Weiterentwicklung der Oberstufe NRW erwägt fünftes Abiturfach – und mehr

Düsseldorf · Es gibt Überlegungen zu Änderungen am Abitur in NRW. Das Schulministerium spricht vom Ziel, die Oberstufe am Gymnasium „zukunftsfest aufzustellen“. Wie sich Eltern, Schüler und Lehrer dazu äußern.

Klausuren und mündliche Prüfungen gehören für junge Menschen dazu. Sind neue Prüfungsvarianten oder Leistungsbeweise sinnvoll?

Klausuren und mündliche Prüfungen gehören für junge Menschen dazu. Sind neue Prüfungsvarianten oder Leistungsbeweise sinnvoll?

Foto: dpa/Sina Schuldt

Man befinde sich mit „in einem konstruktiven Austausch über die Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe“, umschreibt es das Landesschulministerium von Dorothee Feller (CDU). Dabei geht es nach Informationen unserer Redaktion unter anderem um die mögliche Einführung eines fünften Abiturfachs. Außerdem wird über neue Prüfungsformate gesprochen, etwa Präsentationen. Und es steht die Idee im Raum, sogenannte „besondere Lernleistungen“ regelhaft zu etablieren. Damit können beispielsweise Projektarbeiten für die Abinote zählen. Die Möglichkeit dazu gibt es zwar heute schon, in der Praxis spielt sie in NRW aber kaum eine Rolle.

Das Schulministerium erklärte dazu, dass es einen „Weiterentwicklungsprozess“ gebe, dessen Ziel es sei, „die gymnasiale Oberstufe zukunftsfest aufzustellen“ – mit Blick auf schulische, gesellschaftliche und technische Fortentwicklungen, etwa den Einsatz künstlicher Intelligenz. Ab wann Änderungen greifen könnten, ist unklar.

Die Landeselternschaft der Gymnasien ist von der Idee zu einem fünften Abiturfach nicht begeistert. „Wir haben Sorge, dass die Schülerinnen und Schüler über Gebühr belastet werden. Es käme noch viel Arbeit obendrauf: ein Fach mehr, auf das man sich adäquat vorbereiten müsste“, sagte der Vorsitzende Oliver Ziehm unserer Redaktion. „Und gleichzeitig könnten neue Prüfungsformate den Abschluss leicht, locker und beliebig machen“ – etwa, wenn es für Präsentationsprüfungen oder „besondere Lernleistungen“ keine richtigen Standards gebe.

Vor allem warnt die Landeselternschaft vor der Idee, die Erstellung einer Facharbeit in der Oberstufe zum Ausgleich für ein fünftes Prüfungsfach künftig wegzulassen. „Der Nachteil an dieser Hausarbeit war immer die berechtigte Sorge, dass Eltern zu viel helfen – oder mit Blick auf künstliche Intelligenz, dass junge Leute das von ChatGPT erledigen lassen“, räumte Ziehm ein. Aber um solchem Betrug vorzubeugen, müssten Lehrkräfte die jungen Leute eben eng begleiten oder ihnen in Prüfungen auf den Zahn fühlen. „Die Fähigkeit, einen wissenschaftlichen Text zu verfassen, ist wichtig für die Vorbereitung auf ein Hochschulstudium – und dafür ist das Abitur schließlich da.“

Grundlage für alle Diskussionen ist eine Vereinbarung der Kultusministerkonferenz, also der Bildungsministerinnen und -minister der Bundesländer. Deren Ziel ist es, die gymnasiale Oberstufe deutschlandweit möglichst vergleichbar und gleichwertig zu gestalten. Vom Philologenverband NRW hieß es, man habe sich eingehend mit diesen Grundlagen befasst und sei „offen im Denken“ – habe aber Vorbehalte. „Man muss aus unserer Sicht nicht glauben, dass wir unbedingt fünf Fächer brauchen, nur weil es viele andere Bundesländer haben“, sagte die Landesvorsitzende Sabine Mistler. „Wir haben vier Prüfungsfächer und Gott sei Dank fünfstündige Leistungs- und dreistündige Grundkurse.“ Das biete ein gutes Fundament fürs Abitur. Zwar hätten junge Menschen mit fünf Fächern mehr Auswahlmöglichkeiten, um ihr Können zu beweisen. Dafür könnten sie sich aber auf vier Fächer eher konzentrieren. Es sei also die Frage, ob und wozu junge Menschen nun ein weiteres Fach bräuchten.

Schülervertreter würden mehr Flexibilität aber begrüßen. „Grundsätzlich finden wir ein fünftes Abiturfach durchaus sinnvoll“, sagte Theo Blaesse von der Landesschüler*innenvertretung NRW. „Es könnten wesentlich mehr Fächerkombinationen zustande kommen.“ Zu leicht werde die Sache damit nicht, meinte er: Schließlich müsse man nach wie vor festgelegte Leistungen erbringen. „Das Abitur in Deutschland funktioniert einfach so, dass man gewisse Wahlfreiheiten hat“ – mit einem weiteren Fach käme nur eine weitere dazu. „Gerade zu Beginn wird auch eine besondere Lernleistung oder ein neues Prüfungsformat für die meisten nicht besonders einfach sein“, befand er weiter. Stattdessen könnten Fähigkeiten wie selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten trainiert werden, die ansonsten im Schulalltag zu kurz kämen. „Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb.“

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