NRW-Krankenhäuser: „Wir wollen nicht jeden Standort verteidigen“

NRW-Krankenhäuser: „Wir wollen nicht jeden Standort verteidigen“

Die Krankenhäuser in NRW leiden Not. Ihr Dachverband ist offen für Fusionen. Aber die Reform dürfe nicht von oben verordnet werden, fordert Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW.

NRW-Gesundheitsminister Laumann will die Krankenhauslandschaft in Nordrhein-Westfalen zusammenschrumpfen. Sind 344 Krankenhäuser in NRW zu viel?

Jochen Brink Bezogen auf die Bevölkerung hat NRW weniger Krankenhäuser als Bayern. Wir haben einen hohen Bettenstand, das ist richtig. Unsere Krankenhäuser werden in Stoßzeiten aber auch gebraucht. Etwa bei der Grippewelle im März. Da wurden wir von den Bezirksregierungen ausdrücklich gebeten, möglichst viele stationäre Aufnahmekapazitäten bereitzuhalten.

Also ist die Strukturdebatte überflüssig?

Brink Die aktuelle Diskussion ist geprägt von Plänen für mehr Konzentration. Es sollen ja nicht nur ganze Häuser verschmelzen. Herr Laumann will auch, dass Leistungen etwa in der Herzchirurgie, in der Frühgeburts-Medizin und für seltene Erkrankungen in neuen Zentren konzentriert werden.. Den Plan der Landesregierung für die neuen elf medizinischen Zentren in NRW machen wir mit. Außerdem sollen benachbarte Krankenhäuser, die dasselbe Leistungsspektrum vorhalten, ihre Doppelvorhaltungen abbauen und Spezialisierungen untereinander aufteilen. Auch das kann sinnvoll sein. Wir wollen gar nicht jeden Standort bis aufs Letzte verteidigen. Wir sagen nicht: alles muss bleiben wie es ist.

Klingt, als seien Sie ein Fan von Laumanns Krankenhausreform …

Brink … wir kennen den Plan im Detail ja noch nicht. Er entsteht ja erst. Deshalb kann von einer Skepsis gegenüber dem NRW-Gesundheitsminister auch keine Rede sein. Aber wir sind skeptisch gegenüber dem Gutachter, den Herr Laumann mit einem Entwurf für seine Krankenhausreform beauftragt hat.

Warum?

Jochen Brink (Archiv). Foto: KGNW

Brink Zu den Federführern dieses Gutachtens gehört Reinhard Busse, ein Berliner Professor für Management im Gesundheitswesen. Er hat an anderer Stelle bereits gesagt, dass von den bundesweiten 1370 Akutkrankenhäusern in Deutschland nur 325 für die Versorgung notwendig seien. Wir haben in NRW 284 Akutkrankenhäuser. Davon blieben nach dieser Logik 67 über. Das geht zu weit und wäre ein eklatanter Einschnitt in die Versorgung. Wenn Herr Laumann Einschnitte dieser Größenordnung plant, werden wir uns konsequent gegen den Kahlschlag in der NRW-Krankenhauslandschaft wehren.

Wie denn?

Brink Als ersten Schritt werden wir unsere Mitarbeiter und die Bevölkerung über die negativen Folgen für die Patientenversorgung informieren. Wenn die Schließung einzelner Abteilungen oder Häuser landespolitisch vorgegeben wird, können die Krankenhäuser dagegen klagen. Unter Umständen steht den Betreibern dann Schadensersatz zu. Aber ich hoffe, dass es gar nicht so weit kommt, weil wir schon vorher einen Konsens mit der Landespolitik erzielen. Umstrukturierungen haben ja auch immer etwas mit Investitionen zu tun. Herr Laumann stellt den Krankenhäusern in NRW, die aus eigenem Antrieb Strukturreformen anpacken, bis 2022 ja bereits 900 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Das ist ein hoffnungsvolles Signal.

Reichen 900 Millionen Euro für eine landesweite Krankenhaus-Reform?

Brink Sicher nicht. Eine ernsthafte, landesweite Krankenhausreform würde mehrere Milliarden Euro kosten. Die Krankenhäuser in NRW haben ja bereits jetzt einen Investitionsstau in Höhe von 12 Milliarden Euro.

Mit wie vielen NRW-Krankenhäusern könnten Sie leben?

Brink Das kann man nicht sagen. Die rein statistische Betrachtung auf Basis von Planzahlen führt zu praxisfernen Ergebnissen. Man muss die Regionen einzeln betrachten und mit den Playern vor Ort reden, um von der Basis aus eine Struktur zu entwickeln. Reißbrett-Vorgaben von oben führen zu praxisfernen Ergebnissen.

