NRW-Talentschulen: Was sie können sollen, wie sie ausgewählt wurden

Schul-Pilotprojekt in NRW : Was die Talentschulen können sollen - und wie sie ausgewählt wurden

Die Direktoren künftiger Talentschulen setzen große Hoffnungen in den Versuch. Mehr Lehrer und eine bessere Ausstattung verspricht die NRW-Bildungsministerin. Doch die Landesschülervertretung übt Kritik.

Wer in Marxloh aufwächst, hat es nicht leicht. Verwahrloste Häuser, Clan-Kriminalität, alltägliche Gewalt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es sind auch Menschen wie Holger Rinn, die den Stadtteil prägen. Rinn ist Schulleiter des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums (EHKG), einer Schule mit rund 870 Schülern. „Wir bekommen immer wieder Schüler, die nicht die besten Voraussetzungen haben, aber am Ende mit einem schönen Schulabschluss aufwarten.“

Jeden Tag stehen die 75 Lehrer vor besonderen Herausforderungen. Die Nachricht, dass ihr Gymnasium als Talentschule auserkoren wurde, gibt einen Schub. Von dem Programm erhofft sich Rinn mehr Bildungsgerechtigkeit: „Wir haben uns riesig gefreut, weil wir das für richtig halten. Ungleiches muss auch ungleich behandelt werden.“ Rinn hat einen Traum: „Ein naturwissenschaftliches Schülerlabor wäre toll.“

Das EHKG ist eine von vier Schulen im Regierungsbezirk Düsseldorf und eine von 35 in NRW, die von einer zwölfköpfigen Jury in einem ersten Schritt zur so genannten Talentschule gekürt wurden. Aus 149 Bewerbungen wurde die Marxloher Schule ausgewählt, zum kommenden Schuljahr kann sie an den Start gehen. Wer den Zuschlag bekommen hat, musste sich für eines von zwei Konzepten entscheiden: Entweder Mathematik und die Naturwissenschaften zu stärken oder den kulturell-sprachlichen Bereich. Auch die besondere Situation der Schule habe bei der Auswahl eine Rolle gespielt, etwa wie viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verließen, sagte der Jury-Vorsitzende Ewald Terhart, Pädagogik-Professor in Osnabrück. Wer in dem Wettbewerb in dieser Runde leer ausging, will das Schulministerium nicht sagen.

Es ist ein auf sechs Jahre angelegter Schulversuch, für den die Landesregierung jährlich 22 Millionen Euro in die Hand nimmt. In beinahe jeder internationalen Studie wird Deutschland dafür kritisiert, dass der Bildungserfolg entscheidend vom Elternhaus und dem sozialen Umfeld abhängt. Hier will NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ansetzen: Für die insgesamt geplanten 60 Talentschulen in sozial benachteiligten Stadtvierteln soll es über 400 zusätzliche Stellen für Lehrer und Sozialarbeiter sowie 150.000 Euro für Fortbildung geben, 2500 pro Schule. Die neuen Pädagogen sollen nach dem Willen der Ministerin angesichts des Lehrermangels auch von Unternehmen kommen, die gerade Mitarbeiter entlassen.

Jede Talentschule soll besondere pädagogische Konzepte umsetzen, an Berufskollegs etwa soll die Berufsfelderkundung ausgeweitet werden, an allgemeinbildenden Schulen die sprachliche Förderung. Die Schulen sollen die Eltern stärker einbinden und sich im Stadtviertel vernetzen, etwa mit Grundschulen, der Wirtschaft oder Talentscouts.

Doch das Konzept trifft nicht überall auf Begeisterung. Bei der Landesschülervertretung hieß es: „Nur 60 Schulen zu stärken, das ist ungenügend. Es ist noch dazu absurd, dass die Mehrheit der Schulen, die eine Förderung wirklich nötig hat, nichts aus dem Topf abbekommt“, sagte Landesvorstandsmitglied Timon Nikolaou. Das spalte auch innerhalb von Schulbezirken, die Förderung müsse flächendeckend erfolgen. Auch bei der SPD hieß es: „Es darf nicht sein, dass die Talentförderung von wenigen zulasten des Talents der anderen geht.“ Grundsätzlich positiv äußerte sich der Lehrerverband lehrer nrw: „Dieser Ansatz ist neu und verdient eine Chance. Schüler und Schulen, die mit schwierigen Voraussetzungen zu kämpfen haben, können zeigen, was mit einer breiteren und intensiveren Förderung möglich ist“, sagte die Vorsitzende Brigitte Balbach.

Schulleiter wie Raimund Hermes und Christiane Müller kümmert die Kritik kaum. Ihre Freude ist groß, dass sie zum Zuge kommen. Die Ernennung des Mercator-Gymnasiums in Duisburg-Hochfeld als Talentschule soll dabei helfen, die Schüler noch besser für Wettbewerbe wie „Schüler experimentieren“ und „Jugend forscht“ fit zu machen, sagt Hermes. Er hofft nun, dass die Schule auch digital besser ausgestattet wird.

Und Müller ist stolz, dass die Hückelhovener Hauptschule „In der Schlee“ eine von vier Talentschulen im Regierungsbezirk Köln geworden ist. Am Tag der offenen Tür am heutigen Samstag kann sie nun den Eltern von Schülern, die demnächst hier anfangen, eine weitere Perspektive eröffnen.

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