NRW-Wahlkampf in Bielefeld: Merkel hört den Bürgern zu

NRW-Wahlkampf in Bielefeld : Merkel hört den Bürgern zu

Angela Merkel ist Naturwissenschaftlerin. Die machen gerne Versuche. Die Kanzlerin versuchte nach Begegnungen in Erfurt und Heidelberg gestern Abend in Bielefeld, mit hundert Bürgern in einen Dialog über die Zukunft Deutschlands einzutreten.

Da die Kanzlerin auch CDU-Chefin ist, diente der Dialog gewiss auch dazu, im aktuellen NRW-Wahlkampf zu zeigen, dass die Partei Merkels sich als eine solche durch das Volk, für das Volk und mit dem Volk versteht.

"Wovon wollen wir leben?" — so lautete das Thema des Bürgerdialogs, der letzten von drei Veranstaltungen dieser Art. Merkel wollte erfahren, was Bürger vorschlagen, damit Deutschland Wohlstand und Lebensqualität sichern kann, wie Arbeit sicherer und attraktiver gemacht werden, schließlich, wie das Industrieland innovativ bleiben kann. Da Merkel Wolkenkuckucksheime meidet, also politisch gerne Bodennähe sucht, war ihr an Vorschlägen mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre gelegen.

"Wir machen heute einmal verkehrte Welt, ich höre ihnen zu" — so begrüßte die Kanzlerin die zuvor ausgesuchten beziehungsweise ausgelosten Bürger.

Und die nutzten die 90 Minuten für allerlei Anregungen. Einige Beispiele: bessere Wiedereingliederungs-Möglichkeiten nach Elternzeit. Bessere Verzahnung schulischer und betrieblicher Ausbildung. Flexiblere Arbeitszeiten. Rentenkürzungen für Kinderlose. Wertschätzung jeglicher Arbeit, egal ob vom Chefarzt oder von der Reinigungskraft. Mehr Sprachförderung im Kindergarten, besonders für Migrantenkinder. Rente nach 45 Arbeitsjahren, auch vor dem 65. Lebensjahr. Gegen den herkömmlichen Bildungsföderalismus. Bekämpfung des Ärztemangels auf dem Land, mehr Plätze für Medizinstudenten.

Der Zukunftsdialog Merkels mit den Bürgern beschränkt sich nicht auf die drei Treffen in Erfurt, Heidelberg und Bielefeld. Bis zum 15. April kann jeder Bürger im Internet unter www.dialog-ueber-deutschland.de seine Vorschläge unterbreiten beziehungsweise Vorschläge anderer kommentieren. Ein 120-köpfiges Team unabhängiger Fachleute, das sich bereits seit dem Frühjahr 2011 Gedanken über Deutschlands gute Zukunft macht, wird die Anregungen, Meinungen, Vorschläge sichten.

Ob und wie die Vorschläge von der Politik aufgegriffen werden, ist noch offen. Sicher jedoch ist, dass eine kleine Gruppe von Bürgern mit besonders wichtigen und zukunftstauglichen Ideen zu einem weiteren Treffen mit der Kanzlerin nach Berlin eingeladen werden. Auch die gestern gemachten Vorschläge gingen nicht nur ins Ohr Merkels; sie fanden auch den Weg ins Netz. Und: In Bielefeld stand auch eine gute alte Zettelbox.

(RP/csi)
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