Missbrauchsfall Lügde: Herbert Reul im Interview

„Nicht verantwortlich für jeden Fehler“ : Reul sieht sich im Fall Lügde ohne Schuld

Der NRW-Innenminister sagt, er habe im Fall des massenhaften Missbrauchs keine Fehler gemacht. Für die vielen Ermittlungspannen sei er nicht verantwortlich. Auch warum er noch keine Opfer besucht hat, erklärt er im Interview.

Im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde sieht NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) von einem persönlichen Besuch der Opfer ab. „Ich hatte es zwar überlegt, mich aber dann dagegen entschieden. Das sind schließlich noch Kinder. Die fragen sich doch: Was will der Mann aus Düsseldorf hier?“, sagte Reul im Gespräch mit unserer Redaktion. Auch die betroffenen Eltern und Familien werde er nicht besuchen. „Leute, die was von der Sache verstehen, haben mir geraten: Überlassen Sie das lieber den Profis“, betonte Reul. Er sei davon überzeugt, dass die polizeiliche Opferbetreuung in diesem Fall gut gelaufen sei.

Auf dem Campingplatz in Lügde soll ein 56-jähriger Dauercamper mit einem Komplizen (33) über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die Polizei geht bislang von 40 Opfern aus. Die Zahl dürfte laut Ermittlungen aber steigen, weil es noch zwölf Verdachtsfälle gibt, die geprüft werden. Die Parzelle auf dem Campingplatz, in der die Taten begangen worden sein sollen, wird zur Grünfläche umgestaltet. Reul selbst besuchte den Tatort nach eigenen Angaben bisher nicht.

Nach den massiven Versäumnissen bei der Ermittlungsarbeit der zunächst zuständigen Kreispolizei Lippe hatte sich der Fall immer mehr zu einem Polizeiskandal ausgeweitet. Drei Beamte aus der Führung der Polizei Lippe wurden bereits versetzt. Gegen zwei weitere Polizisten laufen Strafverfahren, weil sie frühe Hinweise auf den Kindesmissbrauch nicht an die Staatsanwaltschaft Detmold weitergeleitet hatten. Reul weist eine Verantwortung für die Pannen von sich. „Ich bin nicht verantwortlich für jeden Fehler, den Einzelne in meinem Verantwortungsbereich machen“, sagte der Minister. Er selbst habe in dem Fall bislang keine Fehler begangen. „Aber ich schließe es nicht aus. Niemand ist unfehlbar“, so Reul.

Der massenhafte Missbrauch von Kindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren war erst durch die Anzeige einer Mutter im Oktober 2018 ans Licht gekommen. Die rund 60 Personen umfassende Ermittlungskommission konnte in dem Missbrauchsfall rund 3,3 Millionen Bilder und 86.300 Videos sicherstellen. Von dem kleinen Teil der Beweismittel, die aus den Asservatenkammern verschwunden sind, fehlt nach wie vor jede Spur. Neben der Polizei steht auch das zuständige Jugendamt in der Kritik. Der Hauptverdächtige war schon vor Jahren durch übergriffiges Verhalten aufgefallen. Dennoch wurde er als Pflegevater eines Mädchens eingesetzt.

Gefragt nach seiner Verantwortung sagte Reul, er halte nichts davon, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Man sollte seine eigenen Hausaufgaben machen. Aber manchmal wundere er sich schon, wenn der Eindruck erweckt werde, er sei in Lügde der Alleinverantwortliche. „Vielleicht ist das aber auch die logische Folge meiner Transparenz-Offensive. Weil ich mich um Aufklärung bemühe, muss ich natürlich fast jeden Tag schlechte Nachrichten überbringen“, erklärte Reul. „Klar, dass da auch was am Absender hängen bleibt.“

Die beiden Verdächtigen und ein 48-Jähriger aus Stade sitzen in Untersuchungshaft. Der Stader soll den Missbrauch live im Internet verfolgt haben. Gegen die weiteren Beschuldigten wird unter anderem wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material ermittelt.

(csh/tor)
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