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Düsseldorf: Mutig und klug - das Ehepaar Beitz

Düsseldorf : Mutig und klug - das Ehepaar Beitz

Der Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen 2011 wird am Montagabend dem Ehepaar Else und Berthold Beitz verliehen. Das Land würdigt den mutigen Einsatz der beiden zur Rettung von rund 150 Juden im besetzten Polen, aber auch die Verdienste um Wirtschaft und Zivilgesellschaft in NRW.

Es gibt Zeiten, in die man gestellt wird und die man sich nicht ausgesucht hat. Dem Ehepaar Else und Berthold Beitz ist genau dies passiert. Als der 27-jährige Beitz, ein Angestellter der Ölgesellschaft Shell, im besetzten Polen 1941 die Leitung der Fördergesellschaft Beskiden-Öl-AG in Boryslaw übernahm, war er zum einen für einen Großteil des deutschen Öl-Nachschubs verantwortlich. Ohne den Treibstoff aus Polen wäre die Wehrmacht bei ihren großen Operationen im Osten schnell am Ende gewesen. Zum anderen wurde das Ehepaar Beitz Zeuge eines gewaltigen Massenmords, der vor ihren Augen durch Landsleute und deren ukrainische Schergen verübt wurde. Der agile Jungmanager hatte seine Frau Else, eine 21-jährige fröhliche Hamburgerin, mit in dieses unwirtliche Gebiet in Galizien genommen — und obendrein die erst 1940 geborene Tochter Barbara. Die Trennung wäre beiden zu hart gewesen.

Es war die schwerste Bewährungsprobe des jungen, aufstrebenden Paares. Er — eine elegante, politisch eher konservative Persönlichkeit, sie — eine lebensbejahende, eher sozialdemokratisch geprägte Partnerin. Beide erlebten in zweieinhalb Jahren, von 1941 bis 1944, die Hölle der Kriegswirtschaft mit ihren Zwangsarbeitern, Todeskommandos und SS-Mördern. Wer hier überleben wollte, musste entweder mitmachen oder mit großem Mut und Klugheit dem Bösen widerstehen. Das Ehepaar Beitz entschied sich für Letzteres. Trotz der hohen Stellung von Beitz — er gebot immerhin 13 000 Arbeitern und war für einen der kriegswichtigen Wirtschaftsstandorte verantwortlich — zögerten der junge Manager und seine Frau keine Sekunde, sich für die bedrängten Zwangsarbeiter und vor allem die dem Tode geweihten Juden einzusetzen. Und es ist vor allem dafür, dass die beiden heute mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet werden.

Inmitten von Nazi-Verbrechern und dubiosen Mitläufern auf allen Ebenen war dem Ehepaar Beitz schnell klar, dass es sich verstellen musste. Berthold und Else Beitz hielten aber durch, fanden gleichgesinnte Freunde wie etwa den Personaldirektor Hermann Malz, mit dem sie sich austauschten — auch über ihre Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Bei anderen war das weniger klar bis unmöglich.

Den ersten Schock erlebt Beitz bereits bei seiner Ankunft in Boryslaw. Die Rote Armee hatte bei ihrer überstürzten Flucht zahllose Ukrainer, Polen und Juden ermordet. Beitz sah überall Leichen, während die Deutschen und die mit ihnen verbündeten Ukrainer ausgerechnet die Juden zwangen, die Leichen zu beseitigen. Plötzlich bricht ein gewaltiges Pogrom über die Juden herein ("Die Juden sind schuld"), ausgelöst von den Ukrainern, gefördert durch die Deutschen. Erst nach drei Tagen Morden beendet der deutsche Ortskommandant die Hetzjagd. Das Grauen über die Untaten hat die Welt des Ehepaars Beitz grundlegend verändert.

Doch die beiden bewahrten in dieser Unmenschlichkeit ihre humanistische Haltung. Der Öl-Direktor Beitz erklärt Hunderte von Juden zu unentbehrlichen Arbeitern in der Rüstungsproduktion, er macht sogar mit der Berlinerin Hilde Berger eine Jüdin zu seiner Sekretärin — gleich neben der Nichtjüdin Evelyn Döring, die er als alte Freundin seiner Frau aus Hamburg in die Hölle nach Boryslaw holt, um Verbündete zu haben.

Es ist die Zeit, in der das Ehepaar mindestens 150 Juden das Leben rettet, Polen und Juden vor Aktionen der SS warnt und sich der Jungmanager Beitz selbst bei Nazi-Größen für "seine" Juden einsetzt. Das ist teilweise mit hohen Risiken verbunden. Mehr als einmal wird er bei der Gestapo angezeigt, muss vorsprechen und wird einmal nur dank eines Bekannten freigelassen, der sich an ihn noch aus gemeinsamen Kindertagen erinnerte.

Oft halfen Beitz auch seine Aura und Autorität, die auf dienstbeflissene SS-Schergen wie den wankelmütigen Untersturmführer Friedrich Hildebrand Eindruck machten. Dieses "typische Produkt des Terrorapparats", wie der Beitz-Biograf Joachim Käppner in seinem jüngst erschienenen Werk ("Berthold Beitz. Die Biografie") über den unheimlichen Helfer schrieb, hatte offenbar großen Respekt vor dem ungeliebten Judenretter. Man wusste nie, ob Beitz womöglich Kontakt bis zur Spitze der SS, vielleicht sogar zu Heinrich Himmler hatte. So rettete Beitz mit der Erlaubnis des SS-Manns viele Juden. Die Fähigkeit des Betriebsleiters, diesen Respekt zu vermitteln, rettete dem Ehepaar Beitz wohl selbst mehrfach das Leben. Mutig zu sein allein reichte nicht. Man musste auch klug und gerissen sein, um in der Nazi-Hölle zu überleben.

Dabei ist die Rettung der Juden nicht allein der Grund der Ehrung. Ohne Beitz hätte der Krupp-Konzern, dessen Generalbevollmächtigter er ab 1953 war, nicht als unabhängiges Unternehmen überlebt. So zählt der gebürtige Pommer zu den wichtigsten Wirtschaftsgrößen der Nachkriegszeit. Der Wiederaufstieg des Ruhrgebiets und Nordrhein-Westfalens nach 1945 trägt eindeutig auch seine Handschrift. Doch bleibt die Judenrettung die herausragendste Lebensleistung von Berthold und Else Beitz. "Ich war kein Held, ich war nur einfach ein Mensch", hat Beitz einmal gesagt, als er darauf angesprochen wurde. Über die Ehrung "Gerechter unter den Völkern" des Landes Israel hat er sich aber mehr gefreut als über viele andere Auszeichnungen.

Was Rechtschaffenheit für Beitz bedeutet, zeigt auch seine Aussage 1966 im Prozess gegen den SS-Mann Hildebrand, der zigfach geholfen hatte. Er entlastet den früheren Lagerkommandanten mit den Worten, er habe nie gesehen, dass Hildebrand "Juden erschossen hat". Dem SS-Mann nützt es nichts. Er wird wegen anderer Verbrechen zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Beitz erklärte später seine damals kritisierte Aussage: "Mit Hildebrands Hilfe habe ich viel für die Verfolgten erreicht. Die Fairness gebot es mir, die Dinge so zu berichten, wie ich sie erlebt hatte."

(RP/pst)