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Deshalb will Laumann ja, dass Sie eigene Vorschläge machen. Wann kommt Ihr Vorschlag?

Brink Das ist Aufgabe der regionalen Krankenhausträger. Ich bin zuversichtlich, dass da eine Menge von Vorschlägen kommen wird. Aber einen Entwurf der Krankenhäuser für einen landesweiten Krankenhausplan wird es nicht geben. Schon deshalb nicht, weil wir keinen flächendeckenden Handlungsbedarf sehen. Außerdem haben wir mit der Strukturreform ja auch schon längst begonnen. Wir haben von 2013 bis heute schon circa 2000 Betten abgebaut. In den letzten zehn en (Seit 2008 )hat sich die Zahl der Krankenhäuser – oft durch Fusionen – ­ von 418 auf 344 Krankenhäuser verringert.

Heißt das, Sie werden Laumanns Vorschlag mangels eines eigenen Dachkonzepts akzeptieren?

Brink Zunächst kommt das Gutachten auf den Tisch. Erste Ergebnisse noch in diesem Jahr, der Rest Mitte nächsten Jahres. Wie auch immer die Reform am Ende ausfällt. Die Krankenhäuser und ihre Betreiber erwarten jedenfalls vom NRW-Gesundheitsminister, dass er das Ergebnis der NRW-Krankenhausreform gegenüber der Öffentlichkeit gemeinsam mit ihnen vertritt. Wenn es in der Bevölkerung zu Unzufriedenheiten kommen sollte, muss Herr Laumann die Verantwortung auch mitübernehmen.

Laut einer aktuellen Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG unter Geschäftsführern von Kliniken in NRW erwarten nur rund 41 Prozent ein positives Jahresergebnis. Im vergangenen Jahr verzeichneten noch rund 84 Prozent der Krankenhäuser ein positives Jahresergebnis. Können die NRW-Krankenhäuser nicht wirtschaften?

Brink Doch. Aber wir sind mit ständig neuen Herausforderungen konfrontiert. Zum Beispiel liegt die Steigerungsrate bei den Budgets der Häuser seit Jahren hinter den allgemeinen Tarifsteigerungen zurück. Wir nennen das Tarifschere. Deshalb wachsen unsere Budgets seit Jahren langsamer als unsere Personalkosten. Mit dem jetzt verabschiedeten Personalstärkungsgesetz soll zukünftig jede neue zusätzliche Pflegekraft finanziert werden.

Wie viele Krankenhäuser in NRW sind derzeit defizitär?

Brink Der Krankenhaus Rating Report 2018 des Essener Gesundheitsökonomen Professor Boris Augurzky hat 18 % defizitäre Krankenhäuser für 2017 ermittelt.

Welche Einsparpotenziale sehen Sie?

Brink Im Personalbereich wohl kaum. Da stehen wir im Wettbewerb um eine schrumpfende Anzahl an Fachkräften. Bei den Sachkosten ist die Zitrone ebenfalls ausgelutscht. Ich sehe keine Einsparpotenziale mehr bei den Krankenhäusern in NRWInsofern ist die Zusammenlegung von Häusern und Stationen tatsächlich die einzige Möglichkeit, Kosten zu senken. Aber wie gesagt: Es muss regional auch realistisch sein. Chancen für Effizienzsteigerungen sehen wir bei der Digitalisierung, für die aber zunächst auch Investitionen nötig sind.

In Düsseldorf und Essen haben die Pfleger gegen ihre Unterbesetzung auf den Stationen gestreikt. Sind Krankenhäuser unbeliebte Arbeitgeber?

Brink Nein. Die Pflege engagiert sich zurecht für mehr Wertschätzung. Sowohl von Ärzten, wie auch von Management und Politik. Die Lage war in den vergangenen Jahren wegen Unterbesetzung sehr schwierig. Aber wir können nicht einfach mehr Pfleger einstellen. , weil es gar nicht genug Pfleger gibt und der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Wir haben mit der Politik ein Sofortpaket verabredet für zusätzliche Kurse an den Pflegeschulen. Jetzt gibt es viele neue zusätzliche Ausbildungslehrgänge

Bis wann ist die Lücke geschlossen?

Brink Die Krankenhäuser sind grundsätzlich bereit, zusätzliches Pflegepersonal einzustellen und damit auch einen Beitrag zur Patientensicherheit zu leisten. Es braucht aber Zeit, den erforderlichen Personalaufbau insbesondere durch eigene Ausbildungsanstrengungen zu erreichen. Die Krankenhäuser können nur mehr ausbilden, wenn die dafür erforderlichen Lehrkräfte vorhanden sind. Hier besteht besonderer Handlungsbedarf, da es aktuell zu wenig Studienplätze für das Lehrpersonal gibt.

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