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„ARD Story: Konfrontation“ Hendrik Wüst – vom Grünen-Fresser zum Grünen-Versteher

Düsseldorf/Köln · Ein TV-Gespräch mit filmischen Reportageelementen zeigt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst als grundsoliden Landeschef mit Ambitionen auf mehr. Reicht es zum Kanzlerkandidaten oder gar zum deutschen Regierungschef?

Screenshot aus "Konfrontation: Markus Feldenkirchen trifft Hendrik Wüst (r.)".

Screenshot aus "Konfrontation: Markus Feldenkirchen trifft Hendrik Wüst (r.)".

Foto: WDR Westdeutscher Rundfunk/Julia Feldhagen

Die Schlüsselszene spielt im letzten Drittel des TV-Porträts. Ein Besuch des ARD-Reporters Markus Feldenkirchen im kühl gehaltenen Büro von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) in dessen Düsseldorfer Staatskanzlei. Der Christdemokrat studiert Akten. Die Kamera schwenkt auf den Schreibtisch. Nur das Nötigste ist dort zu sehen, ein paar Schriftstücke, ein Buch, ein unscheinbares Familienbild, eine Kaffeekanne und die Telefonanlage. Der Journalist Feldenkirchen, der Wüst für die ARD-Reihe „Konfrontation“ porträtiert, zeigt plötzlich das gleiche Zimmer, als noch Vorgänger Armin Laschet dort residierte. Akten, Schriftstücke, Bücher, lose Zettel bedecken den Schreibtisch, selbst das Sideboard hinter dem Regierungschef steht voll mit Erinnerungsstücken vieler Reisen und Begegnungen.

Man ahnt es. So ein Chaot konnte nie und nimmer Bundeskanzler werden. Hendrik Wüst hingegen schon: Akkurat, klar, effizient, diszipliniert, gründlich. So kommt der stets jugendlich wirkende CDU-Politiker im Gespräch und im Film Feldenkirchens rüber, der am Montag um 22.50 Uhr im Ersten ausgestrahlt wurde. In dem sehr wohlwollenden Porträt samt angenehmer Gesprächsatmosphäre kann sich Wüst entwickeln. Gedanklich steht er schon in der Reihe Angela MerkelOlaf Scholz – Hendrik Wüst. „Wir sind alle nördlich des Weißwurstäquators zu Hause“, meint der Christdemokrat mit Blick auf die kühle Zurückhaltung als wesentliche Charaktereigenschaft dieser Reihe. In einem deutschen Kanzleramt hat wohl seit 2005 keiner mehr mit großen Emotionen eine Chance.

Elegant umschifft Wüst auch immer wieder dieses Thema, auf das es sein Gesprächspartner Feldenkirchen vornehmlich abgesehen hat. Kann Wüst Kandidat oder gar Kanzler? Ist er besser als Friedrich Merz, der Angreifer? Oder Markus Söder, der Rabauke? Oder Daniel Günther, der Sanfte? Obwohl der amtierende CDU-Vorsitzende Merz in der Europawahl gerade einen beachtlichen Erfolg eingefahren und die Partei zuvor fast geräuschlos neu aufgestellt hat, ist für Wüst die Kandidatenfrage nicht entschieden: „Ich glaube, da ist die Frage offen, sonst hätten wir es ja entschieden. Und solange es nicht entschieden ist, ist das offen“, sagt der gebürtige Westfale umständlich. So einfach will er es Merz nicht machen. Der Weg in den wuchtigen Bau an der Spree ist eine brutale Auslese. Das wird klar, auch wenn Wüst demonstrative Zurückhaltung übt und seinen innerparteilichen Rivalen über den grünen Klee lobt. Zumal es ihm auch politisch nicht besonders klug erscheint, die Frage vor den wichtigen Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern mit starker AfD zu entscheiden. Da könnte ein Kandidat irreparabel beschädigt werden.

Musterschüler, so charakterisiert Feldenkirchen sein Gegenüber. Eine Frau wie Christel Wegmann, seine politische Ziehmutter aus seiner Heimatstadt Rhede im westlichen Münsterland, beschreibt ihn als sehr ehrgeizig. Für den langjährigen Weggefährten Georg Milde hat Wüst die nötige Nervenstärke für das wichtigste Staatsamt. Befähigt ihn das zur Kandidatur? „Nerven brauche ich auch als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen“, gibt sich Wüst betont bescheiden.

Klar wird, dass Wüst nichts dem Zufall überlässt. Schon seine Landtagskandidatur als 29-Jähriger habe er, so berichtet Wegmann, intensiv vorbereitet. „Er kann Mehrheiten finden, gerade die älteren Menschen liebten Hendrik“, berichtet die frühere Rheder Vorsitzende der Frauenunion. Und er hat sich in den politischen Kampf gestürzt, als in Rhede unerwartet ein Grüner Bürgermeister wurde. „Das konnte er nicht akzeptieren“, meint die Frau, die ihn laut ARD-Film offensichtlich politisch entdeckt hat.

Ob Wüst wirklich Kanzler kann und will, wird im Porträt Feldenkirchens nicht beantwortet, so oft der Journalist den Politiker auch damit konfrontiert. Der Christdemokrat bringt einige Voraussetzungen mit: juristisches Fachwissen, Intelligenz, die Organisation von Mehrheiten, Disziplin, Belastbarkeit, schnelle Auffassungsgabe, strukturierte Vorgehensweise, die Kunst, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, politische Raffinesse. Aber reicht das? Ist Wüst hart und skrupellos genug, die mächtigste Position, die Deutschlands Politik zu bieten hat, zu erobern? Er sieht gerade die Demontage eines Mannes, der sich unbedingt für geeignet hält: Olaf Scholz. Und er verfolgt den Weg des starken Mannes der Union, der gleichzeitig unter fehlender Beliebtheit leidet: Friedrich Merz.

Dessen Defizite kann Wüst ausgleichen. Er kommt bei den Frauen und in der klassischen Mitte des aufgeklärten Bürgertums an. Sein Rebellentum, seine schneidige Angriffslust auf die Grünen hat er abgelegt. Seit dem Skandal um gekaufte Gespräche mit seinem früheren Chef, dem einstigen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Galt er früher als Grünen-Fresser, sagen laut eigener Aussage heute die ihm Nahestehenden. „Er ist ein Grünen-Versteher.“ Er beweist es durch die harmonische Koalition mit der Ökopartei, die vertraute Nähe zur starken Frau der Grünen, Mona Neubaur. „Schwarz-Grün ist Arbeit“, sagt Wüst. Und in Anspielung auf Merz fügt er hinzu: „Der Hauptgegner waren die Grünen für mich nie.“ Das ist zwar glatt gelogen, aber heute trifft es sicher zu.

Der smarte hoch aufgeschossene Landeschef, der stets gepflegte Anzüge trägt, oft mit Krawatte, hält sich für höhere Aufgaben zumindest bereit. Er würde sonst seinen politischen Marktwert beschädigen, auch wenn er „gerade“ mit dem Amt des Ministerpräsidenten glücklich ist. „Gerade“ wirft ihm Feldenkirchen entgegen. Wüst lässt sich nicht in die Karten schauen. Er ist noch nicht einmal 50 Jahre alt, was in Deutschland offensichtlich als die Mindestaltersgrenze für das Amt gilt. Wüst kann warten.

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