor allem Kompetenzen fest - also was Schüler können sollen -, nicht mehr, was konkret durchzunehmen ist. Van Ackeren spricht von einer neuen "Steuerungslogik", die den Schulen mehr Freiheit gebe.

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Hier erneut anzusetzen, würde eine riesige neue Baustelle öffnen. Zudem erleichtern die neuen Lehrpläne schon jetzt das exemplarische Lernen - über Lösungswege, die besonders gut auf andere Probleme übertragbar sind. Beim Stoff und womöglich im Fächerkanon weiter zu streichen, stellt irgendwann den gymnasialen Anspruch infrage, vertiefte Allgemeinbildung zu vermitteln.

Dauer der Mittelstufe Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält viel davon, das G 8 in die Form zu gießen, wie Rot-Grün sie vor 2005 plante: mit Kürzung nicht wie jetzt in der Mittel-, sondern in der Oberstufe. Die Formel für Sekundarstufe I und Sekundarstufe II hieße dann "sechs plus zwei Jahre" statt wie jetzt "fünf plus drei".

Klingt einfach, wäre aber extrem kompliziert. Denn das Stundenpensum bis zum Abi ist in allen Bundesländern gleich, ebenso inzwischen das Pensum für die Sekundarstufe I aller Schulformen in NRW. Beides zusammen heißt: Verschiebt man ein Jahr, verlagert sich die Belastung massiv in die Oberstufe - es sei denn, alle Länder schnüren das Paket wieder auf, oder es gibt neue Stundentafeln für alle Schulformen in NRW.

Mittlerer Schulabschluss G 8er bekommen ihren mittleren Abschluss nach Klasse zehn. Dann sind sie aber schon in der Oberstufe. Wer nach der Neun nicht versetzt wird, hat keinen Abschluss. Auch das will die GEW ändern.

Das dürfte sinnvoll sein, aber das Problem ist das gleiche: Auch hier müssten nach Angaben des Schulministeriums alle Bundesländer tätig werden.

Schulorganisation Schule bis nachmittags, dann noch Hausaufgaben - darüber stöhnen viele Schüler. Viele Schulen reagieren, indem sie weniger Fächer pro Tag unterrichten, was die Hausaufgaben reduziert. Für eine Begrenzung der Zahl der langen Nachmittage gibt es Sympathien beim Philologenverband.

Hier könnte der runde Tisch ansetzen - mit der Begrenzung der langen Nachmittage oder der zumindest mittelfristigen Abschaffung der Hausaufgaben, die dann komplett in der Schule erledigt würden. Allen Schulen einen Stundenrhythmus vorzuschreiben, dürfte dagegen schwierig werden, auch wegen der Kooperation vieler Gymnasien etwa mit den Oberstufen von Gesamtschulen.

Ganztag Mehr als ein Problem der Unterrichtsorganisation - so etwas wie die Gretchenfrage an das Gymnasium: Nur ein Viertel der Gymnasien arbeitet im Ganztagsbetrieb, aber praktisch alle Gesamtschulen. "Am liebsten wäre uns ein verbindlicher Ganztag an allen Gymnasien", sagt GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer. "Das würde auch die Hausaufgaben-Probleme lösen, und überlange Nachmittage gäbe es nicht mehr." Denn dann fände alles innerhalb der Schulzeit statt. Philologenverband und Eltern favorisieren eher einen Kompromiss, einen offenen Ganztag ähnlich wie bei den Grundschulen, bei dem morgens unterrichtet und nachmittags Hausaufgabenbetreuung oder Förderunterricht angeboten wird. Ralf Leisner, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien, findet: "Das würde den Eltern gerecht, die die Schule besser mit ihrem Beruf vereinbaren wollen, und denen, die ihre Kinder nachmittags gern zu Hause hätten." In jeder Kommune solle es ein solches Angebot geben.

Hinter dem Ganztagsproblem steht die Frage, wie viel Verbindlichkeit die Schulen brauchen - auf jeden Fall mehr, wird man nach den bisherigen Erfahrungen sagen können. Bisher hat Löhrmann möglichst viel den Schulen vor Ort überlassen. Das stößt in der Wissenschaft auf Zustimmung. "Wir sollten nicht Einzelmaßnahmen vorschreiben", sagt etwa Isabell van Ackeren. Die Betroffenen sehen das anders: "Wir müssen die Auswüchse begrenzen", fordert Silbernagel. Aus dem Ministerium ist zu hören, Entlastungen müssten "zielgerichteter" erfolgen - oft drängen gute Beispiele nicht zu allen Schulen durch.

Fazit Zum ersten Mal steckt Löhrmann beim Thema G 8 in dem Dilemma, dass sie mit ihrer Politik auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stößt. Für den Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann ist die Ministerin dabei, ein Rennen gegen die Zeit zu verlieren: "Die Geduld der Eltern reicht nicht mehr, um eine Konsolidierung des G8 abzuwarten, und die Gesamtschulen sind noch nicht so flächendeckend vertreten, um eine echte Alternative zu sein." Bleibt sie beim G 8, stellt sich Löhrmann gegen die Stimmung im Land. Gegen Dreiviertelmehrheiten Politik zu machen, ist aber riskant, besonders in der Schulpolitik. Mit der lassen sich Wahlen schwer gewinnen, aber leicht verlieren.

(fvo)