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Unterschiede zwischen Fächern Arbeitszeiterfassung – was die Lehrkräfte in NRW wollen

Düsseldorf · Viele arbeiten viel zu viel, andere – je nach Fächerkombination und Klassenstufe – kommen entspannter weg. Lehrer in NRW fordern Fairness bei der Arbeitsverteilung. Wie das vernünftigerweise zu regeln wäre, darüber gibt es aber unterschiedliche Ansichten.

Wie viel arbeiten Lehrerinnen und Lehrer? Das weiß derzeit niemand genau, es ist aber auf jeden Fall sehr unterschiedlich.

Wie viel arbeiten Lehrerinnen und Lehrer? Das weiß derzeit niemand genau, es ist aber auf jeden Fall sehr unterschiedlich.

Foto: dpa/Daniel Karmann

Lehrkräfte in NRW fordern die Erfassung ihrer Arbeitszeit und klare Regeln gegen Überstunden. Theoretisch sollten Lehrer wie andere Beamte eine 41-Stunden-Woche haben. „Das funktioniert aber überhaupt nicht. Sie kommen locker auf 46, 48 oder mehr Stunden, weil die außerschulischen Arbeitszeiten der Lehrer überhaupt nicht gezählt werden“, sagte die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Ayla Çelik, unserer Redaktion. Das gelte auch, wenn man die Ferienzeiten einrechne.

Korrekturen, Vor- und Nachbereitungen, Verwaltungs- und Elternarbeit oder die Organisation von Klassenfahrten schlagen zu Buche. „Es ist absurd, dass wir an einem Arbeitszeitmodell aus dem 19. Jahrhundert festhalten“, so Ayla Çelik. „Aber das Land scheut sich vor einer Arbeitszeiterfassung, weil ganz klar ist, dass der Lehrkräftemangel heute über Mehrarbeit aufgefangen wird.“ Wenn das erst einmal schwarz auf Weiß ermittelt sei, könne die Landesregierung es nicht mehr dabei belassen.

Grundsätzlich arbeiten Lehrkräfte nach dem sogenannten Deputat-Modell. Sie müssen eine festgelegte Zahl an Unterrichtsstunden geben. Alle Aufgaben jenseits des Klassenraums kommen einfach dazu. Dass das unfair ist, ist offensichtlich: Wer Deutsch und Englisch in der Oberstufe unterrichtet, hat mehr begleitende Arbeiten als der Kollege, der Sport und Erdkunde in der Unterstufe gibt. Befeuert wird die Debatte durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das eine Arbeitszeiterfassung verlangt. Wie die Staaten das im Detail umzusetzen haben, wird unterschiedlich interpretiert. In Deutschland steht eine bundesgesetzliche Regelung bislang aus.

Die Bildungsminister der Bundesländer diskutieren kontrovers über die Problematik. Unterschiedliche Standpunkte gibt es aber auch unter den Lehrervertretern selbst. Für die GEW ist klar: „Die Arbeitszeiterfassung muss her.“ Der Lehrerverband NRW ist hingegen grundlegend skeptisch. „Wir fahren gut mit der Vertrauensarbeitszeit“, befand Verbandspräsident Andreas Bartsch. „Der einfachste Weg, eine vernünftige Arbeitsbelastung hinzukriegen, wäre, Anrechnungsstunden an die Schulen zu geben.“ Entlastungsstunden, mit denen Schulleitungen die Pflichten der stärker belasteten Lehrerinnen und Lehrern gezielt reduzieren könnten.

Neben der Erfassung der Arbeitszeit wird auch über Konzepte diskutiert, die das Deputatmodell komplett ersetzen könnten. Praktische Erfahrungen damit gibt es begrenzt. Im Hamburger Modell etwa wird für die diversen Aufgaben des Lehrerjobs, für verschiedene Fächer oder den Einsatz in Ober- oder Unterstufe ein jeweils unterschiedlicher zeitlicher Aufwand angesetzt, daraus fügt sich die Arbeitszeit zusammen.

Auch dabei seien die theoretischen Berechnungen aber nicht wirklich gerecht, kritisieren GEW und Lehrerverband einhellig. Außerdem sei das Ganze für die Lehrkräfte offenbar nicht einmal gut: In Hamburg seien viele in die Teilzeit geflüchtet. „Ich fordere die Kultusminister der Bundesländer dazu auf, erstmal eine vernünftige Arbeitszeituntersuchung zu machen, bevor man sich mit irgendwelchen neuen Modellen beschäftigt“, sagte Andreas Bartsch.

Das NRW-Schulministerium von Dorothee Feller (CDU) teilte mit, es stehe der Diskussion offen gegenüber. Man prüfe, „inwieweit die Gestaltung der Lehrkräftearbeitszeit Potenziale zu einer Verbesserung der Unterrichtsversorgung erschließen“ und „die Arbeitsgestaltung der Lehrkräfte optimieren“ könne – im Sinne der Fürsorgepflicht als Dienstherr. Man stehe in engem Austausch mit der Telekom-Stiftung über ein geplantes länderübergreifendes Modellprojekt zur Arbeitszeiterfassung. Wann dieses starten oder wie es im Detail ausgestaltet sein wird, ist noch nicht klar. Vor weiteren schulrechtlichen Schritten will das Land auf ein Bundesgesetz zur Arbeitszeiterfassung warten.

Die Opposition im Landtag mahnt Änderungen auch an, um mehr Menschen in den Job zu bekommen. „Die Landesregierung will den Lehrberuf doch attraktiver machen. Dazu braucht es natürlich ein vernünftiges Arbeitszeitmodell: ein Anforderungsprofil, über das angehende Lehrkräfte auch sehen können, wie genau sich ihre Aufgaben wirklich gestalten werden“, sagte die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Dilek Engin. Die Leute müssten schließlich wissen, auf was sie sich einlassen. Bei einer Neuregelung müsse das Land aber dafür sorgen, dass im Schulleben keine Konkurrenz um Entlastungen ausbreche: „Missgunst unter Lehrkräften brauchen wir nicht.“

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