NRW-Landtagswahl 2017: Wo die grünen Wähler wohnen

NRW-Landtagswahlkampf : Wo die grünen Wähler wohnen

Zum ersten Mal in einem NRW-Landtagswahlkampf suchen die Grünen die Bürger zu Hause auf – weil sie so mehr Wähler in kürzerer Zeit erreichen als etwa an einem Info-Stand. Wir haben uns das mühsame Geschäft angeschaut.

Zum ersten Mal in einem NRW-Landtagswahlkampf suchen die Grünen die Bürger zu Hause auf — weil sie so mehr Wähler in kürzerer Zeit erreichen als etwa an einem Info-Stand. Wir haben uns das mühsame Geschäft angeschaut.

Der Schlüssel wird von innen zweimal im Schloss gedreht. Dann öffnet sich die Haustür, zentimeterweise. Gerade so weit, dass Kopf und Gesicht zu erkennen sind. Mittelalt, kurzgeschorenes Haar, Schnauzbart. "Ich möchte mich bei Ihnen vorstellen, ich bin Ihre Landtagskandidatin von den Grünen", sagt Martina Köster-Flashar tapfer.

"Ist nicht nötig." Die Tür geht zu, der Schlüssel wird wieder zweimal umgedreht. Als die Kandidatin den akkuraten Vorgarten verlässt, achtet sie darauf, die kniehohe Gartenpforte mit dem Extra-Sicherheitsriegel richtig zu schließen.

Über die Begegnung denkt die 54-Jährige nicht weiter nach. Sie hat vor allem ein Ziel: Hier im Wohngebiet Meide im Hildener Norden will sie an so vielen Haustüren wie möglich klingeln, Flugblätter und Visitenkarten verteilen. Jeder persönliche Kontakt kann ein Wähler mehr sein. In acht Wochen ist Landtagswahl, und die Grünen stehen in jüngsten Umfragen mit sieben Prozent so schlecht da wie lange nicht mehr. Da kommt es auf jeden Hausbesuch an.

Erstmals haben die NRW-Grünen in einem Landtagswahlkampf entschieden, flächendeckend Haustürwahlkampf zu machen. Weil sie so mehr Wähler in kürzerer Zeit erreichen als etwa an einem Info-Stand. Wie ernst es den Grünen damit auch bundesweit ist, wurde beim Bundesparteitag deutlich: Wer wollte, konnte an einer Modell-Haustür üben. Für NRW fiel der Startschuss am vorvergangenen Wochenende.

"Jetzt haben Sie mein Gesicht mal gesehen"

Martina Köster-Flashar hat schon vor mehr als drei Wochen angefangen, an den Türen zu klingeln. Ihr Wahlkreis Mettmann I ist groß: Langenfeld gehört dazu, ganz Monheim und ein Teil von Hilden. Da kann sie keine Rücksicht darauf nehmen, dass es an diesem Mittwochnachmittag in Strömen regnet. Hier im Wohngebiet mit Bungalows und Doppelgaragen vermutet sie Wählerpotenzial: Rund zehn Prozent haben bei der jüngsten Kommunalwahl für die Grünen gestimmt.

Ob das für die Bewohner in Hausnummer eins auch gilt, bleibt offen. Gleich drei Männer öffnen die Tür, bevor Flashar überhaupt klingeln kann. "Drei Herren, zwei Damen, das geht nicht auf", tönt es nach draußen. Köster-Flashar sagt ihren Spruch auf: "Ich möchte mich bei Ihnen vorstellen, ich bin Ihre Landtagskandidatin von den Grünen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir am 14. Mai bei der Landtagswahl Ihre Stimme geben."

Der Hausherr tritt vor, brauner Cordblazer, Jeans. Er lässt sich nicht davon abbringen, den Besuch vor allem lustig zu finden: "Ich wohne sogar im Grünen." Köster-Flashar ignoriert's, drückt ihm den Flyer in die Hand: "Jetzt haben Sie mein Gesicht mal gesehen. Wenn Sie Fragen oder Anliegen haben, finden Sie da meine Mail-Adresse." Eine Frage habe er schon, sagt der Mann und wird plötzlich ernst: "Sind Sie für oder gegen Flüchtlinge?" Die Kandidatin weicht mit einem Lächeln aus: "Ist doch selbstverständlich, bei den Grünen, wir setzen uns von jeher für die Belange dieser Menschen ein..." Sie wendet sich ab und geht.

