"Es können auch Koranverse gelesen werden": NRW startet islamischen Religionsunterricht

"Es können auch Koranverse gelesen werden" : NRW startet islamischen Religionsunterricht

Der Anfang ist bescheiden, aber für eine bundesweite Vorreiterrolle reicht er allemal: Als erstes Bundesland beginnt Nordrhein-Westfalen zum Start des neuen Schuljahres am Mittwoch mit der Einführung eines flächendeckenden islamischen Religionsunterrichts. Zunächst werden zwar nur 2500 der 320.000 Schüler muslimischen Glaubens in NRW in dem neuen Fach unterrichtet, und an der Universität ausgebildete Lehrer gibt es auch noch nicht.

Dennoch spricht Landesschulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) von einem "wichtigen Zeichen für mehr Integration und Teilhabe".

"Planvoll und schrittweise"

Nordrhein-Westfalen gehe beim bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht "planvoll und schrittweise" vor, versicherte Löhrmann im Vorfeld. In einem ersten Schritt wird das Fach nun an 44 Grundschulen im einwohnerstärksten Bundesland durch insgesamt 40 Lehrkräfte unterrichtet - allesamt Islamwissenschaftler, die bislang ihre Schüler in Islamkunde unterwiesen haben. In diesem neutral gehaltenen Fach lernten die Schüler bislang unter anderem die "fünf Säulen des Islam" kennen, also Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten und Pilgerreise.

Im Schulfach islamischer Religionsunterricht hingegen wird es unter anderem darum gehen, aktuelle Themen aus der Perspektive des Glaubens zu beleuchten. "Es können auch Koran-Verse gelesen werden", sagt Barbara Löcherbach vom NRW-Schulministerium. Gebetet werde im Unterricht aber nicht. Die bisherigen Islamkunde-Lehrer wurden in einem Wochenend-Kompaktseminar auf das neue Fach vorbereitet - Absolventen des in Deutschland neuen Universitäts-Studiengangs "Islamische Theologie" gibt es noch nicht. Auch der Lehrplan für den islamischen Religionsunterricht in NRW soll erst im Sommer 2013 fertig sein.

83 Prozent der Muslime für den Unterricht

Dabei scheint der Bedarf an einem Unterrichtsangebot für islamische Religion zumindest in Nordrhein-Westfalen unstrittig. Die Landesregierung legte 2010 eine Studie zu "Muslimischem Leben in Nordrhein-Westfalen" vor, in der sich eine klare Mehrheit von 83 Prozent der befragten Muslime für einen solchen Unterricht aussprachen. Dieser Wunsch der Muslime ändert freilich nichts daran, dass die bundesweit seit Jahren diskutierte Einführung von bekenntnisorientiertem islamischem Religionsunterricht verfassungsrechtlich äußerst schwierig ist.

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Islam keine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft

Denn laut Grundgesetz wird "der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt". Eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft, wie es die christlichen Kirchen sind, gibt es aber bei den Muslimen in Deutschland nicht. Vielmehr haben die unterschiedlichen Strömungen im Islam zur Gründung einer Vielzahl von Verbänden geführt, die mit dem 2007 gegründeten Koordinationsrat der Muslime (KRM) nur über eine lockere Dachorganisation verfügen.

Beirat gegründet

Aus staatlicher Sicht fehlt es also weiter an einem Ansprechpartner auf muslimischer Seite, um Lehrpläne und Lehrerausbildung zu regeln. Um diesem Dilemma zu entgehen, haben sich SPD, Grüne und CDU im rot-grün regierten Nordrhein-Westfalen auf ein Provisorium verständigt. Gegründet wurde ein unabhängiger Beirat, dem acht Experten für islamische Theologie und Religionsdidaktik angehören. Vier Beiratsmitglieder haben islamische Organisationen entsandt, die übrigen vier wurden vom Schulministerium im Einvernehmen mit den islamischen Verbänden bestimmt.

Dieser Beirat ist nun Ansprechpartner für die Landesregierung. Er vertritt die Interessen der islamischen Organisationen bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts gegenüber dem Schulministerium - allerdings nur bis Ende 2018. Denn schon aus verfassungsrechtlichen Gründen kann der Beirat nur eine klar befristete Übergangslösung sein, wie auch Löhrmann weiß. "Spätestens bis 2019 soll eine Lösung gefunden sein, die das Beiratsmodell ablöst und eine feste Vertretung der Muslime etabliert."

(AFP)
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