Bundesweite Studie der Bertelsmann-Stiftung: NRW ist das Land der Bildungsabsteiger

Bundesweite Studie der Bertelsmann-Stiftung : NRW ist das Land der Bildungsabsteiger

In deutschen Schulen ist die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nach wie vor groß. Das geht aus dem "Chancenspiegel" im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. In NRW geht die Bildungsschere besonders weit auseinander.

Die Chancen von Schülern, soziale Nachteile zu überwinden und ihr Leistungspotenzial auszuschöpfen, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland deutlich. Das zeigt der am Montag in Gütersloh veröffentlichte "Chancenspiegel", mit dem die Bertelsmann Stiftung und das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund die Schulsysteme aller Bundesländer auf Chancengerechtigkeit untersucht haben.

Ergebnis: Kein Land ist überall spitze, kein Land überall Schlusslicht - aber die Unterschiede zwischen den Ländern sind erheblich. Bewertet wurden Gerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der Schulsysteme in vier Dimensionen: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Vergabe von Schulabschlüssen (Zertifikatsvergabe).

"Die Bundesländer müssen deutlich mehr voneinander lernen", zog das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, Bilanz. IFS-Direktor Wilfried Bos betonte, dass ausnahmslos alle Bundesländer Entwicklungsbedarf hätten. Wünschenswert sei eine bessere und transparentere Datenlage, um die Vergleichbarkeit zu stärken.

NRW-Kinder haben schlechte Karten

Kinder aus ärmeren Familien haben im Ländervergleich an nordrhein-westfälischen Schulen schlechte Karten. Ein Kind mit besserer sozialer Herkunft hat in NRW eine 5,5 Mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen, als ein Kind aus der Unterschicht, errechneten die Forscher. Im bundesweiten Durchschnitt beträgt der Faktor 4,5. Erstmals seien die Schulsysteme aller Bundesländer auf Chancengerechtigkeit untersucht worden.

Einem Schüler, dem es gelingt, von seiner weiterführenden Schule auf eine höhere Schulform zu wechseln, stehen in NRW 8,5 Schüler gegenüber, die auf eine niedrigere Schulform wechseln. Bundesweit kommen auf einen Aufstieg zwischen den Schulformen lediglich 4,3 Abstiege.

Abi-Durchschnitt von 46 Prozent

Dafür sind die NRW-Schulen bei der Vergabe der Hochschulreife besonders großzügig: 54 Prozent der jungen Erwachsenen erhalten Zugang zu den Hochschulen - das ist der höchste Abiturientenanteil aller Bundesländer. Bundesweit sind es lediglich 46 Prozent. Auch bleiben in NRW nur 6,5 Prozent der Schüler ohne Schulabschluss.
Bundesweit sind es sieben Prozent.

Überdurchschnittlich ist auch der Anteil der Kinder in Förderschulen, früher Sonderschulen genannt. 5,3 Prozent aller NRW-Schüler sind Förderschüler - bundesweit liegt die Quote bei glatten fünf Prozent. Bei der Quote der Sitzenbleiber schneidet NRW etwas besser ab: 2,5 Prozent aller Schüler der Sekundarstufe bleiben sitzen. Bundesweit sind es 2,9 Prozent.

Löhrmann sieht sich bestätigt

Von den Schülern, die höchstens einen Hauptschulabschluss haben, erhalten in NRW nur 38 Prozent einen Ausbildungsplatz im Dualen System. Bundesweit waren es fast 42 Prozent.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) erklärte dazu: "Die Ergebnisse der Studie bestätigen unseren Weg einmal mehr, für ein sozial gerechteres Schulsystem zu sorgen." Die neuen Sekundarschulen, die zum Sommer an den Start gehen, seien eine Antwort auf diese Herausforderung. Mit dem längeren gemeinsamen Lernen würden die Bildungswege der Kinder länger offen gehalten.

Das sei ein wichtiger Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit. "Dass dies der richtige Weg ist, zeigen die guten Ergebnisse der Gesamtschulen", betonte die Landesministerin. Rund Dreiviertel derjenigen, die hier ihr Abitur machten, hatten nach der Grundschule keine Gymnasialempfehlung.

"Hier bestehen Gerechtigkeitslücken"

Laut Studie ist in Sachsen-Anhalt der Anteil der Kinder, die auf einer separaten Förderschule unterrichtet werden und keinen Zugang zur Regelschule haben, nahezu drei Mal höher als in Schleswig-Holstein. Und in Sachsen besuchten drei von vier Schülern eine Ganztagsschule, in Bayern nicht einmal jeder zehnte. "Hier bestehen Gerechtigkeitslücken, denn sowohl die Ganztagsschule als auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschancen", sagte Dräger.

Ein regionales Gefälle zeigt sich auch im Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz: In Bremen ist die Lesefähigkeit sozial schwacher Schüler deutlich schlechter als in Brandenburg. Eine Zugangsberechtigung zur Hochschule erreichen neben NRW auch Hamburg, im Saarland und in Baden-Württemberg jeweils mehr als die Hälfte der Schüler, in Mecklenburg-Vorpommern nicht einmal 36 Prozent.

Saarland mit guten Ergebnissen

Laut Studie erzielt das Saarland gute Ergebnisse in den Dimensionen Durchlässigkeit und Zertifikatsvergabe - und liegt auch in der Integrationskraft und der Kompetenzförderung im bundesdeutschen Mittelfeld. Hamburg weist im Bundeslandvergleich sehr gute Resultate in den Dimensionen Durchlässigkeit und Zertifikatsvergabe aus, bietet seinen Schülern allerdings in der Kompetenzförderung nur schlechte Chancen.

Auch Sachsen schafft in Sachen Durchlässigkeit und Kompetenzförderung den Sprung unter die erfolgreichsten 25 Prozent der deutschen Länder, hat allerdings zugleich insbesondere in der Zertifikatsausschöpfung Entwicklungspotenzial. Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen sind Länder, die mindestens einmal in der Spitzengruppe vertreten sind und bei keiner Dimension einen Platz in der unteren Ländergruppe belegen.

Hier geht es zur Infostrecke: OECD-Studie: das deutsche Bildungssystem 2011

(rpo/lnw/kna)