150 Flugblätter, verpackt in Tupperdosen

Auf längere Diskussionen an der Haustür lasse sie sich selten ein, erläutert sie. Man dürfe die Leute nicht überfordern. Die meisten seien freundlich, würden aus einer Alltagssituation herausgerissen und hätten nicht die Muße, sich auf ein intensives Gespräch einzulassen. Sie mache dann lieber einen Termin aus. "Ich entscheide das in der Situation", sagt sie.

Am nächsten Haus ist die Lage eindeutig unpassend. Auf das Klingeln hin öffnet sich nicht die Tür, sondern das vergitterte Badezimmerfenster daneben. Ein junger Mann steckt den Kopf heraus, die Haare nass vom Duschen. Den Flyer nimmt er trotzdem.

150 Flugblätter hat die Grünen-Kandidatin heute dabei, in Tupperdosen verpackt — wegen des Regens. "Grün lässt grüßen" steht darauf und "11 Grüne Ziele!" Darunter: "Raus aus der Kohle", "Emissionsfrei, schnell und leise" oder "Kleinere Gruppen in besseren Kitas".

Vor allem Letzteres dürfte gut ankommen in den neugebauten Häusern, die sich Köster-Flashar wenig später vornimmt. Schaukeln und Rutschen stehen in den Gärten, große Plüschtiere sitzen in den Fenstern. Hier trifft ihre Freundlichkeit auf Resonanz: "Das ist ja eine Überraschung bei diesem Wetter", sagt eine junge Frau und entschuldigt sich schnell, weil ihr Baby weint. Ein paar Häuser weiter kommt auch Birgit Bücker über das Wetter mit Köster-Flashar ins Gespräch: "Sie sind von den Grünen, und dann so ein Wetter — da sind wir ja schon beim Thema", sagt sie und meint wohl den Klimawandel.

"Wir wählen Sie bestimmt nicht"

Köster-Flashar war schon vier- oder fünfmal in Wahlkämpfen für die Grünen unterwegs. Wenn am 14. Mai in NRW gewählt wird, will sie auf diese Weise 800 bis 1000 Wähler kontaktiert haben. Ein Seminar, das ihre Partei dafür eigens anbietet, hat sie auch besucht. Es sei allerdings ohnehin die Erfahrung, die zähle. Gefährliche Situationen habe sie nie erlebt, sagt sie. Aber es komme vor, dass sie sich bei ihren Hausbesuchen auch um soziale Belange kümmere. Etwa, wenn sie auf augenscheinlich vereinsamte alte Menschen trifft: "Dann spreche ich gelegentlich einen Nachbarn an."

Gegen 19 Uhr hat der Regen den grünen Stoffbeutel mit der Tupperdose komplett durchnässt. Köster-Flashar hat sich bis an den Rand des Wohngebiets vorgearbeitet. Dort stehen hohe Mehrfamilienhäuser mit abgeblättertem Putz. Die Dialoge fallen kurz aus: "Alles klar, tschüss" oder "Okay" ist manchmal alles, was die Leute sagen. Oder auch: "Wir wählen Sie bestimmt nicht."

Ganz oben aber, im sechsten Stock, wartet auf Köster-Flashar eine der erfreulichsten Begegnungen dieses Nachmittags. Eine dunkelhaarige Frau öffnet die Tür. Sie nimmt den Flyer entgegen, sagt: "Lese ich mir durch." Dann übernimmt ihr Sohn: "Ich bin in der Schülervertretung, elfte Klasse, und ziemlich engagiert. Können Sie mal in der Schule vorbeikommen?" Die Kandidatin gibt ihm ihre Mobilnummer. Und seine Mutter sagt: "Ich bin nicht passend angezogen, sonst würde ich Sie hereinbitten."

Sie ist die Einzige von 80, die an diesem Nachmittag eine solche Einladung ausspricht.

(kib)
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